Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache

Depressionen werden in Deutschland hunderttausendfach mit Antidepressiva behandelt. Doch wer von den Ärzten weiß eigentlich, wie sich eine Depression anfühlt? Und wer von ihnen weiß gar, wie das ist, wenn mit Psychopharmaka behandelt wurde? Auf beide Fragen sowie auf das Verhältnis der einen, der „Üblen Sache“ Depression, zur anderen, der mit dem Trizyklika Tofranil alias „Trillaphon“ medikamentös überschriebenen Störung, gibt jetzt der US-amerikanische Literat David Foster Wallace Antwort. Aus einer Innensicht und gewissermaßen posthum, denn Wallace litt die meiste Zeit seines kurzen Lebens (von 1962 bis 2008) an Depressionen, bis er schließlich 46-jährig Suizid begang.

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat jüngst das schmale Büchlein als zweisprachige Taschenbuchausgabe und erstmals auf Deutsch herausgebracht. Es ist ein frühes erzählerisches Dokument eines hoch begabten, aber schwer depressiven 21-Jährigen, der später mit seinem Werk „Unendlicher Spaß“ weltberühmt werden sollte. Da die 112 Seiten auch als ungekürzte Hörfassung* vorliegen, gelesen in unwiderstehlich beiläufiger Manier von Lars Eidinger, sind sie doppelt zu empfehlen.

Der Leser bzw. Hörer – mag er nun selbst Betroffener oder Profi/Psychiater sein – erfährt zunächst, warum für den Autor „die Dinge auf der Erde nicht so gut gelaufen sind“. Von so „entzückenden Sachen“ also wie der halluzinierten Fleischwunde auf der Wange, die er schließlich selbst mit Nadel und Faden zunähte, obwohl es sie real gar nicht gab. Und wie es ihm immer „schlechter“ wurde, er sich zunehmend „übergeben“ musste; was körperliche Untersuchungen bis hin zu einer schrecklich schmerzhaften Lumbalpunktion nach sich zog. Am Ende ist dann trotz herausragender Schulleistungen klar, „dass der Steppke hier Probleme hatte“ – wie es im typisch banalisierenden Tonfall der Erzählung heißt.

Dann fängt die „Üble Sache“ erst richtig an. Der behandelnde Doktor nennt sie eine „akute klinische Depression“ und der Ich-Erzähler muss feststellen, dass sie „so ganz anders“ ist, als die sich zuvor darüber gemachte Vorstellung. Und vor allem: „Unbeschreiblich viel schlimmer!“ Wallace sucht nach Bildern, um das irgendwie verständlich zu machen. Und er findet neben der bekannten Plath‛schen „Glasglocke“ und einem Unterwasservergleich, bei dem deutlich wird, dass es für den von der „Üblen Sache“ Betroffenen „weder Luft noch Licht und […] keine Oberfläche gibt, so dass du ertrinken musst, egal in welche Richtung du schwimmst“, das Bild einer örtlich nicht begrenzten Übelkeit, einen „Brechreiz der Atome“, der in jeder einzelnen Zelle von einem Besitz ergreift.

So, dass am Ende „dein ganzes Wesen von der Übelkeit geprägt ist“. Was bedeutet: „Du und die Übelkeit, ihr werdet eins.“ So weit, so schlecht. Aber die Sache geht weiter: Denn „die Welt erreicht dich nur noch durch den Filter der Übelkeit“; wodurch alles verzerrt ist und „alles Gute aus der Welt verschwindet“. „Zu einem [endlosen] Kontinuum aufgefädelt“ macht das natürlich auch eine Heidenangst.

Der Teufelskreis, der hier in der depressiven Schlaufe entsteht, ergibt sich aber erst dadurch, dass die eigenen Abwehrmechanismen außer Gefecht gesetzt werden. Anders zu denken, die Dinge doch bitte anders wahrzunehmen und zu verarbeiten – und vieles mehr, von superklugen kognitiven Experten tausendmal empfohlen –, greift hier halt nicht. Denn um etwas dagegen zu tun, „brauchst du das Selbst – und genau das hat die Üble Sache lahmgelegt“. So dass schlussendlich „DU selbst die Krankheit bist“, sie es ist, „die dich definiert“. Und das heißt: Du bist in der Falle.

Im Buch geht es gnadenlos folgerichtig weiter, mit dem Weg, den allzu viele Depressive dann wählen: Suizidversuche. Nur ergänzt David Foster Wallace, dass dieser letzte Schritt des Sichumbringens eigentlich nur noch „reine Formsache“ sei, denn diese Menschen hätten sich (innerlich!) „schon umgebracht“. Die „Substanz der Selbstzerstörung“ existiere längst in ihnen, jetzt sei dieser Sachverhalt nur noch (äußerlich) herzustellen. Für den Ich-Erzähler mittels eines „absolut lächerlichen Vorfalls“ zu Weihnachten, als er eine Reihe von Elektrogeräten zu sich in die Badewanne zog. Ein Tun, von dem seine Familie „nicht direkt begeistert“ gewesen sei.

