Hölderlin und die Psychiatrie

Wenig Freude bereitet es, wenn große, verdienstvolle Künstler und Künstlerinnen mit ihren kleinen oder großen Auffälligkeiten in den Fokus der Psychiatrie-Experten geraten, die einem vermeintlichen schizophrenen Gen mehr Aufmerksamkeit zollen wollen als ihrer Kunst. Psychiatrisch diagnostizierte Hochbegabungen wie Virginia Woolf, Georg Trakl, Sylvia Plath, Unica Zürn, Béla Bartók und viele andere hinter einer Diagnose verschwinden zu sehen, macht eher missmutig denn neugierig und offen. Große Zuneigung hege ich für unsere Ausnahmekünstlerinnen und –künstler und ihren ausgeprägten Blick auf Beschädigungen, die eben auch unsere sind.

Friederike Mayröcker gehört dazu, Österreichs Grande Dame der Literatur, bald 90 Jahre alt, die beiläufig und grandios eine Hommage für Friedrich Hölderlin („Hälfte des Lebens“) in ihre lyrische Prosa mischt, kreativ und unverwechselbar, Werk und Künstler schätzend: „Ich sasz auf 1 blut’gen Ast über mir die hängenden Verse“ (aus: „Ich bin in der Anstalt, Fusznoten zu einem nicht geschriebenen Werk“, 2010).

Und Hölderlin selber, seit über 200 Jahren immer wieder unter diesem und jenem Seziermesser, mal schizophren, mal schizo-affektiv, mal ohne psychische Gebrechen, mal Opfer seiner revolutionären Zeit. 1770 geboren, 1843 mit 73 Jahren gestorben, ist Hölderlin einer der bedeutendsten Dichter deutscher Sprache. 1806/07 ist er in einer akuten psychischen Krise, darüber mehr als ein halbes Jahr zwangsweise in der Psychiatrie der Tübinger Universitätsklinik, behandelt mit den damals gängigen Methoden wie Isolation, Einsamkeit, ständiges „Laxieren“, Fixieren mit „weichem baumwollenen Garne“ bis hin zur „Autenrieth’schen Gesichtsmaske“ bei Schreianfällen. Danach war er kränker als zuvor. 36 Jahre lebte er „geistig umnachtet“ in so genannter Hauspflege bei der Handwerkerfamilie Zimmer im Turmzimmer (Hölderlinturm) in Tübingen am Neckar. Bis heute galten die Dichtungen seiner 36-jährigen Turm-Zeit als missglückt und seiner Krankheit geschuldet ...

Erst 2008 erfüllte ein Symposium auf dem Homburger Schloss, zu der die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde und die Hölderlin-Gesellschaft eingeladen hatten, die Regeln der Wissenschaft und die laienhafte Neugier und revidierte den psychiatrischen Blick auf ihn. Festgehalten und nachzulesen sind all die Bestrebungen des psychiatrischen Fortschritts in dem Kongressband „Hölderlin und die Psychiatrie“. Eine schöne Überraschung: Hölderlins Wiederbelebung aus der Enge der psychiatrischen Sicht hin zu multidisziplinärer Sicht und Offenheit ist gelungen und beachtlich.

Fünfzehn Aufsätze bieten aus den Perspektiven von Historie, Philosophie, Psychiatrie und Literaturwissenschaft neue Gedanken zu Hölderlins „Besonderheiten.“

Thematisch besteht eine Dreiteilung: Hölderlin und die Psychiatrie in seiner Zeit, Hölderlins „Wahnsinn“ als Teil der Rezeptionsgeschichte sowie Hölderlin ((fehlt hier was?)) für unsere Zeit, inklusive des Verhältnisses zu Hölderlin in der DDR. Es gibt eine behutsame Annäherung an die Psychiatrisierung Hölderlins und seine Beschädigung als Einflussfaktor auf das künstlerische Werk.

Hervorhebenswert sind die Aufsätze der Herausgeber als explizite Hölderlin-Experten. Jann E. Schlimme überdenkt zum Beispiel den Philosophen und Psychiater Karl Jaspers und dessen Hölderlin-Interpretation, der bereits 1922 der Meinung war, es sei „unfruchtbar, auf Hölderlin’sche Dichtungen grobe psychopathologische Kategorien anzuwenden“. Um sogleich zu ergänzen: „Wohl aber können Eigenschaften dieser Dichtung Licht werfen auf das Wesen des Schizophrenen und den Begriff des Schizophrenen selbst anschaulicher erfüllen.“ Uwe Gonther untersucht den Psychiater Uwe Peters, der in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Pathografiestudie wieder aufnimmt und bei Hölderlin eine „Schizophasie“ sowie die „Abwehr homoerotischer Impulse“ festgestellt hat. (Kraepelin, der Erfinder der Schizophrenie, lässt grüßen.)

Spannend ist auch, dass Uwe Gonther den französischen Germanisten und Hölderlin-Biografen (von 1978), Pierre Bertaux, vorstellt, der konsequent und ohne bei den Psychiatern nach Verbündeten zu suchen behauptete, Hölderlin habe den Wahn nur vorgespielt, allein um sich politischer Verfolgung zu entziehen, er sei keine Sekunde psychisch krank gewesen.

Der Zeitgeist, der Hölderlin und die Entstehung der neuen Disziplin Psychiatrie umweht, findet ausgiebig Beachtung im Buch, auch von philosophischer Seite. Das ermöglicht, an die Kontroverse über Hölderlins „Wahnsinn“ ohne alte Denkbarrieren heranzugehen. „Dichtung und Wahnsinn“ bleibt als antiquiertes „romantisches Klischee“ endlich auf der Strecke. Und die angeblich stereotypen späten Gedichte Hölderlins werden in ihrem hintergründigen, logisch erklärlichen Anliegen neu bewertet.

Die beiden Herausgeber enden ihre klugen Erwägungen zu Hölderlin mit dem Resümee, dass kein noch so komplexes und subtil differenzierendes Krankheitskonzept den Menschen in seiner Gänze erfassen kann und dass es sie als Wissenschaftler nicht klüger mache, dies einzugestehen, aber menschlicher.

Hölderlin scheint viel herzugeben. Es lebe Hölderlin und die Kunst.

Brigitte Siebrasse in Soziale Psychiatrie 2/2014

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Gonther Uwe, Schlimme, Jann E.: Hölderlin und die Psychiatrie. Bonn: Psychiatrie Verlag, Edition Das Narrenschiff, 3. Auflage 2013, ISBN 3-88414-513-5, 304 Seiten, 29,95 Euro