Das Café der Existenzialisten – Freiheit, Sein & Aprikosencocktails

Der Gewohnheitsrezensionsleser des INFOs wird sich wundern über den Umfang meiner Rezension, denn gemeinhin sind meine Besprechungen dem knappen Zeilenplatz unseres Heftes angemessen. Der besagte Leser wird folglich daraus schließen, dass dies seinen Grund hat in der Besonderheit des besprochenen Buches.

Wer angesichts des Titels »Freiheit, Sein und Aprikosencocktails« mit vergnüglicher leichter Kost rechnet, dürfte sich nicht unerheblich verrechnet haben, denn tatsächlich handelt es sich bei diesem Buch keineswegs um leichte Kost, sondern um ein schwergewichtiges und -verdauliches Werk, zwar nicht im Ausmaß eines Bohneneintopfs, sondern eines kalorienreichen mehrgängigen Menüs.

Der Rezensent hatte, wie schon angedeutet, die irrige Idee, bei der Lektüre heitere Anekdoten aus dem Umfeld von Sartre und de Beauvoir, Camus und Merleau-Ponty vergnüglich konsumieren zu können, zumal deren und ihres Umfeldes Daseinsvarianten zu besten Hoffnungen Anlass geben.

Überraschend ist es, dass der schon früh ruhmsüchtige Sartre als Pariser Weltbürger und werdender Philosoph zunächst einmal, im Jahre 1932, nach Berlin gehen musste, um sich phänomenologisch auf die Sprünge helfen zu lassen. Die Autorin bringt uns die damalige Pariser Szene nahe, verweist auf die Rolle der für die werdenden Existenzialisten wichtigen Philosophen Kierkegaard, Hegel und Nietzsche, kommt dann aber langsam, sicher und mächtig auf Husserl und und nicht enden wollend auf Heidegger zu sprechen.

So erfahre ich, dass »Das Sein des Seienden nicht selbst ein Seiendes ist«. Diese Aussage ist ein bekannter Leckerbissen, wenngleich es dem Rezensenten trotzdem schwerfiel, den Sinn zu erfassen. Aufatmen konnte er angesichts dieses Unwissens, dass die Autorin, vermutlich allerdings ironisch gemeint, davon schreibt, dass Heidegger dankenswerterweise für Wachsamkeit und Sorgfältigkeit beim Lesen seiner Texte sorgt, indem er eine Sprache verwendet, die den Leser beständig frustriert.

Erfreut ist man auch, Begriffe wie »Zuhandenheit « und »Vorhandenheit« kennenzulernen. Bis Seite 100 geht es dann im Wesentlichen um Heidegger, auch um Husserl, ganz und gar nicht um Aprikosencocktails, es sei denn, dass deren Konsum die häufigen existenzialistischen Seitensprünge ermöglichte und ein Zuviel davon möglicherweise Heidegger (der allerdings m. E. Abstinenzler gewesen sein müsste) cerebral in die nationalsozialistische Irre führte.

Es geht dann weiter mit Karl Jaspers, der sich auch einigen Charakterlosigkeiten Heideggers ausgesetzt gesehen hat, von Hannah Arendt mal ganz abgesehen. Heidegger war auch unwillens oder besser unfähig, sich mit seinen Freunden, wenn er überhaupt freundschaftsfähig gewesen sein sollte, wozu noch abscheulich tritt die Ausnutzung der an seinen Lippen klebenden Anhänger und Schüler, über seine nationalsozialistische Episodik auseinanderzusetzen, zumal meinerseits Zweifel angesagt sind, ob es sich um Episodik gehandelt hat.

Ab etwa Seite 150 befinden wir uns dann doch wieder in Paris, nicht mehr in Todtnauberg bei Freiburg. Besprochen werden ab hier sämtliche Werke von Sartre und de Beauvoir, sehr intensiv, tiefschürfend, nicht selten mit einer spöttischen gut akzeptablen Untermalung. Allerdings kommt es erst auf Seite 259 zur ersten Erwähnung eines zu nippenden Cocktails, ohne dass er tatsächlich genossen würde.

Das Verhältnis zu Camus wird ausführlich reflektiert, die Bekanntschaft mit Charlie Chaplin und das zweimalige angetane Ansehen der Filmes »Moderne Zeiten« werden erwähnt. Deutlich wird die ungebremste unglaubliche Schreibwut von Sartre und de Beauvoir (»Leben heißt schreiben«), wobei ihr Buch »Das andere Geschlecht« stellenwertmäßig über den sartreschen Schinken »Das Sein und das Nichts« erhoben wird.

Ausführlich geht es auch um Merleau-Ponty, der menschlich und philosophisch ein ganz anderer war, als die bisher Erwähnten. Seine Tochter meinte, dass er lebendiger als alle anderen Philosophen wirkte – mehr im Leben – was daran gelegen habe, dass für ihn Philosophie und Leben dasselbe wären.

Ein wenig handelt es sich bei dem extrem lesenswerten, gut lesbaren Buch um eine Mogelpackung, denn nicht nur der Untertitel, sondern auch die Illustrierung auf der Titelseite lassen es so aussehen, als würden wir uns hauptsächlich um die Pariser Existenzialisten zu kümmern haben, während der richtige Titel des Buches eigentlich wäre »Heidegger und die Pariser Existenzialisten«.

