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"Adam Hundesohn" von Yoram Kaniuk ist vermutlich das bis heute umstrittenste Buch Israels. Es galt lange Zeit als unverfilmbar; ein Team von Deutschen und Iraelis, unterstützt von dem berühmten Regisseur Paul Schrader, hat nun den Versuch gemacht. Der Film wurde bei der Berlinale 2009 als "Special" vorgeführt und ist seither regulär im Kino zu sehen.
Die Pressenotizen über die umfangreichen Vorarbeiten, ganz im Sinne der besseren Verständigung zwischen Tätern und Opfern, lassen ein betuliches, politisch korrektes Werk befürchten. Doch „Ein Leben für ein Leben“ ist ein formal sehr ungewöhnlicher, trotz aller Grausamkeiten traumhafter und berührender Film geworden.
Ganz im Zentrum steht die Figur des Adam Stein, verkörpert auf fast unglaubliche Weise von dem wandlungsfähigen Jeff Goldblum. Adam Stein arbeitet in den dreißiger Jahren als Deutschlands bester Clown und Entertainer in einem eigenen Varieté. Er ist eine magische Figur; mit scheinbar übernatürlichen Fähigkeiten bezaubert und erschreckt er sein Publikum. Unter seinen Zuschauern sitzt auch der Nazi Klein, dargestellt von Willem Dafoe, der ihn später misshandeln wird. Nach der Machtergreifung der Nazis darf Adam Stein nicht mehr auftreten, sein Bär wird erschossen, später wird er gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Töchtern deportiert.
SS-Unterstürmführer Klein erkennt Adam Stein bei seiner Ankunft im Konzentrationslager sofort und trennt ihn von seiner Familie; er verlangt von ihm, nach dem Vorbild seines Schäferhundes Rex, zukünftig wie ein Hund zu leben. Er amüsiert sich über den auf allen Vieren krauchenden Menschenhund; er lässt ihn mit Rex im Hundezwinger schlafen und aus einem Napf fressen. Klein schließt mit Stein einen Pakt – das Hundeleben für seine Existenz. Als das Lager von den Russen gestürmt wird vergiftet Klein den Hund Rex und übergibt Adam Papiere von deportierten Juden, die ihm von nun an ein Leben in Luxus ermöglichen. Adams Frau und Kinder sind in der Gaskammer umgekommen.
Nach dem Krieg lebt Adam als Millionär in einer Villa enteigneter Juden; der Verlust seiner Familie hat ihn seelisch zerstört. Ein Rabbi überbringt ihm die Nachricht, dass seine Tochter lebe und in Haifa einen Enkelsohn erwarte. Voller Hoffnungen fährt er zu ihr, um zu erfahren, dass sie bei der Geburt des Enkels gestorben ist. Nun bricht er endgültig zusammen.
Er landet in einem Sanatorium für Überlebende des Holocaust mitten in der Wüste. Zentrale Phasen der Handlung, die grandios immer wieder die Zeitebene wechselt, spielen sich in dieser Psychiatrischen Klinik ab. Das moderne, dreistöckige Gebäude steht völlig solitär unter glühender Sonne; in einer surrealen Szenerie wandeln die üblichen Klischee-Patienten: exzentrisch und skurrill gekleidet die einen, depressiv verstummt und verzweifelt die anderen, besonders beeindruckend unter ihnen Joachim Krol, der mit der Existenz Gottes hadert. Adam Stein beherrscht dieses Sanatorium, wie er einst sein Varieté beherrschte: Er begrüßt und lobt, er erschreckt und verwirrt; manche Patienten sehen in ihm eine Art messianische Gestalt, die sie erlösen wird. Er ist die zentrale Persönlichkeit und dominiert sogar den ärztlichen Leiter Dr. David Gross, mit dem er endlose Diskussionen führt. Adam blutet immer wieder aus unerfindlichen Gründen, er droht zu sterben, um wenige Sekunden später wieder aufzustehen. Patienten und Therapeuten sind ihm hörig; auch die freundlichen Pflegekräfte bewundern ihn, oder fühlen sich – wie die attraktive Krankenschwester Gina – von ihm sexuell angezogen.
Eines Tages hört er das Gewimmer eines Hundes und wird wütend: Niemals, so wurde ihm versprochen, niemals dürfe ein Hund in seiner Nähe sein. Es stellt sich heraus, dass ein Junge aufgenommen wurde, der jahrelang in einem Keller angekettet war und nun meint, ein Hund zu sein. Verborgen unter einem Laken kauert er unter seinem Bett und lässt niemanden an sich heran. Adam Stein ist fasziniert von dem Jungen; er erzählt ihm von seiner Existenz als Hund, er verwirrt und provoziert ihn und gibt ihm eine Schreibmaschine, in die er zunächst sinnlose, dann immer verständlichere Buchstabenfolgen hämmert. Adam führt ihn an einer Leine durch das Haus und lässt ihn bei den Mahlzeiten unter seinem Tisch sitzen. Schließlich zieht sich David – so heißt der Hundejunge – am Zaun in die Höhe, in eine aufrechte Position und lebt von nun an, ermutigt von Adam, als Mensch. Auch Adam Stein kann sich nun seinen traumatischen Erinnerungen stellen.
Das Sanatorium in der israelischen Wüste wird von einigen Rezensenten mit dem Irrenhaus in "Einer flog über das Kuckucksnest" (nach der Vorlage von Ken Kesey) verglichen. Doch „Adam resurrected“ liefert kaum Psychiatrie, und noch viel weniger Psychiatriekritik. Während Ken Kesey immerhin als Nachtwache in der Psychiatrie jobbte, und sie so hautnah erlebte, taucht in Yoram Kaniuks ungeheuer buntem Lebenslauf keine einzige psychiatrische Episode auf. Zwar gibt es auch in seinem Wüsten-Sanatorium Medikamente und handgreifliche Pfleger in Weiß; doch alle sind bemüht und von allerbester Absicht. Keine Krankenschwester diktiert den Anstaltsalltag, sondern Adam Hundesohn und mit ihm die Zynismen und Traumata der Überlebenden. Kaniuk ist ein erfolgreicher Romanautor, und „Leben für ein Leben“ vorrangig eine gelungene Literaturverfilmung. Wer sich auf die traumhaften, wunderbar getönten Sequenzen in absurder Kulisse einlässt erhält keine Informationen zu Diagnose und Therapie posttraumatischer Belastungsstörungen. Wer sich fallen lässt wird zum Hund und steht wieder auf.
Ein Leben für ein Leben – Adam resurrected Deutschland/USA/Israel 2008 Regie: Paul Schrader Darsteller: Jeff Goldblum, Willem Dafoe
Ilse Eichenbrenner
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