Pflege fallorientiert lernen und lehren

Auf der Suche nach guten Fallbeispielen wildere ich gerne in den Gefilden fremder Disziplinen. Ich schaue mal den Medizinern über die Schulter oder den Psychotherapeuten. Ganz besonders neugierig bin ich auf die Lerninhalte psychiatrischer Pflege, weil ich hier oft ganz konkrete Tipps für den „Umgang“ mit bestimmten Zielgruppen abkupfern kann. Methodisches Wissen für soziale Berufe speist sich aus vielen Quellen – mit dem oben angeführten Buch bin ich auf eine besonders ergiebige gestoßen.

Der schön und übersichtlich gestaltete Band aus der Reihe „Pflege fallorientiert lernen und lehren“ gibt zunächst eine Einführung in die Grundbegriffe. Die psychiatrische Versorgungsstruktur – für mich ein Prüfstein sozialpsychiatrischer Literatur – und die Gemeindepsychiatrie werden samt kurzer Historie gut verständlich, aber höchst fachkundig vorgestellt. Nun folgt das Herzstück, die ausführliche Vorstellung von sechs Menschen, die jeweils eine psychiatrische Störung repräsentieren: Depression, Angststörung, Alkoholabhängigkeit, Demenz, Schizophrenie und emotional-instabile Persönlichkeit.

Die konsequente Grundhaltung des Buches zeigt sich bereits in den Überschriften, die sich an „Irren ist menschlich“ orientieren: „Menschen, die unter Depression leiden – Gefangen in mir?“ Oder beim zweiten Fall: „Menschen, die unter einer Alkoholabhängigkeit leiden – Wer beherrscht wen?“

Jede Fallvignette ist systematisch gegliedert, Merksätze sind markiert und die unterschiedlichen Aspekte werden sorgfältig durchdekliniert. Das Muster ist jeweils identisch und sei hier am Beispiel einer Patientin mit einer Borderline-Störung kurz vorgestellt: Der Leser wird zu Beginn bei seinen Vorurteilen abgeholt, um dann sehr ausführlich die 29-jährige Frau Ross in der Aufnahmesituation auf einer akutpsychiatrischen Station zu erleben. Sie ist dort nicht unbekannt; ihre aktuelle Lebenslage wird referiert, die Reaktion im Team beschrieben.

Auf knapp drei Seiten Falldarstellung folgen nun die theoretischen Grundlagen zur Störung und Behandlung. In kurzen Abschnitten wird der Leser zu Frau Ross zurückgeführt, und auf diese Weise wird jeder Lernschritt illustriert. Die besondere Psychodynamik dieser Persönlichkeitsstörung wird so erfahrbar, aber auch die Wirkfaktoren aktueller therapeutischer Ansätze: Wie reagiert Frau Ross auf Psychoedukation, auf Achtsamkeitstraining, auf Psychotherapie? Unter der Überschrift „Pflegerische Schwerpunkte“ werden nach der bereits bekannten Systematik Empfehlungen für den Umgang generell und speziell mit Selbstverletzung und Suizidalität gegeben. Kleine Exkurse zur Bezugspflege, Supervision, zu den verschiedenen Pflegetheorien und den unterschiedlichen Rollen der Pflegenden vervollständigen das Kapitel.

Insgesamt macht dieses Buch Lust auf die Arbeit in der Gruppe, im Seminar. Mit aktuellen Leitgedanken wie Empowerment und Recovery ist es auf der Höhe der Zeit. Die „Trinkertypen“ nach Jellinek (1960) wirken im Vergleich dazu etwas verstaubt, gehören aber wohl zum Inventar. Meine abschließende Wertung: für Lehrende und Lernende eine beispielhafte Lektüre.

Ilse Eichenbrenner in Soziale Psychaitrie

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S. Schmiedgen; B. Nitzschke; H. Schädle-Deininger; S. Schoppman: Pflege fallorientiert lernen und lehren. Psychiatrie. Stuttgart: Kohlhammer-Verlag, 2014, 203 S., 24,99 Euro.