Umgang mit Gewalt in der Psychiatrie

Mit der Basiswissen-Reihe setzt der Psychiatrie-Verlag auf ein sehr kompaktes Format für Ein- und Überblicke zu ausgewählten Themen. Für die anspruchsvolle Aufgabe, Basiswissen zu Gewalt und Zwang im psychiatrischen Feld zu vermitteln, wurde mit Professor Dr. Tilman Steinert ein ausgewiesener Experte gewonnen. Er ist unter anderem Sprecher des ‚Arbeitskreises zur Prävention von Gewalt und Zwang in der Psychiatrie’ (www.arbeitskreis-gewaltpraevention.de) und hat gerade zu diesem Thema bereits viel geschrieben und veröffentlicht.

Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbart, dass die Problematik von vielen Seiten beleuchtet wird. In dem Kapitel „Warum ist die Psychiatrie nicht gewaltfrei?“ erfolgt wie erwartet eine Erörterung des doppelten Mandats. Gefahren durch psychisch Kranke werden sowohl hinsichtlich des gesellschaftlichen Alltags als auch für die besondere Situation in psychiatrischen Institutionen erörtert. Es folgen sogleich die Gefahren für psychisch Kranke, die krankheits- wie auch sozial und behandlungsbedingt sind.

Die einschlägig relevanten Gesetze werden ebenso benannt wie die juristischen und fachlichen Probleme ihrer Anwendung – wie ist das mit Willensfreiheit, Verantwortlichkeit, Schuldfähigkeit …? Die Fallbeispiele finde ich gut gewählt und anschaulich. Praxisrelevant sind auch die Bemerkungen zu Risikoerkennung, Milieugestaltung und zur praktischen Umsetzung psychiatrischer Zwangsmaßnahmen.

Unter den engen Vorgaben des Basiswissen-Formats ist Steinert eine beachtlich detailreiche Darstellung dieses komplexen Themas gelungen. Sprachlich stellt er sich gut auf die Zielgruppe ein (laut Klappentext des Verlags Auszubildende, Berufsanfänger und Quereinsteiger), geht sparsam mit Fremdwörtern um und verzichtet weitgehend auf Quellen- und Autorennennungen. Hervorragendes Beispiel für die gut verständliche Aufbereitung ist das Kapitel, in dem die aktuelle Diskussion zu Willensfreiheit und Schuldfähigkeit auf Grundlage neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse skizziert wird.

Gehört das Buch in die Hand jeder Berufsanfängerin? Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber … Besonders die zweite, praxisorientierte Hälfte widmet sich ganz überwiegend dem stationär-akutpsychiatrischen Bereich. Im Text ist viel von „psychiatrischen Einrichtungen“ die Rede, und es wird von Seite zu Seite deutlicher, dass Steinert die Klinik vor Augen hat. Die Belange der Gemeindepsychiatrie kommen dagegen vergleichsweise wenig vor, sind auf dem hier eingeschlagenen Weg wohl auch schwerer zu fassen. In der individualisierten Situation des ambulant betreuten Einzelwohnens entstehen völlig andere Konstellationen von Macht und Gewalt, und zwar für Klienten und Mitarbeiter.

Der Neuling im psychiatrischen Krankenhaus profitiert sicher mehr von der Lektüre. Trotzdem hätte ich auch ihm noch einige Hinweise gewünscht auf das Sortiment sozialpsychiatrischer Errungenschaften wie Behandlungsvereinbarungen, unabhängige Beschwerdestellen, trialogisch besetzte Besuchskommissionen und Psychoseseminare. Die Psychiatrie-Personalverordnung – einst Grundlage einer vertretbaren Personalausstattung psychiatrischer Behandlung – und deren Aushöhlung kommt nicht vor.

Psychopharmaka werden auf knapp zweieinhalb Seiten behandelt. Die begrenzte Wirksamkeit von Medikamenten auf Unruhe und Aggressivität kann da nur kurz benannt werden. Risiken und Nebenwirkungen werden lediglich für Menschen mit demenziellen Erkrankungen erwähnt („statistisch auch mit einer erhöhten Rate tödlicher Komplikationen verbunden“, S. 121).

Vermisst habe ich unter anderem ein kritisches Wort zu der weit verbreiteten Praxis der Dauermedikation zum Zwecke der Sedierung, z.B. bei Heimbewohnern. Unbefriedigend ist auch, dass Haltung und Rolle der organisierten Psychiatrie-Erfahrenen sehr herablassend mit einem einzigen Absatz abgetan werden („oft nicht repräsentativ für die Haltung Betroffener insgesamt“, S. 119). Nicht einmal die gravierenden Differenzen zwischen verschiedenen Strömungen in der Psychiatrie-Erfahrenen-Bewegung werden erwähnt.

Dennoch: Unterm Strich ist das Glas nicht halb leer. Es ist mehr als halb voll – so bei 90 Prozent. Andere ‚Basiswissen’-Bände haben zehn Seiten mehr. Es wäre möglich und wünschenswert gewesen, einige Facetten des Themas differenzierter zu behandeln.

Martin Osinski in Soziale Psychiatrie

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Tilman Steinert: Basiswissen: Umgang mit Gewalt in der Psychiatrie. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2008, 128 Seiten, 14,95 EUR