Camilles Schatten

Es beginnt mit einer nahezu alltäglichen Geschichte. Die Klinikärztin Birgit Schindler hat eine Affäre mit ihrem verheirateten Oberarzt. Ein heimlicher Ausflug führt die beiden nach Paris und in das Rodinmuseum, aber mehr als vom Meister selbst ist die Ärztin von Rodins Schülerin und Geliebter Camille Claudel und ihren Werken beeindruckt. Sie trägt Bücher über diese Frau nach Hause und dringt immer tiefer in ihre Lebensgeschichte ein. Camilles Schicksal erschüttert sie.

Es ist ihr eigenes Leben, das sie in ihm erkennt, dasselbe Versteckspiel, dieselbe Einsamkeit an der Seite des heimlichen Geliebten. Birgit will dieses Schicksal nicht länger ertragen und umarmt den Geliebten in kompromittierender Weise öffentlich und vor den Augen seiner Frau. Aber die junge Ärztin überfordert sich mit diesem Schritt. Was ihr in der folgenden Nacht allein in ihrer Wohnung widerfährt, bleibt ein für sie unbegreifliches Erlebnis. Als sie am nächsten Morgen erwacht, sind ihre Wohnung und Hände mit Lehm verschmiert. Offenbar hat sie in einem Zustand der Verwirrung versucht, Camille Claudel künstlerisch nachzueifern.

An den nächsten Tagen ist sie ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit in der Klinik nicht mehr gewachsen, sie macht Fehler, bricht schließlich ihre Arbeit ab. In ihrer Wohnung sieht sie Camille leibhaftig vor sich und mit der längst verstorbenen Frau dringt der Wahn immer tiefer in Birgits Leben ein. Sie spürt wie sie sich verändert, erlebt Herzrasen, Schwindel und düstere Phantasien. Unter der Diagnose eines psycho-vegetativen Erschöpfungszustandes wird sie krankgeschrieben, bekommt ein Neuroleptikum, aber die Psychose lässt sich nicht mehr aufhalten.

Von Wahnvorstellungen geführt, irrt sie auf der Suche nach ihrem Bräutigam durch die Straßen, wird von der Polizei aufgegriffen und landet schließlich in der Psychiatrie. Der Rollenwechsel von der mit Respekt behandelten Ärztin zur entmündigten Patientin erschüttert sie, ebenso die Tatsache, selbst eine der psychisch Kranken auf der Station zu sein. Und immer wieder kommt ihr die erschreckende Parallele zu Camille Claudel in den Sinn. Auch diese erkrankte nach dem Bruch mit dem Geliebten an einer Psychose. Ihr Schicksal war lebenslängliches Siechtum und die Unterbringung in einer Anstalt.

Birgit wird nach wenigen Wochen aus der Psychiatrie entlassen. Sie arbeitet wieder als Ärztin, wird aber nicht einmal den stark eingeschränkten Aufgaben gerecht, muss sich erneut krankschreiben lassen. Jetzt sind es Leidensgenossinnen, die ihr eine große Hilfe sind in der schmerzhaften Neuorientierung in einem Leben, dem die Krankheit spürbare Einschränkungen auferlegt, Frauen, die ihren Platz und ihre Aufgaben in der Gesellschaft trotz der Krankheit gefunden haben. Am Ende des Buches dominieren Hoffnung und Zuversicht.

Das Schicksal dier jungen Ärztin, die dafür kämpft, trotz der Krankheit zu einem befriedigenden Leben zu finden, berührt den Leser und die geschilderten Wahnerlebnisse geben einen eindrucksvollen Einblick in das Erleben während einer Psychose. Das, was Birgit aus der Psychiatrie und den Monaten danach berichtet, dürfte für die inneren und äußeren Erlebnisse vieler Betroffener stehen. Bei alledem bewertet die Autorin nicht, und auch die Personen, die Birgit das Leben schwer machen, wie ihre Vorgesetzte, bleiben für den Leser einfühlbar.

Dies macht »Camilles Schatten« bei aller durch die in der ersten Person Präsens berichtende Hauptperson gegebene Subjektivität zu einem Buch, das sich nicht in Vorurteilen verliert. Es ist ein Buch, dass Verständnis weckt für die an einer Psychose erkrankten Menschen und das eine weite Verbreitung finden sollte.

Renate Klöppel in Psychosoziale Umschau

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Susanne Konrad: Camilles Schatten. Roman. Brandes und Apsel, Frankfurt 2005, ISBN 3-86099-513-8, 120 S. Paperback, 12,90 Euro