Sinnsuche und Genesung

Liegt Sinn in einer Psychose? Und wenn ein Betroffener in einer Psychose einen subjektiven Sinn erkennen kann, ist das eine gute Sache? Hilft es bei der Genesung oder verbessert es die Lebensqualität? Ein neues Buch, herausgegeben von Thomas Bock, Kristin Klapheck und Friederike Ruppelt im Psychiatrie Verlag geht diesen Fragen nach. Anlass für das Buch war ein Forschungsprojekt zum subjektiven Sinn (SuSi) von Psychosen. Esgeht aber weit darüber hinaus, das Thema »subjektiver Sinn von Psychosen« wird vielfältig beleuchtet und einige Beiträge schauen auch über den Tellerrand zu anderen Beeinträchtigungen.

Das Buch ist trialogisch geschrieben. Betroffene, Fachleute und Angehörige haben jeweils verschiedene Beiträge in dem Sammelband verfasst. Mir erscheint das sehr passend, denn im Trialog findet einiges an Sinnsuche statt. Betroffene können versuchen Worte für ihr Erleben zu finden. Angehörige haben Raum für ihr Leid und ihre Sorge. Fachleute wissen im Trialog nicht alles besser, aber sie können vielleicht deutlich machen, dass sie versuchen Hilfe anzubieten.

Besonders berührt hat mich der Text von Gwen Schulz, die sagt: »Es ist wichtig für mich zu erkennen: Es gibt einen Grund, warum ich so bin, wie ich bin. (…) Das zu erkennen war nicht leicht für mich. An manchen Stellen ist es sogar eher schmerzhaft, weil ich akzeptieren muss, dass mir bestimmte Dinge in diesem Leben nicht möglich sein werden, nach denen ich mich durchaus sehne.« (S. 70) Es geht in diesem Zitat um die Psychose, die einiges im Leben vieler Betroffener unmöglich macht, was für andere Menschen ganz normal ist.

Diese Erfahrung werden viele reflektierte Betroffene nachempfinden können: Der Sehnsucht und den Vorstellungen vom normalen und guten Leben sind keine Grenzen gesetzt. Aber in der Realität rennt man vor entsprechenden Möglichkeiten weg oder verrennt sich in Unmöglichkeiten, weil dem Leben durch eine Psychose enge Grenzen gesetzt sind. Für manche wird dieser Konflikt bei Themen wie selbstständiges Leben oder Arbeit, bei anderen mit Themen wie Partnerschaft oder auch Kinder und Ehe greifbar.

Das Buch enthält einige Beiträge zu Behandlungsansätzen, die der Sinnfrage Raum geben. So schreibt Bettina Jacobsen über das »Assertive Community Treatment« in den Niederlanden, in deren Arbeit es um die Förderung von Recovery in folgenden Lebensbereichen geht: Wohnen, Arbeit, Lernen, Freizeit, Beziehungen, Selbstversorgung, Gesundheit und Sinngebung. (S. 219)

Wenn ich mir die deutsche Gemeindepsychiatrie ansehe, so scheint sie sich auf die Lebensbereiche Wohnen, Arbeit, Freizeit, Beziehungen, Selbstversorgung und Gesundheit zu konzentrieren. So weit, so gut. Aber wahrscheinlich sind die beiden anderen, Lernen und Sinngebung, für Recovery genauso wichtig. Sieht die Sozialpsychiatrie Psychosebetroffene als Lernende und Sinnsuchende? Unterstützt sie diese darin?

Im Trialog ist Sinnsuche nicht immer einfach. Gerade für Angehörige stellt sich ein Krankheitsgeschehen oft als komplett sinnlos dar. Davon berichtet in diesem Buch Janine Berg-Peer, Mutter einer Psychosebetroffenen. Ist also der subjektive Sinn einer Psychose eine Illusion oder gar Teil der Erkrankung?

Ich finde es gut, wie das Buch im Trialog auf Sinnsuche geht. Als Philosophin scheint es mir, dass bei Sinnfragen das Fragen und Suchen wichtiger ist, als eine allgemein konsensfähige Antwort zu finden. Im Trialog, egal wo er stattfindet, ist diese Sinnsuche gut aufgehoben. Im Gespräch aus den verschiedenen Perspektiven können der Einzelne und die Gesprächspartner gemeinsam nach dem Sinn einer Psychose suchen, der ja oft auch den Sinn eines Lebens meint, das durch die Psychose extrem geprägt ist.

Wer als Betroffener einen Sinn in der Erkrankung sehen kann, der sieht auch Sinn in seinem Leben, so wie es durch die Erkrankung geworden ist. Wer mitsuchen will nach dem Sinn von Psychose oder auch anderen Beeinträchtigungen, sollte dieses Buch lesen.

Svenja Bunt in Psychosoziale Umschau 4/2014

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Thomas Bock, Kristin Klapheck, Friederike Ruppelt: Sinnsuche und Genesung - Erfahrungen und Forschungen zum subjektiven Sinn von Psychosen. ISBN Print: 978-3-88414-577-7, ISBN PDF:978-3-88414-858-7, 320 Seiten, 29,95 Euro