Hölderlin und die Psychiatrie

»Krankheit habe sein Leben verdunkelt« – so umschrieb 1970 der Marbacher Ausstellungskatalog des Schiller Nationalmuseums zum 200. Geburtstage Hölderlins dessen psychische Verfassung. Nur diese Worte, mehr nicht. Dabei war Hölderlin nicht nur als Dichter, sondern auch als Patient bereits früh in die Rezeptionsgeschichte eingegangen.

Längst war der kaum Dreißigjährige als Dichter, Lyriker, Idealist, Romantiker, Privatlehrer und Patriot bekannt. Mit seiner gewaltsamen Verbringung »als Tobender«, als »wahnsinniger Dichter« in das Authenriethsche Klinikum nach Tübingen und ab 1807 – bis zu seinem Tod 1843 – in den Tübinger Turm am Neckar, wurde Hölderlin bereits früh Gegenstand entweder literarischer oder psychiatrischer Betrachtungen.

An dieser Überschneidung setzen die Herausgeber und Autoren Uwe Gonther, Psychiater und Jann E. Schlimme, Psychiater und Soziologe, an. Ihr Ziel: nicht nur die Biografie und das Leiden Hölderlins als Patient zu sehen, sondern ihn in den Bezug zur Psychiatrie seiner Zeit zu setzen. In über 15 Einzelbeiträgen, gegliedert in die Abschnitte: »Hölderlin und die Psychiatrie in seiner Zeit« (2), »Hölderlins ›Wahnsinn‹ als Teil der Rezeptionsgeschichte« und (3) »Hölderlin für unsere Zeit« gelingt es den Herausgebern zusammen mit den Autoren, genau diese Brücke zwischen der Person Hölderlins und der Psychiatrie seiner Zeit zu schlagen.

Wie der Hinweis Klaus Dörners, dass Hölderlin im Klinikum mitten zwischen internistischen und chirurgischen Patienten behandelt wurde, also ähnlich wie in einer Psychiatrischen Abteilung (Seite 11). Oder die Auseinandersetzung von Schlimme und Gonther mit konfligierenden medizinischen Paradigmen um 1800 (der Körper als Maschine, das Seelenorgan). Entscheidend war dabei – so die Autoren – die medizinische Einführung des Begriffs der »Gefährdung des Selbst«, wo unvernünftiges Verhalten medizinisch zu krankhaften Verhalten erklärt wird. Wo der Auftrag an den Psychiater ergeht, den Gesellschaftsvertrag zu erfüllen, um aus dem Unvernünftigen einen Patienten, einen Kranken zu machen. Eine tief greifende gesellschaftliche Methapher, die übrigens bis heute wehrhafte Psychiatrieerfahrene auf den Plan ruft, weil sie genau diesen Gesellschaftsvertrag der Psychiatrie einer »Pathologisierung unvernünftigen Handelns« ablehnen.

Ungewöhnlich, aber zugleich unbedingt lesenswert ist auch über die Rezeption Hölderlins in der DDR, vorzugsweise durch die DDR-Schriftsteller wie Stephan Hermlin. Hier war die »Randständigkeit«, seine Außenseiterrolle, tragendes Motiv ihrer Auseinandersetzung mit dem tragischem Hölderlin. Psychiatrisch wurde Hölderlin hier als melancholisch oder als »sprech-gestört« eingeordnet. Man hatte jedoch generell in der DDR mit Hölderlin ein Problem, weil er sich weder im Lebensweg noch in der Stil- und Sprachform realpolitischen Anforderungen fügte (Seite 225).

Neben diesen hier nur exemplarisch und verkürzt vorgestellten Einzelaspekten stehen zahlreiche weitere multidisziplinäre Texte aus Philologie, Geschichte und Psychiatrie.

Abgeschlossen wird das ungewöhnliche Buch, welches sich wohltuend mehr am Intellekt als am Markt orientiert, durch biografische Daten Hölderlins, zwei zeitgenössische Porträts als von Krankheit »gezeichneten« Mann sowie ein Hinweis auf die nunmehr bereits sechs Ausgaben umfassenden »Sämtliche Werke« zwischen 1923 und 1975. Habe ich was vermisst? Nein – nur eine Anregung stellte sich ein: Ob denn Hölderlins Biografie auch unter dem Gesichtspunkt »Belastender Lebensereignisse« zusammenfassbar sei, seine Krisen und sein »Wahnsinn« vorbestimmt oder durch eine andere Biografie in anderen Verhältnissen vermeidbar gewesen sei.

Ob Hölderlins frühe, rasche, geniale Kreativität so rasch hätte enden müssen. Diesen Versuch seiner biografischen Belastungen, fern aller Beweisbarkeit, könnte man noch diskutieren.

»Hölderlin und die Psychiatrie« wäre sicherlich ein Werk nur für Spezialisten, wenn es sich nicht um die herausragende Person Hölderlins handeln würde, eines Dichters mit bis heute ungebrochener Sprachkraft und seiner hymnischen Sehnsucht nach Freiheit und Schönheit. Es ist auch ein Buch über Psychiatrie als kultureller Gegenstand einer Gesellschaft, die zugleich »Sorge für einen Kranken« übernimmt, ihm aber zugleich entmündigt und – wenn man so will, hier der Hauspflege anvertraute.

Historie und Moderne der Psychiatrie liegen häufiger näher beieinander, als man es im Alltag wahrnimmt. Dieses zu erkennen, hilft das ungewöhnlich sorgfältige und seinen Platz in der Hölderlinrezeption bereits erhaltene Buch von Uwe Gonther und Jann E. Schlimme. Beruhigend zu wissen, dass der Psychiatrie Verlag es angenommen hat, weil – hier und da – Intellekt einfach attraktiver ist als Markt.

Christian Zechert in Sozialpsychiatrische Informationen

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Gonther Uwe, Schlimme, Jann E. (2011): Hölderlin und die Psychiatrie. Bonn: Psychiatrie Verlag, Edition Das Narrenschiff, ISBN 3-88414-513-5, 304 Seiten, 29,95 Euro