Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven

Sie suchte nicht nur die Provokation - sie war auch eine. Sie war ein Skandal - und auf wunderbare, verstörende Weise bei sich selbst. Sie war ein Monster, als Mensch und Künstlerin. Was als Ausdruck meiner Bewunderung gemeint ist.

Das Leben der Dada-Baronin Elsa von Freytag-Loringhoven – den Kennern der New Yorker Dada-Szene vom Anfang des letzten Jahrhunderts schon länger ein Begriff - liegt nun endlich der allgemeinen Öffentlichkeit in einer beeindruckenden Biografie vor, erschienen in der exquisiten edition ebersbach. Als Biografin zeichnet die deutsche Literaturprofessorin aus Kanada, Irene Gammel, die über ihr Sujet jahrelang recherchiert hat. Übersetzerin ist Claudia Kotte. Elsa Baronin von Freytag-Loringhoven, diese Deutsche, die am Anfang des 20. Jahrhunderts New York und später Paris auf den Kopf stellte als Dada Queen, als quasi erste Surrealistin, mit ihren Performances, ihrer bahnbrechenden kinästhetischen Körperkunst und ihren Gedichten, war sie denn nun eine verkannte weibliche Künstlerin in einer Männerwelt, nur geduldet unter den seriöseren Dada- und Sonstwiekünstlern? Oder eher eine Verrückte, mit Psychiatrie-Erfahrung gar, interessant zwar, aber doch irgendwie spinnert und verstiegen?

Die deutsche Baronin kam 1874 als Bürgerstochter Elsa Plötz in Swinemünde zur Welt und tauchte als verheiratete Baroness von Freytag-Loringhoven (in dritter Ehe) Anfang des 20. Jahrhunderts in New York auf, wo sie, die mittellose Witwe mit immerhin Noblesse, viele Jahre aushielt, sich als Aktmodell ernährte, die Performance für sich entdeckte, und mittenmang in der Bohemeszene oft genug den Ton angab. Denn sie war theatralisch und extrem, eine Abenteurerin und "Bilderstürmerin", eine Brecherin von Tabus, mit einem kongenialen Gespür für die Möglichkeiten ihrer Zeit. "In meinem Bereich war ich so wagemutig wie Lindbergh", sagte Baronin Elsa über sich und fügte gern hinzu, sie sei "verrückt, begabt, amüsant", "aber eklatant unkonventionell".

Das wird niemand leugnen wollen. Ihre Ausdrucksform sah sie selber als Protest gegen alles Konventionelle. Das sah oft dergestalt aus, dass ihr BH aus durch Hundeketten verbundenen Milchdosen bestand, während auf dem Kopf ein Pflaumenkuchen thronte, auf dem Gesäß ein Rücklicht, und sie in diesem Outfit u.a. die Botschaft des Pariser Generalkonsulats buchstäblich heimsuchte. Oder sie beklebte ihre Brustwarzen mit Briefmarken, die sie Tage vorher aus einem Apartment gestohlen hatte, dessen rechtmäßiger Besitzer dieselben auf einer New Yorker Künstlerfete als seine wiedererkannte. Meist war ihr Kopf rasiert und zinnoberrot lackiert, was sie damit begründete: "Sich den Kopf zu rasieren, ist wie ein neues Liebeserlebnis." Manchmal trug sie das Obere eines Kohleneimers als Hut, der unter ihrem Kinn wie ein Helm festgeschnallt war. Zwei Senflöffel als Ohrschmuck wirkten wie Federn. Die Abenteurerin auch in sexuellen Dingen ("Jede Nacht ein neuer Mann") war verliebt vor allem in sich selbst, in ständig neuen Kostümierungen.

