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Die dünnen Mädchen

Aktuell läuft ein Dokumentarfilm in unseren Kinos, der es tapfer versucht. "Die dünnen Mädchen" nähert sich dem Phänomen und einer Klinik für Essstörungen in der Lüneburger Heide mit langen Kamerafahrten in herbstliche Baumwipfel.

Vermutlich nicht nur für mich ist Anorexie die Erkrankung, in die ich mich am wenigsten einfühlen kann. Auch subjektive Erfahrungsberichte, wie „Auf Stelzen gehen“ von Lena S. haben daran nur wenig ändern können. Aktuell läuft ein Dokumentarfilm in unseren Kinos, der es tapfer versucht.
„Die dünnen Mädchen“ nähert sich dem Phänomen und einer Klinik für Essstörungen in der Lüneburger Heide mit langen Kamerafahrten in herbstliche Baumwipfel. Dann treffen wir auf acht junge Mädchen, junge Frauen, die sich auf eine Flamenco-Unterrichtsstunde vorbereiten. Sie ziehen lange Röcke über ihre Hüftknochen, staksen etwas ratlos in den vorgeschriebenen hochhackigen Schuhen herum.

Die Lehrerin fordert sie auf, sich im Spiegel stolz anzuschauen, rhythmisch zu stampfen, die typischen Fließbewegungen der Hände zu imitieren. Die Kamera zoomt auf die Gesichter einzelner Mädchen, konzentriert sich auf sie, bis diese aus dem Off mit dünner Stimme zu erzählen beginnen. Diese Krankheitsgeschichten und Reflexionen bilden das Zentrum des Films, der blass und fließend und dünn seinen Protagonistinnen entspricht.

Acht Geschichten werden erzählt, acht verschiedene Versionen einer Verweigerung. Zwei Mädchen können ganz exakt den Tag benennen, an dem sie zu hungern begannen: Der Tod der Schwester; eine Medizin-Vorlesung, in der Übergewicht und Bewegungsmangel als gefährliches Risiko für Herzinfarkte angeprangert wurde. Am nächsten Morgen stand die Studentin früher auf als sonst, band sich die neuen Laufschuhe und die Pulsuhr um, bevor sie zwei Stunden joggen ging. Ein unglücklicher Auslandsaufenthalt löste bei einem der Mädchen den Wunsch aus, wenigstens etwas – nämlich das Essen – kontrollieren zu können. Ein anderes Mädchen nennt die schwere Behinderung des Vaters, andere wieder berichten von einem jahrelangen Prozess oder einer familiären Disposition. „Ich hatte mit 10 Jahre meine erste Bulimie.“

Die Geschichten sind unterschiedlich, die Mädchen dagegen kaum zu unterscheiden. Sie sind hübsch, perfekt, konzentriert und sehr sehr kontrolliert. Bei den ersten Tanzschritten imponiert ihre ungeheure Anstrengung, selbst in dieser weiblichen Maskerade. Allmählich vermag der Zuschauer die acht Mädchen im Alter von 18 bis 29 Jahren zu unterscheiden. Sie werden mit einigen Gemälden von Edvard Munch konfrontiert, und äußern ihre Empfindungen. Zwischen die perfekten durchgestylten Aufnahmen sind Amateur-Sequenzen geschnitten, in denen einige junge Anorektikerinnen mit scharf geschliffenem Spott über sich selbst herziehen. Vor allem diese kurzen Szenen machen den Film sehenswert. Der typische Tagesablauf einer Magersüchtigen wird persifliert, Geheimnisse werden ausgeplaudert. Es gibt einen Blick in die Kantine, auf Speisekarten mit akribischer Kalorienangabe, und schließlich auf das benutzte Frühstücksgeschirr: Der Quark im Schälchen, weniger gegessen als dramatisch verschmiert, ein kleines Häufchen mit Sonnenblumenkernen als traurige Hinterlassenschaft – mit höchster Sorgfalt aus einer Scheibe Körnerbrot herausgepuhlt.

So ist man gut vorbereitet auf den nächsten Akt: Die Vorbereitungen auf ein einziges gemeinsames Abendessen. Stundenlang wird gegrübelt und gestritten: Läßt man das Mittagessen aus? Was genau soll gekocht werden? Wird es gelingen, von einem Büffet zu essen? Wird man auf die Kontrolle der Kalorien, des Fetts, der exakten Menge verzichten können? Kochbücher werden gewälzt, mit der Therapeutin und Diätassistentin verhandelt. Soll man den Hüttenkäse nicht doch portionieren? Wenn ich da was weglasse, und dafür dann doch etwas anderes ..., oder doch ..., aber das geht doch nicht!!! Spätestens an dieser Stelle fängt man an, das therapeutische Personal zu bewundern, das sich in diesen kollektiven Irrsinn fügt, ohne auszurasten. Das Büfett kommt irgendwie dann doch zustande, es wird sogar gegessen, doch am nächsten Morgen kommen die Mädchen nacheinander zutiefst verzweifelt vom täglichen Gang auf die Waage. 500 Gramm müssen sie pro Woche zunehmen, das ist Bedingung, doch jedes Gramm mehr ist eine Niederlage.

Weitere aufschlussreiche Monologe zur Störung enden tragisch. Die Mädchen reflektieren auf dem höchsten nur denkbaren Niveau ihr Unvermögen zu fühlen, Gefühle zu zeigen, überhaupt nur Zugang dazu zu finden. Schließlich weinen sie sogar über diese Leerstelle. Die Aufführung des Flamencos setzt schließlich einen letzten Akzent.

„Die dünnen Mädchen“ eignet sich für die medienpädagogische Arbeit zum Thema Essstörungen. Wer privat oder beruflich mit Magersüchtigen zu tun hat wird manches wieder erkennen. Die Betroffenen und ihre Störung werden in jeder Hinsicht ernst genommen. Der Trost bleibt mäßig. Weshalb nun auch dieses Drehbuch seine Dramaturgie aus einem Projekt schöpfen muss, bleibt mir schleierhaft. Muss denn immer ein Kalender, ein Konzert, eine Aufführung herauskommen? Wertvolle Zeit verschwendet die Regisseurin mit kunstgewerblichen Kamerafahrten, die sie mit weiteren Selbstdarstellungen der begabten Akteurinnen hätte nutzen können. Tanzunterricht, Bildbetrachtungen und das gemeinsame Abendessen gehören nicht zum Programm der Klinik, sondern wurden für den Film inszeniert. Dies wird ausdrücklich erwähnt. Bleibt die Frage, wem wir die köstlichen DVD-Clips zu verdanken haben. Nein, einfühlen kann ich mich noch immer nicht. Die Psychodynamik der Magersucht bleibt mir ein Rätsel; ich kann sie nicht fühlen, aber denken. Immerhin.

Gefördert wurde der Film von ZDF und 3Sat. Kontrollieren Sie Ihre Programmzeitschrift.

Die dünnen Mädchen
Deutschland 2008
Regie: Maria Theresia Camoglio
Dokumentarfilm

Ilse Eichenbrenner