Traumatherapie

Traumapatienten haben meist mit vielfältigen psychosomatischen Symptomen zu kämpfen, und sind dadurch in ihrer Lebensqualität durchaus beeinträchtigt. Sie sind auch früher schon in Behandlung gekommen, aber die zentrale Beschäftigung mit dem persönlichkeitsverändernden Erleben hat eine relativ junge Tradition, die ihren Ursprung in der therapeutischen Arbeit mit Kriegsveteranen hat.

Die Auseinandersetzung mit Missbrauchs- und Gewalterfahrungen ist eine Herausforderung, der sich zu stellen auch auf Therapeutenseite Mut erfordert.

Wer sich die Frage stellt, ob er diesen Schritt gehen will, bekommt mit der Einführung in die Traumatherapie von Martin Zobel einen ganz guten Überblick, um was es sich bei Traumatherapie überhaupt handelt und was sie erfordert.

Zu Beginn gibt Christoph Smolenski einen Abriss über die Entwicklung der letzten Jahrhunderte bis hin zur Gegenwart, und macht neugierig, sich in das ein oder andere selber zu vertiefen, was aufgrund der Komplexität des Themas nur angerissen werden kann.

Wie bei anderen Störungsbildern auch, spielt die Hirnforschung in die Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) immer stärker hinein. Matthias Berking, Yvonne Egenolf und Klaus Grawe bringen die Leser hier auf dem neuesten Stand.

Weiter geht es mit einem Kapitel von Martin Zobel selbst: »Von der Anamnese bis zur Diagnose«. So einfach ist es nämlich nicht, eine PTBS zu diagnostizieren – wie man das doch gut bewerkstelligen kann und warum es wichtig ist, das gut abzuklären, dazu gibt Zobel gute Hinweise.

Über die Stabilisierung schreibt Luise Reddemann, gefolgt von einem Kapitel über verhaltenstherapeutische Interventionen von Monika Vogelsang. In fast allen Kapiteln finden sich konkrete Fallbeispiele, was den Band sehr anschaulich macht.

Dann kommt ein längeres Kapitel von Oliver Schubbe über das berühmte EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) – jener von Francine Shapiro entwickelten Therapiemethode, mit der offenbar große Behandlungserfolge erzielt werden. Dabei folgen klassischerweise die Augen des Klienten dem Finger des Therapeuten während Belastungsgrad und Körperempfindungen bei der Erinnerung an traumatische Bilder besprochen werden. Wie man speziell diesen EMDR-Prozess steuert, was man dabei alles beachten muss und wie es im Einzelnen stattfindet, darüber wird nicht detailliert Auskunft gegeben, hier wird man auf weitere Lektüre oder spezielle Fortbildungen angewiesen sein.

Deutlich wird aber sehr wohl, dass der EMDR-Prozess, wie andere Therapieverfahren auch, gut eingeleitet und abgeschlossen werden muss. Schubbe legt sehr viel Wert auf die Einbettung der bilateralen Stimulation in einen Behandlungsprozess, den er denn auch im Ganzen beschreibt.

Im Anschluss an Schubbe beschreibt Lydia Hantke, wie man mit Dissoziationen und Körpererinnerungen umgehen kann und Konstantin Passameras umreißt die Bedingungen einer medikamentösen Therapie bei Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen.
Erfreulicherweise gibt es auch ein Kapitel über Angehörige, die, wie Simon Finkeldei den Therapeuten mit auf den Weg gibt, immer mit-betroffen sind. Schließlich rundet Christiane Eichenberg das Buch ab mit lauter guten Hinweisen über Psychotraumatologie im Internet.

Im Anhang gibt Martin Zobel noch eine zusammenfassende Übersicht über Indikationen, Diagnostik und Behandlung – wann ist eine Traumatherapie überhaupt angesagt, welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein und wann darf man auf keinen Fall mit einer Traumatherapie beginnen – quasi Do´s und Don´ts auf einen Blick.

Ein Fachbuch für Fachleute also, das sicher noch der vertiefenden Lektüre oder besser noch einer Fortbildung bedarf, wenn man sich tatsächlich dafür entscheidet, mit Traumapatienten zu arbeiten, das aber für die Beantwortung der Frage, will ich das, traue ich mir das zu und was muss ich mir dazu aneignen, jede Menge Stoff bereit hält.

Martin Zobel ist eine Einführung gelungen, die zum Nachfragen und Weiterforschen anregt und im besten Sinne des Wortes dafür wirbt, sich auf die Therapie posttraumatischer Belastungsstörungen einzulassen.

Ursula Talke in Psychosoziale Umschau

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Martin Zobel (Hg.): Traumatherapie. Psychiatrie-Verlag 2006, ISBN 3-88414-404-9, 190 Seiten, 19,90 Euro