Am Ende ihres Lebens blieb vom strahlenden Trotz ihres widersprüchlichen Wollens nur noch Leerlauf. Mitsamt ihrem kleinen Hund fand sie 1927 in Paris ihr ambivalentes Ende mit nur 52 Jahren: Sie erstickten an ausströmendem Gas in ihrer ärmlichen Unterkunft, als sozusagen das Chaos aufgebraucht war. Und was die Frage nach dem objektiven Marktwert der Baronin betrifft, ist in meinen Augen der größte Fehler dieses wunderbar aufgemachten, opulenten und lange fälligen Buches, dass die Biografin Gammel die Bedeutung der Dada-Baroness hier leider weniger in einer leidenschaftlichen, sinnlichen Beschreibung ihres Lebens, ihrer Kunst entfaltet, sondern vielmehr kulturhierarchisch mitzuhalten versucht und darauf pocht, die Baronin sei ihren prominenteren Dada-Kollegen wie z.B. Marcel Duchamp oder Man Ray ebenbürtig. Als müsste jede Persönlichkeit in der Kunstszene mehrheitsträchtig sein! Dabei muss die Baronin keinesfalls rehabilitiert werden. Sie gehört eindeutig in die schöpferische Zeit des New Yorker Dada Anfang des 20. Jahrhunderts.

Sie ist "Dada‘s Mama", sie ist die notorische New Yorker Dada Queen. Diverse Künstler und Künstlerinnen verschiedener Generationen hat sie beeindruckt und beeinflusst. Sie ist nicht aus der Künstlerboheme wegzudenken und schon lange keine Unbekannte mehr! Sie stellt den Geist ihrer Zeit dar, auch wider deren Willen und Wissen. Und in der Summe ihrer Extreme ist sie einfach genial, die Dichterin und Malerin, die vor allem als Performance-Künstlerin avant la lettre glänzte. Sie war die Erste, die aus Müll Kunst machte. Mit ihrer erotischen Körperkunst war sie Vorläuferin der heutigen Performance-Kunst von Rebecca Horn, Yoko Ono und Marina Abramovic. Müde konventionellen Lebens, stand sie Modell für Künstler. Müde konventioneller Kleidung, kreierte sie Kostüme, durch die sie unter Arrest geriet, wann immer sie in den Straßen erschien.

Müde öffentlicher Beschränkungen, sprang sie von Wachautos mit derartiger Behändigkeit, dass die Polizisten sie vor Bewunderung laufen ließen. Schließlich, müde, nichts zu Essen zu haben, fand sie Arbeit in einer Zigarettenfabrik, wo sie dermaßen Zorn provozierte, dass eine ihrer Co-Arbeiterinnen in einem Wutanfall à la Bizet ("Carmen") ihr zwei Seitenzähne ausschlug, was dennoch Baronin Elsas Würde keinen Abbruch tat. Sie schrieb und malte den ganzen Tag und die ganze Nacht in ihrer New Yorker Zwei-Zimmer-Mietwohnung, dabei meist drei Hunde in Logis. Sie produzierte Kunstobjekte aus Blechfolie, Müllresten, die sie auf der Straße gefunden hatte, Glasperlen, die sie aus einem Store gestohlen hatte. Wahrscheinlich war diese Zeit der Höhepunkt ihrer Kunst.
Die Baroness vertrat eine groteske, verfremdete Ästhetik quasi als Ausdrucksmittel des Unbewussten der sozial und kulturell Unterdrückten. Sie hatte ihre Kunst auf die Straße verlegt, um eine neue Asphalt-Ästhetik zu schaffen.

Sie wollte Schönheit statt Indifferenz. Ihre Auffassung von Kunst, die sie bereits bei den Kosmikern um Stefan George in München erlernt hatte, war zutiefst anti-akademisch. Wahnsinn war der von ihr gewählte Bewusstseinszustand. In diesem Bewusstseinszustand produzierte sie Kunst. Entsprechend löste die Baroness eine Debatte um die "Art of Madness"(Kunst des Wahnsinns) aus, die die Modernisten gegen die Dadaisten aufbrachte. In der legendären Kulturzeitschrift "Little Review" wurde sie zum umstrittenen Star, deren Lyrik und Prosagedichte zeitgleich mit den berühmt-berüchtigten Fortsetzungsepisoden des "Ulysses" von James Joyce erschienen. Dass die Baroness nun Eros und Sexualität in den Mittelpunkt rückte, versetzte die Zeitschrift in eine noch nie dagewesene Kontroverse.

