Persönlichkeitsstörung im therapeutischen Alltag

Es war wohl der Zufall, der es fügte, dass am selben Tag Horst Haltenhof als guter alter Bekannter anrief, und mich darauf hinwies, dass nach langer Vorarbeit nun endlich doch das Buch über »Persönlichkeitsstörungen im therapeutischen Alltag« erschienen sei, und mich fragte, ob ich es besprechen möge, im Zeitmagazin eine Glosse von Harald Martenstein auftauchte, der berichtete, wie er einen Verriss über ein Buch eines Freundes schrieb, das er eigentlich mochte.

Dieser Textausschnitt lautet so:

»Am gleichen Tag rief ein Verlag an. Ein alter Freund hat ebenfalls ein Buch geschrieben. Nun fragt mich sein Verlag in seinem Namen, ob und wann meine Besprechung erscheint. Ich habe am Telefon herumgestottert. Hinterher habe ich mich selbst gehasst. Warum bin ich so feige? Die normalen Zeitungsleser wissen natürlich nicht, dass wir befreundet sind, aber fast jeder in der Branche weiß es. Wenn ich einen Jubelgesang über sein Buch verfasse, wird mich jeder für eine korrupten Gefälligkeitsjournalisten halten. Dieser Freund mutet mir zu, dass ich mich, zu seinem Vorteil, unmöglich mache. Nein, noch schlimmer! Er hält mich wirklich für korrupt, sonst wäre es für ihn nicht selbstverständlich, dass meine Besprechung freundlich ausfällt, denn nur deshalb drängt er ja darauf, dass ich etwas schreibe. Also habe ich mich hingesetzt und über das Buch, das ich eigentlich ganz okay finde, einen knallharten, fast ein bisschen unter die Gürtellinie zielenden Verriss verfasst. Diesen Text habe ich ihm geschickt, versehen mit dem Hinweis, dass ich wegen unserer Freundschaft auf eine Veröffentlichung verzichte.«

So verhielt es sich bei Martenstein mit seinem Freund, nicht aber bei Kruse und Horst Haltenhof. Der war sich nämlich gar nicht so sicher, als er anrief, dass Kruse nicht davor zurückschreckt, auch Bücher von befreundeten Persönlichkeiten, sagen wir einmal, auf die Schippe zu nehmen oder zumindest mit einer kleinen Dosis Spott sich anheischig machen könnte, denjenigen zu versehen, der trotz des nur schwer zu bewältigenden klinischen Alltags auch noch ein Buch für die Nachwelt anderen in die Regale zwingen will.

Ganz abgesehen davon, dass Verrisse gelegentlich zu gewaltigen Auflagesteigerungen führen, wollen wir speziell bei diesem Buch diesen Weg trotz des vorangegangenen Unkenrufes auf keinen Fall beschreiten, da dies der Sache keinesfalls gerecht würde. Zu Recht führen die Herausgeber im Vorwort aus, dass die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung seit den 80er-Jahren wieder eine zunehmende Rolle spielt, dass gleichwohl die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen (Anmerkung des Rezensenten: und erst recht die Therapie!) zu den schwierigsten Aufgaben der Psychiatrie gehöre, da man sich immer wieder im Grenzbereich zum Normalpsychologischen bewege, folgerichtig findet sich auch ein genau diese Thematik bearbeitendes Kapitel von Schlimme und Emrich in diesem Band.

Vollständig gelungen ist die Erreichung des Zieles, an relevanten Beispielen die unterschiedlichen Aspekte von Diagnostik und Therapie unter klinischen Gesichtspunkten darzustellen. Einer inneren Logik folgend, werden durch verschiedene Autoren zunächst die Entstehungsgeschichte, die Aufrechterhaltung und die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen besprochen, sodann einzelne Varianten der Persönlichkeitsstörung im Einzelnen ausführlich, kompetent, praxisbezogen beleuchtet. Auch einzelne Sonderaspekte im Zusammenhang mit Persönlichkeitsstörungen kommen zur Sprache, wie sie sich in begleitenden sexuellen Funktionsstörungen, bei Suchterkrankungen oder somatoformen Störungen darstellen lassen.

In ihrem Hang zur Vollkommenheit lassen die Herausgeber natürlich auch nicht Persönlichkeitsstörungen, die im Migrationsprozess eine Rolle spielen können bzw. diesen erschweren, unbetrachtet und kommen schließlich, sowohl vonseiten der Autoren als auch im Hinblick auf den Inhalt auf höchstem Niveau auf die therapeutischen Ansätze, die sich bei diesen Beeinträchtigungen und Störungen nahelegen, zu sprechen.

Selbstverständlich gibt es auch ein Kapitel über persönlichkeitsgestörte Täter im Maßregelvollzug, kein Kapitel gibt es allerdings über persönlichkeitsgestörte Personen in Haftanstalten. Nach Ansicht des Rezensenten könnte darüber allerdings ein Extra-Buch verfasst werden.

Kurzum, trotz der guten Bekanntschaft mit den Herausgebern und auch einigen der Kapitel-Verfasser kann ich mich nicht zu der von Martenstein nahegelegten Verfahrensweise hinreißen lassen, hätte aber dem Buch, weil dadurch das Gewicht, das es hat, besser zum Ausdruck gebracht würde, handfeste Buchdeckel, wenn nicht sogar einen Ledereinband, gewünscht.

Es ist nachzutragen, dass dieses Buch, noch während ich damit befasst war, zunehmend in die Hände meiner psychotherapeutisch tätigen Frau gelangte und schließlich darin bis zum heutigen Tage verblieb, vermutlich ohne Aussicht auf Rückkehr in die meinen. Das spricht auch für das Buch, so wie die aus Bibliotheken und Buchhandlungen meistgeklauten Bücher und Zeitschriften qualitativ hochstehend sein dürften.

Gunther Kruse in Sozialpsychiatrische Informationen

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Haltenhof H, Schmid-Ott G, Schneider U (Hg.) (2009): Persönlichkeitsstörung im therapeutischen Alltag. Lengerich: Pabst Science Publishers, 353 Seiten, 30 Euro