Lehrbuch Psychiatrie für Studium und Beruf

 

Das Lehrbuch ist eine Überraschung, zugleich innovativ und verlässlich, komplex und trotzdem gut lesbar. Es ist »multiperspektivisch« konzipiert; bemerkenswert gelassen werden biologische, psychoanalytische, kognitive, verhaltenstheoretische und systemische Aspekte miteinander verknüpft und gegeneinander abgewogen. Das schafft Übersicht im Dickicht von Krankheitsbegriffen, Epidemiologie, Diagnostik und Therapieverfahren; die Darstellungsweise ist integrativ und zugleich akzentuierend – keine verdeckten Selbstabgrenzungen, stattdessen sachliche Diskussion.

Ein umfänglicher Teil über »theoretische Grundlagen« setzt sich zunächst allgemein mit Krankheitsentstehung, Diagnostik und Therapieverfahren sowie mit der psychiatrischen "Versorgungslandschaft" auseinander. Es fällt ins Auge, wie unverkrampft die stationäre, teilstationäre und ambulante Versorgung in ihrer gegenseitigen Ergänzung dargestellt ist und wie sachlich berufsgruppenspezifische Sichtweisen aufeinander bezogen und integriert werden.

Die darauf folgende Darstellung der psychopathologischen Störungsgruppen bildet den Schwerpunkt des Buchs; sie folgt der Anordnung in den international gültigen Manualen ICD-10 und DSM-IV. Bei jeder Störung werden Informationen u. a. zur Epidemiologie, ggf. zur geschlechtsspezifischen Verteilung, zu Erklärungsansätzen und zur Therapie angeboten. Dieses Vorgehen erscheint mir besonders hilfreich, weil es den Lesenden keine Interpolation von Theorien zumutet, sondern die theoretischen Überlegungen bei der Schilderung der einzelnen Störung konkretisierend einlöst.

Dadurch kann man sich umfassend über eine Störung informieren, ohne jedes Mal den Gesamtzusammenhang des Buchs zu rekapitulieren; man muss nicht viel blättern beim Lesen.

Das Buch strotzt vor guten Ideen. Entwicklungspsychologische und sozialpsychologische Zusammenhänge werden ebenso berücksichtigt wie etwa die Neuroimmunologie oder die Darstellung der Hirnregionen, die an kognitiven Funktionsstörungen Schizophrener beteiligt sind. Für einen Glücksgriff halte ich es, den weit verbreiteten und belastenden Schlafstörungen ein eigenes Unterkapitel zu widmen, in dem ihre vielfältigen Verknüpfungen und Überschneidungen mit anderen Störungen übersichtlich dargestellt werden.

Für einen noch größeren Glücksgriff halte ich die Herausarbeitung von Suizidalität und Aggressivität als gesonderte Syndrome, ebenfalls unter Berücksichtigung der Verknüpfungen mit anderen Störungen und ggf. den Auswirkungen von Substanzgebrauch. In der Diskussion der Erfahrungen beim Umgang mit gewalttätigem Verhalten wird die Belastung der Arbeit in psychiatrischen Einrichtungen deutlich; das geht über die abgeklärte Fachlichkeit wohltuend hinaus.

Die erste und zweite Auflage des Lehrbuchs sind vergriffen. Bei der Neuauflage wurden Markierungen, Diagramme und Tabellen mehrfarbig gestaltet; das kommt der Übersicht und Abwechslung zugute. Vor allem aber wurde das "Lernprogramm" in die einzelnen Kapitel eingearbeitet, nämlich regelmäßige Zusammenfassungen, Repetitorien, Fallbeispiele und Fragen; auch wenn man sein Studium schon lange hinter sich hat, bekommt man beim Lesen immer wieder Lust, sich gleichsam spielerisch zu erproben. Das macht richtig Spaß.

Die Vorzüge des Buchs werden dadurch ergänzt, dass der Verlag den schön gestalteten Einband beibehalten hat.

Keine Nachteile? Doch. Wie überall in der Zunft wird auch hier die Wandlung von der "typologischen" zur "operationalisierten" Diagnostik im DSM-IV und ICD-10 als Verwissenschaftlichung gepriesen; wenn man Testgütekriterien anlegt, hinken jedoch schon Objektivität und Reliabilität, und die Validität lässt auf sich warten. Die angeblich »operational« neu gewonnenen Begriffe bilden natürlich die herkömmliche Nosologie nach, mit all ihren Bedenklichkeiten aus der Postkutschenzeit. Die operationale Neuverpackung ist ein Trick zur Immunisierung gegen Einwände, mehr nicht. Der Kaiser hat wieder einmal neue Kleider bekommen. Das ist kein Grund zum Jubel.

Gunter Herzog in Sozialpsychiatrische Informationen

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Rahn E.; Mahnkopf, A.: Lehrbuch Psychiatrie für Studium und Beruf. Psychiatrie Verlag, 3. überarbeitete Auflage, Bonn 2005, 651 Seiten, 46,00 Euro