Mein Mund ist lüstern

Es gibt Künstlerinnnen, die sind so unverwechselbar, so ausdrucksstark und ihrer Zeit voraus, dass sie irgendwann auch als Kunstfiguren Eingang finden im Theater oder im Film. Bei der wunderbar extremen deutschstämmigen Elsa von Freytag-Loringhoven (1874–1927), die an der Grenze zwischen Realität und Wahn herzuschliddern verstand (mit einem subversiven Witz, der naturgemäß die Katastrophe auf dem Schilde führte), wie keine Zweite ihrer Zeit, wird dies mit Gewissheit zukünftig der Fall sein.

Ihr Leben gibt neben ihren künstlerischen Leistungen ein beredtes Beispiel ab für die Wagemutigkeit einer Frau, die sich über fast alle Konventionen hinweggesetzt hat wie niemand vor und niemand nach ihr. Entsprechend wird sie wohl auch immer eher aufgrund ihres turbulenten und unerhörten Lebens geschätzt werden, es sei denn, ihre literarischen Leistungen werden endlich zur Kenntnis genommen, was nun mit dem im Frühjahr 2005 erschienenen Gedichtband in der in Berlin ansässigen "edition ebersbach" wunderbarerweise zweisprachig möglich ist. Unter dem programmatischen Titel ”Mein Mund ist lüstern / I got lusting palate – Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven” hat die Herausgeberin Irene Gammel der viel gepriesenen Biografie ”Die Dada Baroness – Das wilde Leben der Elsa von Freytag-Loringhoven” (siehe “Soziale Psychiatrie” 4/2004) nun ebenfalls die Übersetzung der Verse ins Deutsche besorgt, und dies mit kongenialem Gespür für die wunderbaren Grenzüberschreitungen, die weitaus aggressiver und politischer sind als bei ihren zeitgenössischen BilderstürmerInnen, wie z.B. Tristan Tzara oder Kurt Schwitters. Denn während diese versuchten, die Liebe zu besingen, bedichtete sie den Koitus und die Menopause und machte sich in ihren Versen u.a. über die moderne Technologisierung des Sex lustig, so dass selbst avantgardistische Zeitungen ihrer Zeit ihre Dichtung teils für nicht öffentlichkeitskompatibel befanden und ablehnten.

Diese Dada-Verse bestricken bis heute wegen ihrer unerreichten, grenzüberschreitenden Experimentierfreudigkeit: ”Manches ihrer Gedichte intensiviert sich zu einem Punk-Konzert, indem die Musik roh und hart herausgebrüllt wird. Andere ihrer kryptischen Werke sind als sprachliche Readymades zu verstehen, die – ihrem Kontext entfremdet – als schräg-schöne Kunstobjekte neue Perspektiven auf das Alltägliche zeigen. Wieder andere dienen als Spielwiese dadaistischer Happenings, auf der wilde Auswüchse der Unlogik und bizarre Unkräuter des Unsinns ein heilsames Lachen hervorkitzeln.” So Irene Gammel in ihrem lesenswerten Vorwort.

Erstmalig von ihr in einer Sammlung der Öffentlichkeit in einer bibliophilen Ausgabe vorgelegt, und dazu noch zweisprachig, sind diese Dada-Verse eine Revolte gegen die Realität. Dabei skizziert und seziert die Dada-Baroness, die ihre große Zeit in der New Yorker und Pariser Boheme hatte, in einem Akt der Selbstentäußerung und des Mutes – mittels einer Zerschlagung der unerträglichen Konventionen und der klischierten Anschauungen und Traditionen, die nichts sind als Faulheit – ihre Weltverachtung in luzider Bilderstürmerei und in Lust und Wollust.

1. Der Koitus ist äußerst wichtig
2. Malz-Milchshake mit Heiligenschein-Geschmack
3. Leben=1 verdammtes Ding nach dem anderen
4. Kunst ist schamlos
5. Die Saat im Miste

heißen die fünf Themenstränge der ca. 27 Gedichte des Gedichtbandes. Sie sind bis auf wenige Ausnahmen im Original von der Deutschen auf Englisch verfasst, was beeindruckend genug ist.

Im April 2005 gab es in Berlin im Literaturhaus mehrere beeindruckende Veranstaltungen um die Dada-Baroness. Dennoch war am umwerfendsten, nachhaltigsten für mich die Lesung der Gedichte, weil eine junge, begabte Schauspielerin Sabine Falkenberg diese derart plastisch zum Leben erwecken konnte, dass ich, die ich sonst gern Schwierigkeiten beim Beurteilen von Gedichten habe, seitdem endlich mit Sicherheit weiß, was für eine Jahrhundertbegabung die Baroness ist. Nun freue ich mich mehr denn je an ihrer Hintergründigkeit und bewundere, wie Rene Steinke, ”ihre rohe Verspieltheit, ihre ausgezackten Rhythmen, ihren Witz und ihre Freimütigkeit”. Und wünsche mir, dass diesem Buch eine große Fangemeinde beschert sein möge.

Wie sagt Dada-Baroness Elsa 1925 so bedenkenswert in ihrem Gedicht ”Geräumigkeit”?
GOTT IST SCHAMLOS
In seiner -
Heiligkeit.
Kunst ist heilig.

Brigitte Siebrasse

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Mein Mund ist lüstern - I got lusting palate. Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven. Hrsg.: Irene Gammel, Berlin: edition ebersbach, 2005, 144 S., 18,-