Soziale Arbeit in der Psychiatrie

"Das Lager, von dem der Kranke aufsteht, wäre erst vollkommen, wenn er erfrischt statt nur geflickt wäre", dies schreibt Ernst Bloch in seinem Prinzip Hoffnung. Davon angesprochen fühlen können sich Mediziner und Psychologen, deren Disziplinen primär den Einzelnen und vor allem dessen Störungen wahrnehmen und behandeln.

Selbst flicken lassen sich psychische Probleme auf diesem Weg nur schwer, weil zu jeder Krankengeschichte auch eine Lebensgeschichte gehört. Um diese eingeschränkte Sichtweise zu überwinden, entwickelte sich im Schatten der beiden traditionellen Disziplinen innerhalb der letzten 25 Jahre die Sozialarbeit/Sozialpädagogik als eigenständige Profession. Aus Psychiatrie wurde langsam Sozialpsychiatrie.

Doch die SA/SP hatte oft einen schweren Stand, vielleicht mehr in der Öffentlichkeit als unter Fachleuten, da die Vielfalt ihrer Grundlagen vorschnell als Nachteil gegenüber der eindeutigen Ausrichtung der Medizin bewertet wurde. Heute stellt sich diese Offenheit immer mehr als Chance dar. Das Selbstbewußtsein steigt und die Grenzen der Zuständigkeit können schärfer umrissen werden. Eine Meßlatte für den Stand der Professionalisierung ist immer das Fehlen oder Vorhandensein von Lehrbüchern und deren Inhalten.

Die SA/SP in der Psychiatrie hat nun endlich ein solches Lehrbuch, welches schon die orthodoxe und in der Praxis fragwürdige Trennung der Einzeldisziplinen dadurch überwindet, dass ein Autorenteam das Buch verfasst hat: eine Medizinerin, eine Sozialpädagogin und ein Psychologe, die an der FH Köln theoretisch und praktisch seit Jahren gemeinsam arbeiten.

Wissenschaftliche Lehrbücher erkennt man nun meist an ihrer ausgesprochenen Häßlichkeit. Wie auch bei den anderen Lehrbüchern des Bonner Psychiatrie Verlags wird hier ein angenehmer Gegenakzent gesetzt.

Das Buch beginnt mit einer deutlichen und verblüffend einfachen Definition der Zuständigkeitsbereiche von Sozialarbeit und Sozialpädagogik: Es geht der Sozialarbeit um die Beschäftigung »mit materiellem und sozialen Mangel« und den Möglichkeiten, diese zu mildern und der Sozialpädagogik um den »Ausgleich von sozialisationsbedingten Benachteiligungen«.

Das Lehrbuch ist in drei Hauptteile gegliedert: der allgemeinen Darlegung des Tätigkeitsfeldes SA/SP in der Psychiatrie, einer Vielzahl von sozialpädagogisch-psychiatrischen Fallbeschreibungen und abschließend ein umfangreiches Kapitel über die Methoden der SA/SP. Einführungen in die Hauptteile, Begriffsklärungen, umfangreiche und aktuelle Literaturangaben, Kontrollfragen am Ende der Kapitel und ein umfangreiches Stichwortverzeichnis ermöglichen einerseits die Nutzung als Handbuch zum Nachschlagen, andererseits eignet es sich für das systematische Durcharbeiten zur Prüfungsvorbereitung.

Das Buch ist sachlich und einfühlsam geschrieben – eine seltene Kombination, die hier überaus gelungen ist. Die Präsentation des aktuellen Wissens aus drei Perspektiven systematisiert das Tätigkeitsfeld Psychiatrie in einer Weise, die nicht nur zur bestandenen Prüfung, sondern auch zur professionellen Wahrnehmung im Praxisfeld führt.

Im zweiten Teil verdeutlichen exemplarische Fallbeschreibungen von Psychiatrie-PatientInnen die ganze Stärke einer »am Menschen« orientierten sozialen Sichtweise. Nach der Lektüre dieser authentischen Fälle und der Sichtweise der Profis auf dieselben verliert man die Naivität, der man als Anfänger leicht erliegt und die im täglichen Berufsleben zu großen Belastungen führen kann. Das Fachwissen legitimiert sich in dieser Präsentationsform von selbst und das Lehrbuch ist tatsächlich eine interessante Lektüre.

Dass das intervenierende Handeln auch hochgradig von Fachwissen abhängt, verdeutlicht der Methodenteil, in dem von Case Management bis zur Angehörigenarbeit etablierte Vorgehensweisen und deren Stärken und Schwächen vorgestellt werden. Erst mit dieser Ein- und Abgrenzung von Methoden der SA/SP wird berufliches Handeln auch reflektiertes und professionelles Handeln. Um zwischen Möglichkeiten des professionellen Handelns wählen zu können, benötigt man berufsspezifisches Wissen. Sich dieses anzueignen, findet sich derzeit keine bessere Möglichkeit als die Lektüre des vorliegenden (und ersten) Lehrbuches der Sozialarbeit/Sozialpädagogik in der Psychiatrie, zu dem man Autoren und Verlag nur gratulieren kann.

Frank Berzbach in Psychosoziale Umschau

Suche

Derzeit befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Bosshard/Ebert/Lazarus: Soziale Arbeit in der Psychiatrie. Lehrbuch, 584 Seiten, 29,90 Euro, Psychiatrie Verlag, 4. überarbeitete Ausgabe, Bonn 2010