Ich und die anderen

Andy ist Adam, Gideon, Tante Sam und wer weiß noch alles. Penny ist Mouse und Maledicta und Loins und noch einige mehr. Julie ist einfach sie selbst und hat damit schon genug Probleme. Sie ist außerdem Andys Chefin und zeitweise bahnt sich zwischen den beiden was an. Aber das kompliziert, weil eine Beziehung zwischen Julie auf der einen Seite und auf der anderen Andy, Adam, Gideon und ein Dutzend weitere – da kann viel schief gehen.

Es geht viel schief. Aber Matt Ruff hat mehr mit uns Lesern vor, als zu demonstrieren, wie kompliziert das Liebesleben multipler Persönlichkeiten ist. Andy ist ein multipler junger Mann, und Penny ist eine multiple junge Frau. Zwischen denen geht dann definitiv was ab. Andy weiß schon länger, wie er gestrickt ist, Penny merkt es langsam. Aber sie ist noch in dem Stadium, wo das Merken oft hauptsächlich darin besteht, dass ihr ein paar Stunden oder ein paar Wochen fehlen in der jüngsten Vergangenheit, keine Erinnerung und das sichere Gefühl, dass da etwas ganz grundlegend nicht stimmt. Ein Glück, dass sie in Andy einen schon etwas sortierteren Multiplen trifft, der sie an die Hand nimmt.

Beim Lesen dachte ich öfter mal, ich hätte etwas nicht verstanden oder nachlässig gelesen, nicht richtig aufgepasst und müsste wohl besser ein paar Seiten zurückblättern, um zu kapieren, worum es gerade geht. Ich habe dann festgestellt, dass das zu Matt Ruffs Tricks gehört. Sein Spiel fordert mir als Leser manchmal auch etwas Geduld ab. Das macht Sinn. Es ist ähnlich wie bei multiplen Persönlichkeiten, die auch erst nach und nach mitbekommen, was eigentlich los ist, die erst langsam rekonstruieren, was gerade gewesen sein könnte (und die können auch nicht einfach ein paar Seiten zurückblättern und noch mal nachlesen).

Als Leser lerne ich langsam, was es mit der Galerie und dem Haus in Andys Kopf auf sich hat, in dem er bei Bedarf auch mal Vollversammlungen seiner inneren Personen abhält (auf denen es manchmal hoch hergeht). Ich erhasche hier und da einen Blick auf biografische Zusammenhänge, ohne dass sich ein verständliches Bild ergibt. Ich lerne, auf welche ihrer inneren Züge sich Andy und Penny verlassen können und auf welche nicht. Und dann gerate ich in den Strudel des Schluss-Showdowns, und das ist ein veritables multiples Roadmovie mit Motels in den Rockies, Kleinstadtpolizisten und einer bestürzenden Szene aus Vergangenheit und Gegenwart. Da mischen sich multiple Bewältigungsversuche mit realem Horror, treffen menschliche Schwächen auf die Stärken derer, die nichts zu verlieren haben.

Kurz: ein Krimi, eine Liebesgeschichte, ein schräger Späthippie-Kultroman, eine psychologische Falldarstellung, alles in einem. Ein multipler Roman sozusagen. Mein eigener Film dabei: Ich habe immer betont, dass ich in 29 Jahren Psychiatriearbeit nie eine multiple Persönlichkeit kennen gelernt habe. Ich habe immer fest geglaubt und behauptet, dass es so etwas nicht gibt und es sich um eine aufgepeppte Mode handelt. Mit Interesse bin ich seit einiger Zeit dissoziativen Erlebensweisen, selbstverletzendem Verhalten und diesen Dingen begegnet und habe versucht, das zu verstehen.

In diesen Findungsprozess splittert der Roman von Matt Ruff mitten rein, und aus der literarischen Überspitzung des Phänomens habe ich eine Menge gelernt. Klar ist das alles literarisch überspitzt: Die ”26 Personen mit verschiedenen Namen in einer”-Patientin werde ich kaum jemals kennen lernen. Aber das Prinzip, nach dem nichtpsychotische Bewältigungsversuche unerträglicher Traumatisierungen funktionieren, finde ich nach dem Lesen des Buchs verständlicher als vorher.

Dass es diese Traumatisierungen gibt, wissen wir aus der realen Begegnung mit selbstverletzenden jungen Frauen wie auch mit dissozialen gewalttätigen jungen Männern. Die Begegnung schreit nach Verstehen, weil man sonst aus dem Handeln, dem Agieren überhaupt nicht rauskommt. Oft ist es schwer, diese Menschen zu lieben, auch wenn ich genau weiß, wie wichtig das für die Zusammenarbeit mit ihnen in der Therapie ist. Auch da hilft mir der Roman von Matt Ruff weiter.

Und weil es ein Roman ist und kein Sachbuch, kann auch die Mutti des Lesers etwas damit anfangen (glaube ich) oder der Qualitätsbeauftragte der Institution, in der der Leser tätig ist. Wer gar nichts damit anfangen kann, den sollte man in der nächsten Zeit etwas sorgfältiger im Auge behalten. Dissoziative Gefahren lauern überall. Da kann vieles schief gehen. Und es geht auch vieles schief – oder bei Ihnen nicht?

Ingo Engelmann in Soziale Psychiatrie

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Matt Ruff: Ich und die anderen. Hamburg, Hanser-Verlag, 2004, 597 Seiten, 24,90 Euro