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Flipping out

Nicht nur unter sozialpsychiatrischen Aspekten fand ich diesen Film interessant; wie die deutschen Hippies einst Matala und Gomera heimsuchten, so fallen inzwischen weltweit die Traveller in Trance, und zeigen den Einheimischen, wie man richtig cool abhängt.

Jedes Jahr reisen Tausende von jungen Israelis, wenn sie ihren dreijährigen Militärdienst absolviert haben, nach Nordindien und Goa. Sie hauen dort ihre offensichtlich beträchtliche Abfindung auf den Kopf, oder vielmehr mit der Bong tief in denselben hinein. Regisseur Yoav Shamir reist zu den jungen Frauen und Männern zunächst nach Nordindien in die Guesthouses in den Bergen, im Sommer dann wandert die ganze Szene ans Meer. Sie sitzen um große Tische herum und kichern und frühstücken endlos; sie versuchen den Militäreinsatz zu vergessen oder – erstaunlich viele von ihnen – schwärmen von dieser Zeit als der besten ihres Lebens. Manche sind vermutlich traumatisiert, fast alle konsumieren exzessiv Drogen und verlieren sich im fremden Land, ohne die Erdung des gewohnten Alltags.

So bleibt es nicht aus, dass der eine oder andere ausflippt, und für diese Fälle ist sorgfältig ein Netz geknüpft. Es gibt eine Auffangstation namens „Shabat-House“ der orthodoxen Juden, wo die Ausgeflippten zunächst einmal beschützt und spirituell umsorgt werden. Die isralische Anti-Drogen-Kampagne hat regional verstreut sogenannte „Warm-Houses“ aufgebaut, in denen die jungen Leute sich treffen und zur Klampfe singen können – wärmende Außenposten der Heimat in einem kulturell fremden Land. Wenn das alles nicht hilft, wird die Geheimwaffe, ein alt gedienter Mossad-Agent gerufen, der die Jungs sanft, klar und notfalls mit Gewalt in staatlichem Auftrag zurück nach Israel geleitet.

Zwei junge Ausgeflippte findet das Filmteam; der erste – düster psychotisch und schweigsam - kehrt zwei Jahre nach seiner Psychose noch einmal nach Goa zurück und berichtet von seinen Wahnvorstellungen. Die Pensionswirtin klagt über die jungen Israelis, die sehr laut sind, und alle anderen Touristen vertreiben. Der zweite Ausgeflippte namens Modi, dessen Spuren die Kamera verfolgt, hat manisch eine ganze Brigade junger Inder damit beauftragt, Gräben auszuheben, für ein ominöses Jahrhundertprojekt. Der professionelle Rückführer zahlt die Arbeiter aus, bevor er Modi ins Taxi zum Flughafen zwingt. In seinen Rucksack hätte ich gerne mal einen Blick geworfen; er werde mit jedem fertig, der wieder in die Heimat gebracht werden muss, und wir glauben es ihm.

Nicht nur unter sozialpsychiatrischen Aspekten fand ich diesen Film interessant; wie die deutschen Hippies einst Matala und Gomera heimsuchten, so fallen inzwischen weltweit die Traveller in Trance, und zeigen den Einheimischen, wie man richtig cool abhängt.

Dieser Dokumentarfilm lief im „Forum“ der Berlinale 2008; der Weg in die Kinos ist ihm zu wünschen.

Flipping out
Israel, Kanada 2007
Regie: Yoav Shamir
Dokumentarfilm

Ilse Eichenbrenner