Narren des Glücks

Liane Dirks hat einen spannenden Roman geschrieben, in dem verschiedene Schauplätze und Handlungsstränge miteinander verwoben sind.

Der Unternehmer Max Bernheim feiert ein rauschendes, protziges Silvesterfest auf einer Brissago-Insel im Lago Maggiore unter dem Motto: "Die goldene Barke".

Der Psychiater Professor Nemeczi, sein Halbbruder, verbringt mit seinen Patienten am Ufer des Sees in dem Dorf Ronco die Feiertage. Er ist für seine Zeit ein ungewöhnlicher Arzt. Er vertritt eine Psychiatrie der "Porto aperta" und ist seinen Schutzbefohlenen in aufrichtiger Liebe zugetan. Er ist auf der Suche nach Erkenntnis über das Wesen des Wahns. "Wieso braucht die Gesellschaft den Wahn? Zur Selbsterkenntnis? Oder vielmehr zur Markierung ihrer Umrisse? Je sicherer eine Gesellschaft war, desto besser und gelassener konnte sie mit den Geisteskranken umgehen." Nemeczi weiß, dass Sterilisation und Auslöschung der Kranken auf eine extreme Haltlosigkeit der Gesellschaft hinweisen.

Seine Patienten sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, so verschieden wie Irre nun einmal voneinander sind, verschiedener untereinander als die Normalen unter sich. Er weiß, dass er sie nicht heilen kann. "Je mehr er wusste, desto weniger erkannte er, und weil er aber wusste, konnte er damit nicht sich selbst reinlegen." Er ist redlich, macht es sich nicht leicht. Sein Wissen ist kein Positives, sondern auf Wanderschaft, ein "Indianertum der Seele".

Der Roman ist voller extremer Menschen, und es gibt in ihm das, was so viele Heutige leugnen: das Schicksal und die Seele und das Seelenschicksal, und die Seelenzeit, die von Mensch zu Mensch eine andere ist, eine Synthese aus Unendlichkeit und Endlichkeit.

Ein entsetzlicher Kälteeinbruch führt zu einer furchtbaren Katastrophe.

Liane Dirks verzaubert uns Leser mit der farbigen sorgfältigen Wahl ihrer Charaktere und dem beeindruckend beschriebenen Bild dieser wundervollen Landschaft im klirrenden Frost der Nacht. Ein Buch, das den Finger in die Wunde legt einer Gesellschaft, in der der Positivismus triumphiert, einer Psychiatrie, die sich immer mehr abkehrt vom Allzumenschlichen, indem sie ihr Sujet in der Hirnforschung sucht. Es ist ein Buch, das von seiner Atmosphäre lebt und es sich nicht einfach macht. Es trifft den Nerv der Zeit. Zudem ein ungeschmälertes Leseereignis.

Arnhild Köpcke in Sozialpsychiatrische Informationen

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Liane Dirks: Narren des Glücks. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 224 Seiten, 17,90 Euro