Von der Kraft, den rechten Gesichtspunkt zu treffen; ein spätes Echo auf Karl Philipp Moritz und einige seiner Zeitgenossen

Lieber Klaus,

da Du Dein Buch über Karl Philipp Moritz (1756 – 1793), den nicht zu verwechseln mit dem Nationalfreiheitslyriker Ernst Moritz Arndt, ich anfangs einige Mühe hatte, in einen Korrespondenz-Dialog gekleidet hast, scheint es mir passend, wenn ich die Rezension Deines soeben erschienenen Buches ebenfalls in Briefform kleide, gewissermaßen als Besonderheit, Dir geschuldet als ehemaligem Mitherausgeber des INFO.

Ich frage mich, ob es Dir wohl auch darum gegangen ist, den Lesern, den zwar in Hameln geborenen, aber in Hannover zur Schule gegangenen Karl Philipp Moritz, schon allein weil hier der Stammsitz der Redaktion des INFO ist, bekannt zu machen und dessen kritisch-seherische Fähigkeiten des durch eigenes Leid geprägten Moritz gegenüber der scheinbar wissenschaftlich adjektivisierenden Psychiatrie der Jetztigen nahe zu bringen und uns, die wir in der Psychiatrie arbeiten, darauf einzuschwören, unsere Patienten nicht als Objekte evidenzbasierter Therapeutik zu behandeln, sondern deren ihrer Abwegigkeit innewohnenden Logik und Vernunft ebenfalls wahrzunehmen und, mit vereinfachten Worten von mir, die zwischenmenschliche Seite höher zu stellen, als die technokratische marktorientierte Patientenverwaltung.

Erst musste ich mir, lieber Klaus, alter Straßenmusikant, einen Ruck geben, das Buch in die Hand zu nehmen, dann habe ich es, weil Du es durch die dialogische Korrespondenz pfiffig aufbereitet hast, in zwei Tagen durchgelesen, ja durchgearbeitet, und kann sagen mit großem Gewinn, den ich hier im Einzelnen nicht auflisten möchte, weil der Leser der Rezension sonst Rückschlüsse ziehen würde auf meine grobe Unwissenheit in den erfahrungsseelenkundlichen Dingen, wie sie bereits vor 200 Jahren, nicht zuletzt mit dem autobiografischen Werk »Anton Reiser«, was vor einigen Jahren in entsprechenden Kreisen Furore machte und dem parallel erschienenen Buch »Andreas Hartknopf« zum Ausdruck gebracht wurde. Besonders erfreut war ich, dass es Dir gelungen ist, indem Du über Moritz schreibst, Karl Peter Kisker ein literarisches Groß-Mausoleum errichtet zu haben. Das war mal wieder fällig!!

Zeitweilig gerät Deine virtuelle Korrespondenz ein wenig zu süßlich (»Schöne balsamische Komplimente machst Du mir, Du alter Schmeichler!«), wenn die beiden Autoren Kyrill und Balko sich die Anerkennung ihrer empfindsamen Gelehrsamkeit übermitteln, die zugeworfenen Geistesblitzbällchen garnieren mit großdenkerischen Zitaten, aber!, in Wirklichkeit führst Du ja einen inneren Dialog, in dem auch sprachlich eine zu tolerierende, ja im Grunde genommen zu genießende Selbstverliebtheit zum Ausdruck kommt, auch in diesem Punkte an Kisker gemahnend.

Interessant ist, dass Moritz schon 1782 darauf hinweist, dass seelische Erkrankungen oft schwerer zu ertragen bzw. zu bewältigen sind als körperliche:

»Wie weit mannigfaltiger, verderblicher, und um sich greifender als alle körperlichen Übel, sind die Krankheiten der Seele! Wie weit unentbehrlicher, als alle Arzneikunde für den Körper, wäre dem menschlichen Geschlecht eine Seelenkrankheitslehre, die es noch nicht hat!« Er ruft auf zur Herausgabe eines Magazin der Erfahrungsseelenkunde, und dieser Aufruf findet einen sehr positives und breites Echo. Du weist anerkennend darauf hin, dass sowohl aus Fachkreisen als auch von interessierten Laien derartig zahlreiche Beiträge geliefert wurden, dass das »Magazin zur Erfahrungsseelenkunde« ab 1783 regelmäßig zehn Jahre lang erscheinen konnte, und, ebenfalls bemerkenswert, dass das Jahrbuch für Tiefenpsychologie »Psyche«, das seit 1947 in Heidelberg erscheint, sich in seinem ersten Band ausdrücklich in die Tradition einer empirisch-analytischen Psychologie Moritz’ stelle und das »Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als sein Vorläufer« benennt.

Als alter INFO-Redakteur zeigst Du auf, dass Moritz als Erfahrungsseelenkundler die Störungen und Krankheiten der Seele nicht als die Folgen einzelner per se schädlicher seelischer Kräfte auffasste, sondern als »Mangel der verhältnismäßigen Übereinstimmung aller Seelenfähigkeiten«. Vieles spreche dafür, dass der seelenkranke Mensch weniger unter der Krankhaftigkeit irgendeines Seelenvermögens, etwa unter einer kranken Vorstellungskraft leide, sondern vielmehr unter Stärke dieser seelischen Kraft, die sich wegen der Schwäche ihrer Gegenkraft, hier etwa das Urteilsvermögen, als zu stark erweise – so wie umgekehrt das Urteilsvermögen ohne eine ebenbürtige Vorstellungskraft zu stark und zu starr werden könne.

Wenn es eine Facharztprüfung gäbe, in der nicht nur reines, scheinbares Sachwissen abgefragt werden müsste, würde Dein Buch in den Katalog derjenigen gehören, die man vorher zu lesen hätte. Dein Verlag hat entschieden, das Buch in würdevoller Aufmachung mit einem scharf blickenden Auge erscheinen zu lassen. Ich hätte mir im Sinne der Eroberung von Geschäftsfeldern, über die Du auch in der Psychiatrie in dem Buch zu Felde ziehst, eine etwas dynamischere Außengestaltung gewünscht, um den Greifreflex beim potenziellen Käufer/Leser anzufachen.

Mit jeder Seite Deines Buches hast Du bei mir ein weiteres Quantum Bedauern bewirkt, dass Du vor etlichen Jahren aus der INFO-Redaktion ausgestiegen bist und mir dadurch die nun immerhin in Buchform vorliegenden Gedankengänge jahrelang vorenthalten hast.

Ich gratuliere Dir zu dem Meisterwerk und hoffe, dass vieler Deiner Leser durch die Gelehrtheit, Gewitzigtkeit und die Ausdruckskraft Deines Buches im Jahre 2009 den Level ihrer ärztlichen Behandlungstüchtigkeit und ihres Allgemeinwissens erheblich werden erhöhen können.

Sei gegrüßt, Dein Gunther Kruse

Gunther Kruse in Sozialpsychiatrische Informationen

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Becker, Klaus: Von der Kraft, den rechten Gesichtspunkt zu treffen; ein spätes Echo auf Karl Philipp Moritz und einige seiner Zeitgenossen – in einem Briefwechsel aus jüngerer Zeit. Reihe Salon 15, Hannover, Wehrhahn Verlag 2009, 296 S, 25,00 Euro