Die Schattenseite des Mondes

»... and if your head explodes ...
I´ll see you on the dark side of the moon.«
Pink Floyd

Helene Beitler ist den LeserInnen der Umschau wohl bekannt: Gemeinsam mit ihrem Mann Hubert hat sie zwei Bücher veröffentlicht über Psychosebewältigung in Partnerschaft und Familie - "Psychose und Partnerschaft" (2000) und "Familienleben mit psychosekranken Kindern" (2004) -, gemeinsam betreiben sie offensive Öffentlichkeitsarbeit in Form von Vorträgen und Seminaren zu diesen Themen.

Jetzt gibt es einen Roman über sie: In "Die Schattenseite des Mondes" fokussiert die Autorin Renate Klöppel die Zeit, in der die Krankheit ausbricht, und die später folgenden fünf schweren psychotischen Episoden.

Sie erzählt in Vor- und Rückblenden, die eine wahrhaft hin- und herreißende Spannung erzeugen, bei der man beinahe atemlos dem erschütternden Schicksal folgt. Außerdem hat sie einen geschickten Kunstgriff gewählt: die wirkliche Lebensgeschichte wird fiktiv durch Namens- und Ortsänderungen. Helene und Hubert heißen Maria und Joachim, die Handlung spielt vorwiegend in München.

Gleichzeitig ist Maria die Ich-Erzählerin, die aus ihrer Perspektive ihr innerstes Erleben und ihre Sicht der Dinge schildert. Das wirkt authentisch, ist aber nun weit mehr als nur eine Lebensbeschreibung. Renate Klöppel ist eine literarisch dichte Erzählung gelungen.

Zur Geschichte: Als Maria ihren ersten Schizophrenie-Schub erleidet, ist die junge Mutter und angehende Malerin 28 Jahre alt. Es dauert lange, erstaunlich lange, bis ihre Familie, Freunde und Kommilitonen merken, dass mit ihr etwas "nicht stimmt". Dabei sind die äußeren Zeichen unübersehbar und bedenklich: sie magert extrem ab, ihre Haut wird grau und schlaff, sie schläft nicht mehr, rennt ruhelos durch Kneipen auf der Suche nach dem vermeintlich Geliebten, unentwegt rauchend, die Nacht wird zum Tag.

Das, was sich in ihrem Inneren abspielt, erfährt nur die Leserin; ihr Mann Joachim, vor die Tatsache gestellt, dass sie ihn verlassen und Holger, ihren Kunstprofessor heiraten will, reagiert nicht mehr auf ihr zaghaftes "Es geht mir nicht gut", wenn sich der Nebel für kurze Zeit lichtet und sie das vernachlässigte Kind und den verwahrlosten Haushalt wahrnimmt. Zu tief hat sie ihn mit ihrem Verhalten verletzt. Erst als es fast zur Katastrophe kommt, wird sie in die Psychiatrie eingeliefert.

Der Rest ist schnell erzählt: Maria muss noch einige Male zurück in die Psychiatrie, weil sie immer wieder die Medikamente absetzt. Zu sehr leidet sie darunter, dass unter der Medikamenteneinnahme ihre künstlerische Inspiration und Kreativität verloren gehen. Das sie "fett und hässlich" wird, erträgt sie dagegen mit erstaunlichem Gleichmut. Aber ihre verlorenen Farben und das Ausbleiben der rauschhaften Zustände, in denen unzählige Bilder entstehen - das ist für sie nicht aushaltbar. Erst nach dem fünften psychotischen Schub weiß sie: Ohne Medikamente kann sie kein ruhiges Leben mehr führen.

Heute hat sie sich damit eingerichtet. Vor allem hat sie gelernt, schon die allerfeinsten Anzeichen einer drohenden Psychose wahrzunehmen und die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Und eines Tages, da sind auch die Gefühle und die Farben zurückgekommen und ihr ersehnter Traum ist in Erfüllung gegangen: eine eigene Ausstellung.

Renate Klöppel schreibt in ihrem Vorwort: Die persönliche Geschichte (von Helene Beitler) möge vielen Betroffenen und deren Angehörigen Mut machen. Sie möge auch helfen, an Schizophrenie erkrankten Menschen offen und mit mehr Verständnis zu begegnen. Dazu wird dieses Buch sicher beitragen.

Ute Hüper in Psychosoziale Umschau

Suche

Derzeit befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Renate Klöppel: Die Schattenseite des Mondes. Ein Leben mit Schizophrenie. Rowohlt-Taschenbuch, Reinbek 2004, ISBN 3-499-61941-5, 288 S., 8,90 Euro