Von der Wanne dann verständlicherweise der Wechsel in das „weiße Stockwerk“ namens Psychiatrie. Der Ort mit den „abgerundeten Kanten“ also, mit den „Mahlzeiten ohne Messer und Gabel“ und dem Hauptnahrungsmittel „Pudding“. Und natürlich dem „stets auf mein Wohl bedachten“ Doktor. Neben der schon zuvor als „durch und durch furchterregende Angelegenheit“ verworfenen EKT wird dem schwer Leidenden dann als weitere mögliche Verfahrensweise nur noch die Psychopharmakabehandlung angeboten oder, wie es der Autor nennt, die Möglichkeit, „mittels Antidepressiva die Erde zu verlassen“. Damals, in den 1980er-Jahren, hieß das die Wahl zwischen Trizyklika und MAO-Hemmern. Und während es dem Patienten kognitiv klar ist, dass er sich über eine Woche lang „zur eigentlich erforderlichen Dosis hocharbeiten muss“, fühlt er sich doch vom ersten Morgen nach der Medikation so, „als wäre [er] nicht mehr auf der Erde, sondern auf Trillaphon“.

Einem Planeten, der nicht nur „sehr weit weg“ sei, sondern wo man auch „viel schneller viel müder“ werde, schon bei der kleinsten Anstrengung. Und so lebt, als befände man sich unter einer „Art elektrischem Hochspannungstriller“. Beängstigend? Nein, denn man ist „zu weit weg, um sich Sorgen zu machen“. Und nur ein 19-jähriges Mädchen namens May, in das er sich trotz oder gerade wegen ihres auf links getragenen Rollkragenpullovers verliebt, entlockt ihm ein „O“ der Traurigkeit.

So bleibt am Ende der trotz des lakonischen Tons stringenten Handlungsabfolge nur noch „die große Frage“, ob es (auch) auf dem Planeten Trillaphon die Üble Sache gibt. „Ich weiß es nicht“ lautet eine erste Antwort, und dass sie es hier „in der dünneren Atmosphäre vielleicht schwerer hat“. So dass sogar, auch wegen des „Weit-weg-Seins“, manchmal der Eindruck entstehe, man „sei der Üblen Sache entkommen und könnte hier ein normales Leben führen“. Was sich aber doch als „einfach alberner Gedanke“ erweist, wenn die Erzählung dann mitten im Satz abbricht: „Die Üble Sache ist“.

Lesenswert und beeindruckend, diese Erzählung, meine ich. Wobei sich der Leser/Hörer, so er selbst depressiv ist, von der ihn direkt ansprechenden Du-Form gut in Abstand halten sollte. Gerade seine scheinbare Beiläufigkeit samt konterkarierender Ironie verschleiert die große emotionale Wucht des Textes und auch die, laut Autor, scheinbare Ausweglosigkeit der Erkrankung. Der nicht zu leugnende Schrecken einer schweren Depression wird dadurch umso gewaltiger. Und auch spürbarer – was zu empfinden modernen Psychiatern, die sich allzu gerne hinter naturwissenschaftlicher Objektivität verschanzen, meines Erachtens nach nur guttäte.

Und auch das sei angemerkt: Während das Büchlein die depressive Erkrankung ein Stück miterlebbar und damit auch verstehbar macht, zeigt es keinerlei Heilungspfade auf. Wie es sie für David Foster Wallace selbst ja letztlich offenbar auch nicht gegeben hat. Doch nicht für alle gilt das. Zwar gähnt vor jedem wirklich Depressiven ein „schwarzes bodenloses Loch“, doch wer es schafft, sich nicht mit ihm bzw. der Üblen Sache zu identifizieren, der findet leichter einen Ausweg aus dem depressiven Teufelskreis. Im vermeintlichen Dilemma der „Fremdbestimmung durch die Krankheit oder der durch die Medikation“ („Süddeutsche Zeitung“ vom 25. April 2015) ist nämlich prinzipiell ein dritter Weg möglich, eine Rückkehr zur Seele.

Nur darf man da nicht einer biologischen Sicht der Depression verfallen, wie es seiner zellorientierten Sprache nach vermutlich auch Wallace und seine Behandler getan haben. Eine über das Biologische hinausgehende psychosoziale Sicht auf die Erkrankung hingegen fehlt dem Text vollständig, aber nur sie weist meiner Meinung und Erfahrung nach Wege in die mögliche Freiheit.

Jürgen Karres in Soziale Psychiatrie 4/2015

* Tacheles! Roof Music, 2015, 43 Minuten, 14,99 EUR.<xml></xml>

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David Foster Wallace: Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2015, 112 Seiten, 6,– Euro