Die Sängerin oder Kleine Krisen im Krisendienst

Ilse Eichenbrenner ist mit ihrem dritten Roman »Die Sängerin oder Kleine Krisen im Krisendienst« nach »Der Praktikant, die Wölfin und das Amt« und »Alles wird gut« ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Als ehemalige Koordinatorin und Mitarbeiterin des Berliner Krisendienstes habe sie nach seiner Umstrukturierung und ihrem Ausstieg aus dem Krisendienst mit ihrem Roman eine verdeckte Abrechnung mit den hochneurotischen KollegInnen geliefert, wobei ihr die Klientel nur als blasse Staffage diene. Michael Schmude klagt eine »ernsthaftere Darstellung« und »klarere Zielgruppe« ein.

Ein interessanter Einblick in die Arbeit eines Krisendienstes sei gescheitert – eine erstaunlich und betrüblich zensiert zensierende Lesart des vorliegenden Buches, die davon absieht, was den Roman trägt: Ein fiktives Protokoll eines Krisendienstes in dem ganz realen Berlin-Charlottenburg in unregelmäßigem Minuten-, viertel- bis halbstündigem Takt hält fest, was dem Protagonisten und Mitarbeiter Karsten Schäfer im Laufe einer Schicht zustößt. So wird dem Roman ein auf Zuspitzung angelegtes Zeitraster unterlegt. Im schnellen Wechsel öffnet jedes Protokoll ein Fenster, skizziert eine Szenerie und ihre Akteure, bricht ab. legt Spuren, lässt Rätsel offen, lässt hinter den krisengeschüttelten Besuchern Lebensläufe aufleuchten, jagt den Leser durch den Text.

Eine anonyme Anruferin, die »Sängerin« wird für den Krisendienst, den Karsten Schäfer gerne als Leuchtturm innerhalb dieser irrlichternden Großstadt verstehen möchte, zur Sirene, an der fast das sozialpsychiatrische Navigationssystem zu scheitern droht. Doch nicht nur sie – auch andere oder anderes, etwa der Einbruch der Vergangenheit, in der es mit einem jetzigen Krisenklienten eine andere als professionelle Beziehung gab, bringen die Quadratur des Kreises, die Beziehungsarbeit, Balance von Nähe/Distanz und das ganz kleine Einmaleins der psychosozialen Professionalität zum Tanzen. In der Atemlosigkeit, in die die Akteure durch den schnellen Wechsel der Ereignisse hineingezogen werden, lockern sich auch von Professionellen die Assoziationen: neuropsychiatrische Theoriesprengsel erscheinen angesichts eines real wütenden Psychotikers als erstaunlich wunderliche Bilder und erst die Erinnerung an die einzige eigene LSD-induzierte Halluzination ermöglicht das Sich-im-anderen-Wiedererkennen.

Das Denken wird schneller, schärfer, trennschärfer, kritischer, auch selbstkritischer in diesem Krisendienst, die Diskurse kommen ins Rotieren, sonst zensierte Subtexte erscheinen. Und doch, und das ist das Schöne an diesem Roman, wird er nie zynisch oder erbarmungslos. Halt findet Karsten Schäfer in der Sprache, der (Groß)muttersprache, und das Rätsel dieser Nacht löst sich für ihn in der Besinnung auf ein ganz früh gehörtes magisches Wort der schwäbischen Großmutter: Mal a mal a Male. Unter der Magie dieses Satzes: mal ein mal ein Männchen ordnen sich die Figuren neu, ihre Verstrickungen lösen sich zwar noch nicht, aber sie klären sich auf, und zwar über die Grenzlinie Professionelle/Klienten hinweg.

Man sollte sich ein bisschen der Magie dieses Romans, seines Touches von Kriminalroman und Großstadtcollage, seiner Rhythmik, seinen unterschiedlichen Dialekten und Jargons, seinem Bilderreichtum überlassen, um sich an seiner provokanten Vielschichtigkeit, seiner Expressivität zu freuen.

Die Psychiatrie war als Anstaltspsychiatrie ein bekanntes Sujet des Romans des 19. und 20. Jahrhunderts, die Sozialpsychiatrie dagegen ist ein wenig erprobter Gegenstand. Ilse Eichenbrenner hat einen spannenden und intelligenten Roman daraus gemacht.

Wiebke Willms in Sozialpsychiatrische Informationen

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Ilse Eichenbrenner (2005): Die Sängerin oder Kleine Krisen im Krisendienst. Paranus-Verlag, Neumünster. 160 Seiten, 14,80 Euro

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