Das Schattenmädchen

Schon wieder ein Buch über Multis, war meine erste Reaktion, als ich das von der Autorin persönlich geschickte Exemplar aus dem Briefkasten fischte. Nur mal reinlesen wollte ich - vier Stunden später hatte ich es ausgelesen. In einem Rutsch.

»Ich bin nicht allein«, sagt die junge Nova ihrem künftigen Begleiter bei der ersten Begegnung. »Eine von uns will sterben.« Von Anfang an zieht die Autorin aus der Perspektive des männlichen Ich-Erzählers die Leser in einen Sog menschlicher Gefühle in all ihrer Vielfalt und Lebendigkeit. Denn Nova ist keine gewöhnliche Frau. In ihrem Körper wohnen noch weitere Personen. Zusammen mit dem Erzähler lernen wir allmählich dieses ›Team‹ kennen - eine sympathische Entdeckungsreise. Doch: »Wie soll man jemand lieben, wenn man nur einen Teil dieses Menschen liebt?« schreibt Verena Liebers im Vorwort. »Was ist überhaupt Liebe, wenn die Auserwählte eine Multiple Persönlichkeit ist? Hat eine solche Liebe eine Chance?«

Sie hat. Nicht zuletzt durch die offene, unbefangene und unvoreingenommene Art, mit der der namenlos bleibende Erzähler auf jede einzelne der Personen zu- und eingeht. Dabei hat er es mal mit der coolen Geschäftsfrau Marlene, mal mit der erotischen Mary, mal mit dem kleinen Lenchen oder dem Teenager Marko zu tun. Gebündelt sind sie alle in der Wir-Person Nova, über die Leser und Erzähler das aufeinander eingespielte Team nach und nach kennen lernen – jeden einzelnen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen und mit all seiner Verletzlichkeit und Liebenswürdigkeit. Erst ganz allmählich gewinnt der Begleiter das Vertrauen von Nova & Co. Dabei zeigt er sich selbst verletzlich, manchmal hilflos, unwissend und auf eine natürliche Weise neugierig.

Keine gewöhnliche Liebesbeziehung, sondern eher ein Überraschungsei. Dabei ist von »krank« nie die Rede. Alle Beteiligten fühlen sich wohl in ihrer Haut, und etwa ab der Mitte des Buches hält man es als Leser schon für exotisch, dass Menschen ihren Körper allein bewohnen. Es ist der Autorin gelungen, spielerisch einen authentischen Einblick in die Welt einer Multiplen Persönlichkeit und ihr Umfeld zu geben – ohne dabei den Beigeschmack einer psychischen Erkrankung oder ideologisch angehauchter Dogmen aufkommen zu lassen.

Doch problemlos läuft es nicht. Bis die ganze Wahrheit dieser ungewöhnlichen und geheimnisvollen Frau ans Tageslicht kommt, vergehen Jahre. Der einleitende Satz »Eine von uns will sterben« findet am Ende in einer dramatischen Synthese aus Befreiung und Tod seine Entsprechung.

Dieser Roman ist ein Muss für alle, die sich auch nur entfernt für die menschliche Psyche interessieren, für alle, die in zwischenmenschliche Beziehungen verwickelt sind – und damit überhaupt für alle.

Marianne Kestler in Psychosziale Umschau

Suche

Derzeit befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Verena Liebers: Das Schattenmädchen, Salon Literatur Verlag, München 2003, 200 Seiten, 17,20 Euro.