Musiktherapie in Hospizarbeit und Palliative Care

Im deutschen Gesundheitssystem hat die Begleitung von Schwerstkranken und Sterbenden bislang keine Priorität. Noch immer erhalten nur rund drei Prozent der Betroffenen eine professionelle Palliative-Care-Versorgung (professionelle medizinische und pflegerische Begleitung Schwerstkranker und Sterbender). Besonders spürbar ist dieser Mangel dort, wo die meisten Menschen sein möchten, wenn sie sterben: zu Hause.

Umso erfreulicher ist es, dass in den bestehenden Einrichtungen inzwischen hervorragende Arbeit geleistet wird und eine Reihe sehr unterschiedlicher Professionen integriert ist. So auch Musiktherapeutinnen und -therapeuten.

Mit dem vorliegenden Buch, das die Musik als schöpferische, Sinn gebende Bewältigungshilfe von Trauer ins Zentrum stellt, fassen zwei in der Hospizarbeit erfahrene Kolleginnen den momentanen Erfahrungsstand auf diesem Gebiet zusammen. Als Ausgangspunkt wählen die Autorinnen Beispiele, in denen Sterben, Tod und Trauer musikalisch be- und verarbeitet wurden. Dann werfen sie einen Blick auf die medizinische und psychologische Seite des Leidens sterbender Menschen und bedenken dabei besonders onkologische Patienten. Es wird ein Einblick in die Hospizarbeit und die Palliativmedizin gegeben und das Forschungsprojekt „Netzwerk achtsame Sterbekultur“ der Universität Heidelberg vorgestellt.

Wie schwierig und wie wichtig die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf diesem Gebiet ist, beschreiben die Autorinnen ebenso wie spezifisch Musiktherapeutisches.

Die Autorinnen beschäftigen sich, das finde ich besonders erwähnenswert, auch mit der Frage des kollektiven Traumas der Nazizeit. Und sie widmen ein ganzes Kapitel der Spiritualität sowie der besonderen Rolle der Musik und der Musiktherapie diesbezüglich. Abschließend werden hilfreiche (Therapeutinnen/Therapeuten-) Haltungen umrissen.

Ich selbst habe nach der Lektüre des Buches immer wieder in einem Kapitel über Atmosphären im öffentlichen Raum nachgelesen. Dort wird kurz ein Thema angerissen, das ich ausgesprochen spannend finde. Es geht dabei um die Wichtigkeit von symbiotischen Erlebnissen als „Wiederbelebung guter innerer Erfahrungen“ (S. 61). In Abgrenzung zu Psychoanalytikern, die die Sehnsucht nach absoluter Harmonie zu einseitig pathologisieren, sehen die Autorinnen in der Sehnsucht nach Verschmelzungserfahrungen eine suchende Kraft von Menschen, die an der Grenze des Lebens sind (ebd.).

Ich kann diesen Ansatz gut nachvollziehen, der musiktherapeutisch die Aufgabe erwachsen lässt, Menschen, die nicht mehr oder momentan nicht die Kraft haben, Harmonie selbst herzustellen, darin zu unterstützen. Bis hin zur Verschmelzung in der Musik, denn auch das ist Leben.

Ein interessantes Buch also und gewiss für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in entsprechenden Einrichtungen oder auch der ambulanten Sterbebegleitung sehr hilfreich. Nicht nur für Musiktherapeutinnen und -therapeuten!

Martin Lenz in Soziale Psychiatrie

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Martina Baumann und Dorothea Bünemann: Musiktherapie in Hospizarbeit und Palliative Care. München/Basel: Ernst-Reinhardt-Verlag, 2009, 140 S., 19,90 EUR