Zu Heidegger hat die Autorin sowieso eine besondere Beziehung. Es gelingt ihr aber, ihre Hingerissenheit zu seinen philosophischen Ergüssen sehr gut zu trennen von seinen menschlichen Unfähigkeiten und sonstigen charakterlosen Verhaltensweisen. Ein typischer Heidegger-Text komme mit viel Geraune über Kapitalismus, Kommunismus und ausländische Staaten, die nichts Gutes im Schilde führten, daher – Zeichen einer »gewissen Blut-und-Boden-Einstellung«, wie es Hans Jonas genannt hatte.

Sie beschreibt dessen lokale Stumpfheit und Konzentration nur auf sich selbst – im Gegensatz zu Sartres unglaublicher Neugier, Unternehmungslust, Offenheit, Aufrichtigkeit und übersprudelnder Redseligkeit bis hin zur Vertretung sich völlig widersprechender Ansichten (Menschrechte in Übereinstimmung mit Stalin oder Mao).

Kurzum, Sartre war »ein guter Mensch«, Heidegger, sagen wir mal, war ein Mensch. Was nicht heißt, wie man ja weiß, dass Sartres Streitlust nicht auch zur Aufkündigung diverser Freundschaften führte, worüber er selbst mal eine Liste erstellte, die Koestler, Aron, Merleau-Ponty und Camus umschloss. Immerhin entging Frantz Fanon, wahrscheinlich durch seinen frühen Tod, der Aufnahme in diese Liste. Erwähnenswert ist aber, da typisch für Sartre, dass er für einige von ihnen, rührende Nachrufe verfasste. Mit keinem von den Genannten kam es irgendwann zu einer Wiederannäherung.

De Beauvoir und Sartre waren der m. E. irrigen Auffassung, dass Freundschaft und politische Gegnerschaft sich ausschlössen. De Beauvoir und Sartre standen konträr zu Camus’ Ablehnung von Hinrichtung, Folter und andere Formen staatlicher Gewalt. De Beauvoir und Sartre befürworteten diese Maßnahmen zwar nicht ausdrücklich, verwiesen aber gern auf die komplizierten politischen Zusammenhänge und die Rechtfertigung einer Maßnahme als Mittel zum Zweck. Später heißt es (Seite 361), dass Sartre monströs gewesen sei, maßlos fordernd, schlecht gelaunt, sexsüchtig, das noch nicht einmal genoss und Freundschaften beendete ohne Bedauern. Er verteidigte eine ganze Reihe schändlicher Regime und pflegte einen Kult der Gewalt, er behauptete, Literatur um ihrer selbst Willen sei ein bürgerlicher Luxus, ein Schriftsteller müsse sich in der Welt engagieren, und die eigenen Texte zu überarbeiten, sei Zeitverschwendung.

Joachim Fest lernte durch Sartre, dass eine gewisse Wirrköpfigkeit durchaus faszinieren könne. Weiter heißt es: »Während Heidegger sein heimatliches Terrain abschritt, bewegte sich Sartre beständig vorwärts, fand oft neue (und oft sonderbare) Antworten oder Mittel und Wege, alte und neue Ideen miteinander in Einklang zu bringen. Heidegger tönte, man müsse denken, Sartres tat es. Heidegger hatte (?) seine große ›Kehre‹, Sartre vollzog viele solcher Kehren.«

Die Autorin reklamiert, dass die populär gewordene »Marke« Existenzialismus die immer stärker werdende Gegenkultur beeinflusste und ihren Namen und ihre transformative Kraft dem großen gesellschaftlichen Wandel lieh, der sich in den nächsten Jahren vollzog: mit der Studentenrevolte, den Hippies, den Verweigerern des Kriegsdienstes in Vietnam, mit all denen, die bewusstseinserweiternde Drogen nahmen und mit der freien Liebe experimentierten. Mit den Studentenprotesten, den Streiks und Besetzungen hätte der historische Moment Platz gegriffen, in dem der Existenzialismus seine Erfüllung gefunden hätte.

Eingegangen wird noch intensiv auf den phänomenologischen Frühling in Prag mit Havel und Patočka, nicht erwähnt im Buch wird der aufsehenerregende Besuch der beiden Protagonisten bei der RAF. Vor Sartre und de Beauvoir sterben fast alle Weg- und Sinnesgenossen. Unsere Autorin hätte Sartre gerne vor seinem langen Siechtum bewahrt. De Beauvoir hat ihn um sechs Jahre überlebt.

Ich erlaube mir, den Hut zu ziehen von der Darstellungskraft der Autorin und der Intensität, mit der sie mich auf einige meiner Wurzeln zurückführte, ganz abgesehen davon, dass die Ausstattung des Buches mit einer Liste der Mitwirkenden, fünfzigseitigen Anmerkungen und einer umfassenden Literaturliste sehr üppig ist.

Gunther Kruse in Sozialpsychiatrische Informationen 1/2017

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Bakewell S (2016): Das Café der Existenzialisten – Freiheit, Sein & Aprikosencocktails. München: C. H. Beck, 448 Seiten, 24,95 Euro