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Die kleine Landarztpraxis von Doktor Ma befindet sich Flachbau aus Ziegeln, an einer staubigen Straße in einer kleinen Stadt in der chinesischen Provinz Gansu. Dort bullert ein eiserner Kanonenofen, um ihn herum sitzen die Patienten, während Dr. Ma an einem einfachen Holztisch jeweils einen Patienten behandelt.
Nicht selten schauen ihm dabei mehrere Frauen über die Schulter, während er ganz im Sinne der traditionellen chinesischen Medizin und unentwegt qualmend nach Pulsdiagnose und gelegentlicher Betrachtung der Zunge Befund und Behandlung auf seinen Notizblock kritzelt. „Brennt es?“ fragt er gelegentlich, „Ist dir schwindelig?“ Viel mehr passiert auch hier nicht. Keiner wird abgetastet, gerade mal ein Blutdruckmessgerät kommt gelegentlich zum Einsatz. Dann gibt es auf der Liege direkt neben dem Tisch eine Infusion, vielleicht auch die besonders geschätzte Spritze, oder Dr. Ma’s Ehefrau mischt aus dem Inhalt der vielen Schubladen den verordneten Kräutermix. Nur einmal in der 215 Minuten langen Dokumentation begleitet die Kamera mit einem Pulk von Dorfbewohnern den Arzt bei einem Hausbesuch; er fragt den verwirrten Alten nach ein paar Symptomen und murmelt etwas von einem Myokardinfarkt, dann zieht die Kolonne wieder von dannen.
Wahrlich nicht die medizinischen Fähigkeiten dieses Landarztes machen den Film zum Ereignis, sondern dieser komprimierte Warte- Behandlungs- und Apothekenraum mit seinem Mikro-Kosmos des Tratsches, des Schimpfens und Klagens, des narrativen Geflechts eines fremden Landes. Das Überleben ist hart; schon das fünfte Jahr ist die Ernte verdorrt, und die mittlere Generation verlässt die Dörfer, um in anderen Regionen als Wanderarbeiter Geld zu verdienen. Zurückgekehrt schimpfen sie, weil sie um ihren Lohn betrogen wurden, andere berichten von entsetzlichen Unfällen in den Minen, Abfindungen werden gezahlt oder verweigert.
Derweil hüten die Großeltern die Enkelkinder und bestellen mit letzter Kraft die Felder und Gärten, um wenigstens etwas zu beissen zu haben. Die Niedertracht der Schwiegertöchter ist ein unerschöpfliches Thema: Nun hat man für viel Geld dem Sohn eine Ehefrau gekauft, bei einem Schlepper natürlich, nun ist die Schlampe abgehauen. Sie hat gerade das erste Jahr abgewartet, immerhin einen Enkel geboren, aber nur wenige Tag nach Ablauf diesen ersten Jahres, in dem man noch das Geld hätte zurückfordern können, ist sie abgehauen, bei der Saisonarbeit, hätte man sie doch nicht gehen lassen. Sie sind doch alle gleich, es geht nur ums Geld - 20 000 Yuan haben wir für sie bezahlt, nun macht sie dasselbe Spiel noch einmal, über alle Berge ist sie, was soll nun werden.....“ So geht es Stunde um Stunde; zum Neujahrsfest kommen alle nach Hause, die Studenten zu ihren stolzen Eltern, die Wanderarbeiter aus den Minen und Baustellen, und drängeln sich um den eisernen Ofen, schicke und scheue junge Menschen zwischen den hustenden uralten Männern, gerade mal 60 Jahre alt, die an ihrer Staublunge krepieren und auf eine Spritze hoffen.
Am Ende begleitet die Handkamera des jungen Filmemachers einen Begräbniszug durch den Schneeregen. Auf einem Holzkarren ziehen sie den buntbemalten Sarg über den steinigen Weg in die Berge, bis zu der vorgesehenen Stelle, an der sie eine Grube ausheben. Dr. Ma regt einen Trinkwettbewerb an: Schere, Stein Papier. Wer verliert, muss das Schnapsglas leeren. Auch beim letzten Gang ist Dr. Ma mit traditioneller Medizin an ihrer Seite.
Dr. Ma’s Country Clinik (Ma dai fu de zhen suo) Volksrepublik China 2008 Regie: Cong Feng Dokumentarfilm
Ilse Eichenbrenner
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