Umgang mit psychotischen Patienten

"Eine Psychose entspricht annäherungsweise dem Zustand gleichzeitiger Abkapselung und Reizoffenheit." "Nur wer bereit ist, Normalität zugunsten Verrücktheit aufzugeben, kann den umgekehrten Weg fördern" – Sätze wie diese stehen für den Versuch, psychotischen Menschen und therapeutischen Prozessen in ihrer Individualität und Komplexität knapp und präzise gerecht zu werden.

Mit dem Start der Reihe Basiswissen hat der Psychiatrie-Verlag den Versuch unternommen, praktisches Wissen für Berufsanfänger und Quereinsteiger in kompakter Form auf 144 Seiten vorzulegen. Thomas Bock nähert sich diesem Ziel auf verschiedenen Ebenen und aus vielen Perspektiven: subjektive, familiäre, soziale, religiöse, somatische und genetische Aspekte, Psychosen als extreme Form des Eigensinns, sozialpolitische und institutionelle Rahmenbedingungen, Beispielgeschichten, Psychosentherapie.

Das Buch lädt ein zu einem differenzierten, sorgfältigen, partnerschaftlich-dialogischen Denken und Handeln mit psychotischen Menschen. Man bekommt praktische Leitlinien für den ersten Kontakt und die Beziehungsgestaltung. Darüber hinaus bezieht Bock klar Stellung zu Mängeln deutscher Psychiatrien und zu therapeutischen Irrwegen. Das Besondere an Bocks Ansatz ist die Kombination aus der gewissenhaften Anerkennung simpler Tatsachen und pragmatischer Notwendigkeiten mit einer herrlich undogmatischen Freiheit im Denken, Interpretieren und Einlassen auf psychotische Menschen:

Es kommt bei jedem einzelnen Menschen darauf an, wie er aufgewachsen und wie sein Leben weiterverlaufen ist, welche Beziehungen bestehen, welche persönliche Bedeutung psychotisches Erleben hat, welcher Therapieansatz zu welchem Zeitpunkt passend ist, welche Ressourcen es gibt, ob eine psychiatrische Diagnose als Be- oder Entlastung empfunden wird, ob Medikamente hilfreich sind oder nicht, welche Persönlichkeit und welchen Hintergrund die Therapeutin bzw. der Therapeut hat, etc.

Der Umgang mit psychotischen Patienten kann also keinen klaren Regeln folgen, außer vielleicht der, genau hinzuschauen und jeden Einzelnen in seiner einmaligen Situation wahrzunehmen. Vielleicht tut sich der Autor auch deshalb schwer mit knappen Merksätzen, offenbar einer Verlagsvorgabe für die neue Reihe. So verschwimmt an einigen Stellen die Grenze zu einem größeren Lehrbuch, welches einen entsprechenden Umfang bräuchte. Die Gestaltung lehnt sich durchaus an Lehrbücher an: Das Layout ist lesefreundlich, enthält Marginalien und zahlreiche Verweise. Leider fehlt ein Stichwortverzeichnis.

Der farbige Buchumschlag hat Linie(n) und praktische, flexible Einschlagdeckel als Lesezeichen. Die Bindung wirkt etwas solider als bei anderen Büchern des Verlages und das kleine Format ist deutlich handlicher als der anspruchsvolle Inhalt. Quintessenz: Ein sehr gelungenes, kompaktes und hochaktuelles Werk, das vielfältige wissenschaftliche Ergebnisse und alltagspraktische Erfahrungen miteinander kombiniert, und das gute Chancen hat, zu einem Bestseller zu werden.

Ingo Runte in Psychosoziale Umschau

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Thomas Bock: Basiswissen: Umgang mit psychotischen Patienten. Psychiatrie-Verlag, 7. Auflage, Bonn 2010, 144 S., 2 Abb., 1 Tab., 14,96 Euro