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Finnischer Tango

Gute Schauspieler, sympathische Musik, verkrampfte Story: Auch „Finnischer Tango“ wird vermutlich zu einem Lieblingsfilm der Szene; ob Sie den Besuch dienstlich oder privat verbuchen, bleibt ganz Ihnen überlassen.

Finnischer Tango Erinnern Sie sich an „Verrückt nach Paris?“ Eike Besuden hat sich nun im Umfeld des Blaumeier Ateliers ein zweites Mal an die Produktion eines deutschen, unterhaltsamen Behindertenfilms gemacht. Wieder spielen prominente Schauspieler die Hauptrollen, umgeben von „echten“ Behinderten. Christoph Bach, der zur Zeit ohnehin als charismatischer Dutschke-Darsteller von sich reden macht, spielt den Akkordeonspieler Alex, der mit seiner kleinen Truppe finnischen Tango spielt und durch die Lande tourt. Aus einer plötzlichen Laune heraus klauen sie einer befreundeten Heavy-Metal-Band das Equipment, und werden im weiteren Verlauf der Handlung von den martialisch aussehenden Bandmitgliedern verfolgt. Doch bald sind sie nur noch zu zweit. Als sie nämlich mit dem Bus über die Autobahn brettern überkommt den lebensüberdrüssigen Thommy am Lenkrad plötzlich der Impuls, durch die Leitplanke zu rasen. Die beiden Mitfahrer landen kaum verletzt im Krankenhaus.

Alex kann nicht mehr nachhause, er hat kein Geld, er streunt durch die Straßen. Beim Arbeitsamt wird er ausgelacht: Höchstens als Behinderter habe er eine Chance, in eine Maßnahme zu kommen. Also klaut Alex einem Schwerstbehinderten den Ausweis und meldet sich in einer Werkstatt zur erhofften Maßnahme. Er ist in einem Behindertentheater gelandet, und schafft es sogar, in der Wohngemeinschaft der Behinderten und ihrer Betreuerin aufgenommen zu werden. Da wohnt die junge hübsche Marylin mit Down-Syndrom und ihrem noch hübscheren Freund Kent, der wiederum im Rollstuhl sitzt. Fabian Busch verkörpert einen destruktiv-missmutigen MS-Kranken, der mehrfach mit demonstrativen Suizid-Versuchen à la Harold (ohne Maud) imponiert.

Der hinterhältige und verlogene Alex wird allmählich durch das Milieu der Wohngemeinschaft und die Unschuld ihrer Bewohner geläutert. Vieles ist total unrealistisch, so z.B. dass dieselbe witzige Betreuerin Tag und Nacht mit ihren Behinderten verbringt. Doch das Drehbuch fordert noch mehr Opfer. Weshalb Menschen mit diesem Behinderungsgrad nun ausgerechnet in einer intensiv betreuten WG leben sollten, erschließt sich dem Zuschauer nicht ganz, und man fummelt heimlich an der Metzler-Tabelle und errechnet die HBG. Marylin möchte Sex mit Alex, um sich auf ihr erste Mal mit Kent vorzubereiten.

Alex fühlt sich überfordert und organisiert ein Treffen mit einem Callboy – man habe nur geredet, meint der beim Abschied, und kassiert zweihundert Mäuse. Das Herumreiten auf dem Thema Sexualität erinnert an den aktuellen Polizeiruf 110, Rosi’s Baby, mit einer ebenfalls am Down-Syndrom leidenden Schauspielerin im Zentrum. Ein Zeichen, dass das Thema in der Luft liegt?

Der Witz des Film „Finnischer Tango“ liegt im alltäglichen Detail. Marylins Zimmer, komplett in Pink gehalten und mit unzähligen Kosmetikprodukten dekoriert, wirft einen regelrecht um; die typische Luxusversorgung in der perfekt ausgestatteten Wohnetage wird sarkastisch thematisiert. Dass es zu Marylins Wunschessen am Abend kleine Lakritzmäuse in Brühe gibt zeigt, dass Autor und Regisseur das Feld gründlich erforscht haben.

Der Film ist an vielen Stellen behindertenpolitisch nicht korrekt, kränkt aber weder Betroffene noch Profis ernsthaft. Als Alex am Ende erst Sterbehilfe gibt, sich dann aber erneut als Betrüger entpuppt, der nur Vitamintabletten verabreicht hat, wollte ich nicht mehr mitspielen. Aber da war der Film auch zu Ende. Gute Schauspieler, sympathische Musik, verkrampfte Story: Auch „Finnischer Tango“ wird vermutlich zu einem Lieblingsfilm der Szene; ob Sie den Besuch dienstlich oder privat verbuchen, bleibt ganz Ihnen überlassen.

Finnischer Tango
Deutschland 2008 (Filmstart 28.8.2008)
Regie: Buket Alakus
Darsteller: Christoph Bach, Fabian Busch, Mira Bartuschek, Nele Winkler

Ilse Eichenbrenner