Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen

Ohne sie geht es selten in der Psychiatrie – und dennoch werden sie manchmal verteufelt. Warum beides so ist und worauf es ankommt, versucht Asmus Finzen im Buch „Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen“ darzulegen. Der Band ist in der Reihe „Basiswissen“ des Psychiatrie-Verlages erschienen und richtet sich an alle betroffenen Berufsgruppen, verschafft aber auch dem Patienten einen Überblick über die wichtigsten Medikamente, ihre Wirkungsweisen und ihre Risiken.

Der weitgehend auch für Laien verständliche Ratgeber richtet sein Hauptaugenmerk vor allem auf den verantwortungsvollen Umgang mit Medikamenten, denn sie sind an sich weder gut noch böse. Es kommt vor allem auf die Risiko-Nutzen-Abwägung an. Und das bedeutet für Ärzte und Pflegepersonal in erster Linie der sich immer wieder bewusst zu machende Einzelfall. Jeder Mensch kann anders auf die Einnahme reagieren. Was bei dem einen Patienten Wunder wirkt, kann beim anderen wirkungslos bleiben oder gar unerwünschte Resultate hervorrufen.

Umso wichtiger, so Finzen weiter, sind die richtige Diagnose und die richtige Einschätzung der individuellen Dosierung. Eine gezielt mit dem Betroffenen abgestimmte Behandlung bleibt das A und O. Gerade in der Psychiatrie stellen sich die erwünschten Ergebnisse oft erst nach Wochen ein. Finzen spricht in Einzelfällen von bis zu einem halben Jahr. Andererseits sollte bei Unverträglichkeit oder unerwartet starken Nebenwirkungen rasch nach Alternativen gesucht werden, um die Akzeptanz beim Patienten zu erhalten.

Detailliert listet das Buch die wichtigsten psychischen Störungen und die wirksamsten Medikamente sowie ihre möglichen Nebenwirkungen – Finzen spricht gerne von „unerwünschten Wirkungen“ – auf. Er räumt dabei mit so manchem Vorbehalt etwa gegen Neuroleptika auf, warnt aber auch vor unterschätzten Gefahren und voreiliger Euphorie über Medikamente, die noch nicht lange genug erprobt sind.

Medikamente an sich, so stellt Asmus Finzen noch einmal unmissverständlich klar, können nicht heilen, aber sie können die Symptome so weit lindern, dass eine Therapie Erfolg hat und manchmal überhaupt erst möglich wird. Er schätzt aber auch, dass etwa ein Drittel aller Tranquilizer, Schmerzmittel und Psychostimulanzen nicht aufgrund einer akuten ärztlichen Verordnung, sondern zur Manipulation von Befindlichkeiten und zur Vermeidung von Entzugserscheinungen eingenommen werden. Er geht von über einer Million Benzodiazepin-Derivate-Abhängigen aus.

Medikamentenmissbrauch gibt es aber nicht nur auf Patienten-, sondern auch auf Ärzteseite. Vor allem die Diagnose Depression werde gern schnell gestellt und entsprechend medikamentös behandelt, obwohl in sehr vielen Fällen das soziale Umfeld und die persönliche Belastung hinter Erschöpfungszuständen und Hoffnungslosigkeit steckten.

Es spricht einiges dafür, dass die Psychopharmaka immer noch nur auf Randbereiche des neuronalen Netzes wirken. Sie könnten immer nur therapiebegleitend eingesetzt werden, so Finzen. Die Geheimnisse des Gehirns und damit auch die tatsächlichen Ursachen von psychischen Krankheiten bleiben uns bis heute verborgen. Neuentwicklungen auf dem Arzneimarkt versprechen daher selten eine bessere Wirkung, sondern meist immer nur eine bessere Verträglichkeit.

Und: Das letzte Wort über Psychotherapie und Psychopharmakotherapie sei noch lange nicht gesprochen, schreibt Asmus Finzen. Umso wichtiger sind Bücher wie diese.

Jens Riedel im Eppendorfer

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Asmus Finzen: Medikamenten-behandlung bei psychischen Störungen. Psychiatrie-Verlag, 2. Auflage, Bonn 2009, ISBN 3-88414-429-9, 144 Seiten, 14,90 Euro.