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Ilse Eichenbrenner meint: "Dem Film ist hoch anzurechnen, dass er sich einem sowohl psychiatrisch als auch gesamtgesellschaftlich bedeutsamen Topos widmet: Den psychisch kranken Wohnungslosen in den Metropolen. Doch der Regisseur hat gleichzeitig den Anspruch, die Zuschauer des Popcorn-Kinos emotional zu berühren."
Die Handlung des Films „Der Solist“ enthält alle Elemente, die garantiert das Interesse der Rezensentin wecken. Da lebt ein Obdachloser ein skurriles Leben auf der Straße, er leidet an einer paranoid-halluzinatorischen Psychose und liebt die Musik und das Cellospiel. Doch das wunderbarste: Diese Geschichte ist nicht erfunden, sondern wahrhaftig wahr, und der Journalist Steve Lopez hat sie selbst erlebt und einen Roman darüber geschrieben.
Robert Downey jr. verkörpert diesen Steve Lopez, und er spielt den Starkolumnisten der „Los Angeles Times“ mit der gehetzten Nervosität eines Adrenalin-Junkies. In seiner Mittagspause im Park beobachtet Lopez einen Verrückten mit Einkaufswagen, der auf den verbliebenen zwei Saiten einer Violine vor einem Denkmal fiedelt. Auf dem Sockel steht Beethoven, und ihm zu Ehren gibt der dunkelhäutige und skurril gekleidete Straßenmusiker ein Ständchen. Steve Lopez sucht das Gespräch, und erfährt, dass Nathaniel Ayers - so heißt der Musikus – einst an Amerikas berühmtester Musikakademie, der Juilliard-School, das Cellospiel studiert hat.
Steve fängt an, dem wohnungslosen Musikanten eine Kolumne zu widmen. Doch der ist verschwunden, bis Steve ihn auf dem Bordstein einer extrem befahrenen Schnellstraße wieder entdeckt. Inzwischen hat er herausgefunden, dass Nathaniel tatsächlich auf der Juilliard Cello studiert, aber nach dem zweiten Jahr abrupt abgebrochen hat. Eine Leserin der Kolumne ist so gerührt über die Geschichte, dass sie ihr Cello spendiert.
Lopez läßt den verückten Ayers auf seinem Bordstein ein wenig auf dem wertvollen Instrument spielen, und erfreut sich an dessen entrücktem Blick. Doch nun kommt das Cello zu „Lamp“, einer kirchlichen Organisation, die sich um einen Teil der 90 000 Obdachlosen in und um Los Angeles herum kümmert. Lopez schafft es mit diesem Köder, den Wohnungslosen wenigstens stundenweise anzudocken. Nathaniel spielt auf dem Gelände vor den Obdachlosen, die nun ebenfalls verzückt vor sich hin stieren. Stück für Stück gelingt es Steve Lopez den immer andersartig kostümierten und autonom lebenden Cellisten zu domestizieren; er beschafft ihm einen Cellolehrer, der ihm in einer kurzfristig angemieteten Einfachst-Wohnung Unterricht gibt.
Doch sein Wunsch, den Schizophrenen einer medikamentösen Behandlung zuzuführen, wird von den Mitarbeitern von „Lamp“ energisch zurückgewiesen: Es fehlt die Rechtsgrundlage, und von Diagnosen oder Behandlung in jeglicher Form scheint man in dieser Szene nichts zu halten. Nathaniel brauche keine Medikamente, sondern einen Freund, wird ihm etwas schroff mitgeteilt. Der Versuch, den Cellisten öffentlich auftreten zu lassen scheitert kläglich, weil Nathaniel schon beim Stimmen seines Instruments hängen bleibt und wegläuft. Dagegen gelingt es Lopez, seinen Schützling mit in eine Probe einer hochkarätigen Beethoven-Aufführung des Philharmonischen Orchesters zu schleusen.
Gegen Endes des Films, wenn man die privaten Katastrophen des Kolumnisten endlich einsortiert hat, gibt es eine unerfreulich realistische Szene. Lopez drängt Nathaniel dazu, die Straße zu verlassen und ganz in der kleinen Wohnung einzuziehen. Der fühlt sich bedrängt und bedroht und schlägt ihn brutal zusammen. Ganz klein mit Hut backt der Kolumnist von nun an kleinere Brötchen, begnügt sich damit, ein guter Freund zu sein, und mit ihm im Konzert Beethoven zu lauschen, oder im Obdachlosentreff das Tanzbein zu schwingen.
Der Film wirft nebenbei einen schonungslosen Blick auf die Skid Row vor dem Quartier von „Lamp“, in dem Hunderte von obdachlosen Crack-Rauchern, Irren, Alten und Kriminellen hausen. Ein Inferno. Hier gibt es keine Penner-Romantik, sondern nur Gewalt, Habgier, Dreck und Blut und Blaulicht. Doch dies alles ist aufwändig inszeniert; im Abspann ist jeder Schauspieler aufgeführt, der eine dieser trostlosen und grässlichen Gestalten verkörpert.
Film und Roman ist hoch anzurechnen, dass sie sich einem sowohl psychiatrisch als auch gesamtgesellschaftlich bedeutsamen Topos widmen: Den psychisch kranken Wohnungslosen in den Metropolen. Doch der Regisseur hat gleichzeitig den Anspruch, die Zuschauer des Popcorn-Kinos emotional zu berühren, und das Engagement von Steve Lopez nachvollziehbar zu beschreiben. Doch hier scheitert er auf der ganzen Linie. Dem Regisseur gelingt es nicht, seine eigenen Behauptungen (und die der Romanvorlage und der wahren Geschichte) zu bewiesen. Was macht diesen abgebrochenen Cellisten zum musikalischen Genie? Was an ihm und an den Harmonien des ollen Beethoven verzaubert den durchgeknallten Schreiberling? Woher rührt dieses unendliche Bemühen?
Jamie Foxx als Nathaniel Ayers ist verrückt, und erhält in vielen kleinen Rückblenden auch noch eine Krankengeschichte voller optischer und akustischer Halluzinationen, die er einige Jahre verbergen konnte. Doch dieser Schizophrene bleibt unsympathisch, und sein finaler Gewaltausbruch verstört nicht nur den Journalisten, sondern auch die Zuschauer.
Jeder, der in diesem Metier arbeitet weiß um die seltsame Faszination, die von psychotischen Menschen ausgeht. Auch jene bizarren Fremdlinge, die zugleich in ihrer eigenen Welt und auf unseren Parkbänken leben, faszinieren und stoßen ab.
Hollywood ist bereits mit einigen Versuchen gescheitert, sich dieser Zielgruppe zu nähern; „König der Fischer“ mit Robin Williams gelang es noch am ehesten, diese Mischung von prekärer Notlage und bizarrem Glamour einzufangen. Vielleicht sollte man am Ende froh sein, dass diese Protagonisten zu spröde sind, um sie zu goutieren, oder gar zu konsumieren. Denn das, so vermuten ja manche, ist die Funktion des Eigensinns – ungenießbar zu sein.
P.S.: Der reale Nathaniel Ayers entkräftet diese These, denn er ist sympathisch und traktiert sein Cello mit wahrer Leidenschaft. Nachzuprüfen unter Eingabe seines Namens bei You Tube.
Der Solist USA 2009 Regie: Joe Wright Darsteller: Jamie Foxx, Robert Downey jr.
Ilse Eichenbrenner
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