Die Seele zum schwingen bringen

Ich setze mich an den Computer und schreibe den kürzestes Rezensions-Akkord, der mir einfällt. Er klingt so: Musik berührt. Dieses Buch auch. Sehr.

Wie fänden die drei, denen wir diese Geschichten aus der Musiktherapie verdanken, wohl so eine Mini-Besprechung? Ich denke: Sie würden es gar nicht irgendwie „finden“, sie würde es so sein lassen. Denn das scheint ihre Methode, ihr Vorgehen, ihre Kunst zu sein, die sie eindrücklich beherrschen: Sein lassen, wachsen lassen – nicht werten, nicht beurteilen, nicht drängen – warten, begleiten, mitschwingen. Und am Ende vielleicht ein bisschen mitfreuen, wenn sich etwas bewegt hat.

Was passiert dadurch? Nicht nur diese Rezension wächst noch ein bisschen.

Wer also „zaubert“ da? Die Antwort finde ich im Vorwort: „Wir Autoren sind eine Lehrerin, die auch Musiktherapeutin ist, ein Sozialpädagoge, der ebenfalls Musiktherapeut und Journalist ist, und ein Musiktherapeut, der einmal Lehrer war. Wir drei arbeiten mit sehr unterschiedlichen Menschen: Mit Schülerinnen und Schülern, mit behinderten Kindern, mit psychisch kranken Erwachsene. Wenn Sie Lust haben, unserer musiktherapeutischen Arbeit ein wenig zu lauschen, wenn es Sie interessiert, warum wir mit unserer Arbeit oft so glücklich sind, dann fangen Sie doch irgendwo in diesem Büchlein an.“

Und dann ist es überhaupt nicht schwer, sich von den kurzen Begegnungs-Geschichten mit Jennifer, Florian, Timo, Christine, Frau P. und vielen anderen berühren zu lassen. Es passiert von ganz alleine, so wie in der beschriebenen Musiktherapie selbst.

Die Worte und Sätze der melodischen Textminiaturen sind wie Noten, mal in Moll, mal in Dur, mal traurig-anrührend, mal leicht-beschwingt, und immer punktgenau gesetzt.

Das spürbare Taktgefühl und Musik-Knowhow der Autorin und der Autoren ist auch in der Textkomposition spürbar und macht die Lektüre zu einem sinnlichen Genuss.

Ihre Begleitungs-Kunst scheint – genauso wie ihr „Werkzeug“, die Musik – irgendwie „subkutan“ zu wirken, sie geht unter die Haut, schleicht sich behutsam ins Innere und berührt ganz nebenbei und zart das Herz – der kleinen und der großen Menschen, mit denen sie arbeiten, und jetzt der Menschen, die dieses Buch öffnen.

Die so einfühlsam geschilderten (Hin-)Hörerlebnisse sind in sechs „Strophen“ gegliedert, ein etwaiges Motto für alle entnehme ich der Geschichte von Florian und dem Nena-Song: „Hast du etwas Zeit für mich. Dann singe ich ein Lied für dich ...“

Die letzte Geschichte vor dem informativen „Nachspiel“ mit Wissenswertem aus und zur Musiktherapie ist ein Traum, aus dem ich nur ein paar Sätze zitieren kann: „Eine Ärztin und eine Psychologin gehen ins Gespräch vertieft über die Station. Ich höre: ‚Die Patientin braucht mehr Bach. Vielleicht sollten wir die Dosis auf dreimal täglich eine halbe Stunde heraufsetzen. Aber bitte keine Passionsmusik.’ Auf der Nachbarstation komme ich gerade recht zur Medikamentenausgabe. Im Medikamentenschrank stehen hunderte CDs. Sorgfältig stellen die Schwestern für jeden Patienten einen Musikcocktail zusammen.“

Musik als Medizin. Es scheint zu funktionieren.

Übertragen auf dieses Buch: Früher wären seine Geschichten der Liedermix auf der Verschenk-Kassette gewesen, heute vergleichbar mit einer selbst gebrannten Sampler-CD mit den persönlichen Favoriten. Auf jeden Fall eine Sammlung von „Top-Hits“ aus der Arbeit von Begleitungsprofis, ob mit Trommel, Gitarre, Seifenblasen oder als Helfer auf dem Weg zum Superstar – hören Sie mal rein, es wird Sie berühren. Versprochen.

Hartwig Hansen im Eppendorfer

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Eva-Maria Brettschneider, Lutz Debus, Martin Lenz: Die Seele zum Schwingen bringen – Geschichten aus der Musiktherapie. Balance Erfahrungen, 140 Seiten, 14,90 Euro

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