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Der Regisseurin ist ein beklemmendes Porträt einer psychischen Störung gelungen; durch die kluge Montage von abrupten Schnitten und ruhigen Einstellungen im Wechsel erzeugt sie eine Dynamik, die den Zuschauer fesselt, und ihn gleichzeitig zur Identifikation zwingt.
Eine junge Frau rennt durch den Wald - es wird allmählich dunkel. Sie stolpert, rennt weiter, fällt irgendwann, bleibt liegen. Diese Szene ist als Kontrapunkt immer wieder in die Geschichte einer jungen Familie gefügt.
Das junge Paar, sie Floristin, er Ingenieur, zieht in die wunderbare Altbauwohnung ein. Sie sind glücklich und in freudiger Erwartung. Als Rebecca in ihrem kleinen Laden Blumen schneidet und bindet spürt sie die Tritte in ihrem Bauch und lacht. Sie ist eine bemerkenswert schöne und anspruchsvolle Frau.
Die Entbindung ist überstanden, doch Rebecca kann mit dem Baby nichts anfangen. Es trinkt nicht, Rebecca muss die Milch abpumpen. Steif hält sie das Kind, schaut es streng und vorwurfsvoll an. Im Laden fühlt sie sich von dem kleinen Lukas beobachtet – und dreht die Trage mit dem Kind von sich weg, stellt sie schließlich in den Nebenraum. Das Kind ist ihr unerträglich.
Eine tragische Entwicklung nimmt ihren Gang, die der Film minutiös genau beobachtet, fast immer aus der Warte der zunehmend verzweifelten Mutter. Zwischen Heulkrämpfen und versteinerten Blicken kommt es zu immer schwieriger werdenden Begegnungen mit dem beruflich angespannten Ehemann Julian. Seine Schwester Elise turtelt und schmust bei ihren Besuchen mit dem Baby, - Rebecca beobachtet sie argwöhnisch.
Sie läßt das Kind im Kinderwagen auf der Straße stehen und fährt mit der Tram, kehrt aber panisch wieder um. Die Passanten haben bereits die Polizei gerufen, die Rebecca nach Hause begleitet, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich die Mutter dieses Kindes ist.
Verzweiflung und Panik nehmen zu, der Ehemann ist ratlos. Einen Impuls, das Baby beim Baden zu ertränken kann sie unterdrücken, dann läuft sie weg, rennt durch den Wald, geht ins Wasser und liegt schließlich leblos im Gebüsch. Schüler finden sie bei einer Nachtwanderung, im Krankenhaus kommt sie allmählich zu sich.
In einer wunderbaren, ausgespielten Szene wird sie von einer Krankenschwester behutsam gewaschen und kann unter deren Berührungen ein paar Worte sprechen: Sie möchte ihre Mutter sehen. Diese kommt aus Kanada angereist, ist entsetzt über die Fehlplatzierung in einem somatischen Krankenhaus und organisiert die Verlegung in eine therapeutische Einrichtung, vermutlich eine Privatklinik. Rebecca erfährt von ihrem Psychiater, dass sie an einer postnatalen Depression leidet, und offensichtlich besonders sensibel auf hormonelle Schwankungen reagiert. Er ist freundlich und sanft, und allmählich geht es ihr besser.
Doch die familiäre Situation ist unklar. Nach ihrer Entlassung zieht Rebecca zu einem Cousin ihrer Mutter, der sich um sie kümmert. Ist die Ehe zerbrochen, ist Rebecca dauerhaft unfähig, eine Mutter zu sein? Schwägerin Elise und Ehemann teilen sich die Versorgung des Säuglings; lediglich kurze Treffen werden organisiert, nie läßt man sie mit dem Kind allein, alle beobachten sie misstrauisch. Rebecca schwankt zwischen gekränktem Rückzug und dem Impuls, ihr altes Leben zurück zu fordern. Gemeinsam wird eine Therapeutin aufgesucht, die mit Rebecca den angemessenen Umgang mit dem Baby einübt. Videoaufnahmen dokumentieren erste Fortschritte, die Rebecca zögernd wahrnehmen kann. Die Therapeutin zeigt Verständnis; sie habe selbst eine postnatale Depression durchlebt. Dieselbe Therapeutin behandelt den noch immer ratlosen Ehemann unangenehm vorwurfsvoll – der einzige Moment, in dem ein Profi in diesem Film nicht fast überzogen zugewandt und empathisch agiert.
Rebecca ist in der Warteschleife; noch immer gilt sie als Rabenmutter, doch allmählich gelingt es ihr, das Kind und ihre Rolle als Ehefrau und Mutter zurückzuerobern.
„Das Fremde in mir“ will ein Tabu brechen; 80 000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich an einer postnatalen Depression, so informiert die Presseinformation zum Film. Der Regisseurin ist ein beklemmendes Porträt einer psychischen Störung gelungen; durch die kluge Montage von abrupten Schnitten und ruhigen Einstellungen im Wechsel erzeugt sie eine Dynamik, die den Zuschauer fesselt, und ihn gleichzeitig zur Identifikation zwingt. Dabei überzieht sie nicht, arbeitet ohne grelle Effekte und bedient keine Klischees. Die Erkrankung wird in ihrer Ernsthaftigkeit dargestellt, ohne Vorurteile zu schüren.
Der Film übernimmt nahezu konsequent die Perspektive von Rebecca; so werden nur wenige Informationen vermittelt, und der Fokus liegt ganz auf dem subjektiven Erleben, ein sehnsüchtig erwartetes Kind nicht lieben zu können. Die Handlung ist so angelegt, dass Konzepte wie die stationäre Mutter-Kind-Behandlung oder die ambulante Unterstützung durch Gesundheitsdienste keine Erwähnung finden. Für die Präsentation aktueller Settings taugt der Film also nicht. Spürbar ist allerdings die Absicht, das therapeutische Personal in bestem Lichte erscheinen zu lassen; ein wenig Realitätsnähe hätte dem Film gut getan. Die verklärte Freundlichkeit der Profis hinerlässt – das zeigen andere Besprechungen – bei vielen Zuschauern einen unangenehmen Beigeschmack.
Susanne Wolff als Rebecca trägt diesen bereits mehrfach ausgezeichneten Film von Anfang bis Ende mit höchster Intensität. Sie agiert überzeugend und bleibt noch lange im Gedächtnis. Der Film ist eine Produktion von ZDF-Kleines Fernsehspiel und ARTE. Wer ihn auf der Leinwand verpasst, hat also eine zweite Chance. Für Öffentlichkeitsarbeit und Ausbildung ist er sehr gut geeignet.
Das Fremde in mir Deutschland 2008 Regie: Emily Atev Darsteller: Susanne Wolff, Johann von Bülow, Maren Kroymann
Ilse Eichenbrenner
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