Als Bürgerin des Schreckens, Zeitgenossin ohne Heimat und von seltsamer Schönheit bezeichnete die amerikanische Avantgardeschriftstellerin Djuna Barnes die Baronin, mit der sie sich zögerlich anfreundete und für die sie sich später auch häufig finanziell einsetzte. Die Galeristin Peggy Guggenheim und die Verlegerinnen des "Little Review" unterstützten die schräge und anstrengende Baronin ebenfalls, die mit ihrem unorthodoxen Witz die eine oder andere ehrbare Künstlerin öffentlich aus dem Takt bringen konnte, wie z.B. die spanische Pianistin D’Alvarez, die stolz bei einem Konzert in New York verkündete: "Meine Kunst ist der Menschheit gewidmet. Ich singe nur für die Menschheit." Worauf die Baronin für alle Anwesenden hörbar konterte: "Ich würde für die Menschheit kein Bein heben."

Dass die Biografin Gammel die "lustbetonte Sexualität" der Baronin einzukategorisieren versucht, trübt zugegebenermaßen meine Lesefreude. Tut das Not? Wer will schon Etikettierungen lesen wie: "Wildes ausschweifendes Leben", "trotz ihrer Sinnlichkeit blieb sie sexuell unerfüllt", "indem sie jedoch den ehemaligen Militäroffizier sexuell abkommandierte, kontrollierte sie die Sexualität als solche“, "„Elsa war enttäuscht über dieses stilistische Einschnüren ihrer wilden Erotik"“ oder gar: "Ihr erotisch aufgeladener Körper sollte dem jungen Amerikaner die Lektionen der europäischen Moderne beibringen"?! Dann doch lieber wie die Baronin kompromisslos gegen den öffentlichen Geschmack, statt kompromisslerisch schwierige Gefilde aus dem Bereich des Sexuellen zu benennen und ungewollt peinlich zu machen. Außerdem: Was soll das überhaupt sein, wilde Erotik?

Nach ihrem Tod wurde die deutsche Baronin in die Reihe der Exzentrikerinnen gestellt und erst einmal vergessen. Erst 1996/97 glänzte sie neben Marcel Duchamp, Man Ray und Francis Picabia als Star der Show in der großen New Yorker Dada-Ausstellung im Whitney Museum of American Art: "Making Mischief: Dada Invades New York". 2002 wurde ihr in New York die weltweit erste Retrospektive: "Die Kunst der Elsa von Freytag-Loringhoven" gewidmet. Und es gab ein Schauspiel über sie im gleichen Jahr in San Francisco. Ihre Memoiren schrieb sie 1924 bis 1926 an ihre Freundin Djuna Barnes. Sie wurden 1992 und nur auf Englisch veröffentlicht. Sie verdiente mit ihrer Darstellungskunst keinen Pfennig. Nur als Modell wurde sie bezahlt. Sie verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in völliger Armut, angewiesen auf ihre loyalen Freunde.

1925 wurde die Baronin bei ihrer Rückkehr nach Deutschland nach einem Zusammenbruch auf der Straße in die Landesirrenanstalt in Eberswalde/Berlin interniert, jedoch als weder fremd- noch selbstgefährend frühzeitig entlassen, denn sie sei "keinen Deut verrückt, sondern arm und am falschen Ort", auch wenn man ihr schizophrene Symptome sowie Wahnvorstellungen, paranoide Gefühle und einen Hang zu Sprachspielen attestierte. Trotzdem will mir beim Leben und Sterben der Baronin Elsa der wunderbare Ausspruch von Bertolt Brecht nicht aus dem Kopf gehen: "Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit."
Nun endlich die farbenprächtige Lebensgeschichte der wohl rätselhaftesten und schillerndsten Künstlerin im Wirbelsturm der Moderne in einem prächtigen Buch.

Brigitte Siebrasse in Soziale Psychiatrie

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Irene Gammel: Die Dada Baroness. Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven. Berlin: edition ebersbach (2003), 256 S., 34,00 Euro.