Umgang mit wahnkranken Menschen

Im Vorwort zu seinem legendären Buch von 1976 „Wer ist aus Holz? Neue Wege der Psychiatrie“ empfiehlt der niederländische Psychiater Jan Foudraine etwas barsch seiner Psychiaterzunft, dass vor allem ihr Fach aus außergewöhnlich gutem Hinhören zu bestehen habe, oder dies zumindest sollte, auf das, was gesprochen wird und was unausgesprochen bleibt, und dass sie im rechten Augenblick etwas sagen können müsse, und dies so wenig wie möglich.

Was, wenn nicht ein Handbuch wie das Basiswissen 28, bietet sich hier im Sinne Foudraines an, das mit seinen beiden Verfassern, den Professoren für Psychiatrie Petra Garlipp und Horst Haltenhof, den Umgang mit wahnkranken Menschen übersichtlich und auf dem neuesten Wissensstand angenehm ungeschwätzig darstellt. Das (Hand-)Buch gibt reichlich Verstehenshilfen, bietet Techniken der Gesprächsführung sowie Anleitungen zur Beziehungsgestaltung und zu dem Dauerbrenner Wahn, wieweit er Sinn macht oder machen kann.

Mehrere Aspekte machen diese Lektüre angenehm, angefangen bei dem haptischen Vergnügen des Büchleins als Handschmeichler. Auch freut es mich, dass Erich Wulff mit einem spannenden Beispiel aus seinem Buch „Wahnsinnslogik“ zitiert wird, aus seiner Zeit als Psychiater in Vietnam in den 1960er-Jahren. „Dass der Wahn oft in Bezug zum aktuellen Geschehen steht, zur subjektiven Entwicklung und auch zu Eigenarten der Persönlichkeit“ und keineswegs „zusammenhanglos“ ist, wie die Autoren formulieren, macht den Paradigmenwechsel deutlich. Die so genannte Botanisierung der Pathologisierungen in der Sozialpsychiatrie scheint allmählich ausgedient zu haben.

Dennoch wird in dem Buch die pathologische und oft gefährliche Seite des Wahns als Krankheitssymptom nicht verleugnet. Im Rahmen von psychischen Störungen wird er als eine schwere inhaltliche Denkstörung angesehen, die auch isoliert und anhaltend auftreten soll, was wohl eher selten ist. Einige Beispiele von Wahn bekommen natürlich ihren Platz: Verfolgungswahn, Schuldwahn, Liebeswahn, religiöser Wahn, Querulantenwahn, Eigengeruchswahn, Bedrohungswahn etc. pp. Ebenso wird die medikamentöse Behandlung beschrieben, „die zumindest zeitweise infrage kommt“.

Selbst- und fremdgefährdendes Verhalten, Zwangsmaßnahmen, Angehörigenarbeit und, sicher sehr wichtig, auch zum kultursensiblen Umgang mit Wahn finden sich vier Seiten im Buch. Abschließend, vor den Schlussbemerkungen, wird auf elf Seiten zum Wahn und zur „Fremdgefährdung“ sowie zu „Fremdgefährdung erkennen, einschätzen und behandeln“ referiert, mit unter anderem dem klugen Fazit, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen präventiv zu Gewalt mit Deeskalationstechniken in Aus- und Fortbildung vertraut zu machen. Auch fordern beide Autoren, dass psychiatrisch Tätige bessere kollegiale Unterstützung bekommen sollen, die zum Beispiel durch Stalking bedroht werden.

Arno Gruen schreibt 1989 in „Der Wahnsinn der Normalität“, dass wirklich verantwortungsvolles Handeln und echte Menschlichkeit nur möglich sei auf der Basis eines autonomen Selbst, das Innenwelt und Außenwelt integriert, darin läge unsere Hoffnung. Genau von diesen großen Zielen und der Schwierigkeit, dieses Gleichgewicht herzustellen, davon handelt, gut lesbar und klug, das neue Basiswissen-Buch „Umgang mit wahnkranken Menschen“.

Brigitte Siebrasse in Soziale Psychiatrie 4/2015

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Petra Garlipp/Horst Haltenhof: Basiswissen: Umgang mit wahnkranken Menschen. Köln: Psychiatrie-Verlag, 2015, 128 Seiten, 16,95 Euro