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Spurensuche in Riga und Wittenau

Rosa von Praunheim hat sich einen Namen gemacht vor allem mit schwulen Nischenfilmen. In dem Film „Meine Mütter – Spurensuche in Riga“ lernen wir ihn als in jeder Hinsicht großen, empathischen Sohn kennen.

Meine Mütter Wenige Jahre vor ihrem Tod hat ihm seine damals 94jährige Mutter ihr größtes Geheimnis verraten: Dass er nicht ihr leiblicher Sohn sei, sondern dass sie ihn in einem deutschen Waisenhaus in Riga gefunden habe. 2003 stirbt sie, beim Schachspiel, zwischen zwei Zügen, ohne ihm auch nur ein weiteres Wort über seine leibliche Mutter zu verraten.

Holger Mischwitzky reist mit diesem Satz und einigen Helfern nach Riga, und findet das Haus, in dem er bei seinen Adoptiveltern aufgewachsen ist. Er besucht und befragt Historiker, er reist umher und fragt geduldig nach. Er sondiert die Optionen: Weshalb sollte eine junge deutsche Frau 1942 ihren Sohn weggegeben haben? Schließlich findet sich ein Eintrag im Historischen Archiv Lettlands, in dem Gertrud Mischwitzky „vier gebrauchte große Flanellwindeln und Laken zur Herstellung von Windeln“ beantragt hat, für ein Kind mit dem Namen Holger Radke. Die Spur führt in das Gefängnis, wo er entbunden wurde. Weshalb hat Frau Radke ihr Kind weggegeben? Holger Mischwitzky sondiert die Optionen, erfährt en passent grauenhafte Einzelheiten über den Massenmord an den lettischen Juden, unfassbar, immer wieder. Dann führt die Spur nach Pyritz in Westpreussen, wo Edith Radke aufgewachsen ist.

Es finden sich Verwandte; das Treffen mit einer greisen, tiefgläubigen Tante beim Heimattreffen der Pyritzer in Hessen gehört zu den Höhepunkten des Films. Nun hat er auch Hinweise auf einen Verlobten der Mutter, der ein Fotograf gewesen sein soll. Die Spur zu einem prominenten Fotoreporter, beinahe zu glatt und gefügig, erweist sich als falsch, es war wohl doch ein anderer. Oder war gar nicht der Verlobte der Erzeuger? Im Berliner Standesamt finden sich Unterlagen über den Tod der Mutter Edith Radke 1945 in den Wittenauer Heilstätten. Christina Härtel, die frühere Weggefährtin Ursula Plogs, Hüterin der Ausstellung zur Geschichte der Wittenauer Heilstätten „Totgeschwiegen“ und Leiterin der Tagesklinik wird befragt, gibt kompetent Auskunft. Wie mag Edith Radke in die Psychiatrie gekommen sein? Im Rigaer Gefängnis von einem Kind entbunden, das sie weggegeben hat; drei Jahre später wird sie in Berlin auffällig, renitent, reißt sich die Kleider vom Leib und wird zwangseingewiesen.

Die Krankenakte mit den Details zur Aufnahme und der Elektroschockbehandlung liegt erstaunlicherweise vor, Christina Härtel kommentiert Details und Hintergründe. Die Diagnose „Herzversagen“ sei im Rahmen der Euthanasie häufig verwendet worden. Mit der Diagnose Schizophrenie ist Edith Radke nicht in den Vernichtungsort Obrawalde bei Meseritz verschleppt worden, wie viele Anstaltsinsassen aus Wittenau, sondern auf dem Klinikgelände in einem Gebäude gestorben, vor dem Rosa von Praunheim mit Christina Härtel seine Suche erst einmal anhält. Später forscht er noch eine Weile weiter, befragt den Regisseur Chris Krause, der über eigene familiäre Recherchen zum Lettland-Kenner wurde, verfolgt eine weitere Rigaer Spur, denn möglicherweise handelt es sich bei seinem Vater um einen berüchtigten Polizeikommandanten....doch nun läßt er es bleiben. Es läßt sich nicht klären, und er muss es nicht wissen. Der Zuschauer ist mit ihm zusammen ohnehin längst am Ende.

Was ist das besondere an diesem Film? Ein Sohn macht sich neugierig, fast naiv auf die Suche nach seinen Eltern; es gibt kein Drehbuch, denn keiner aus dem Filmteam, nicht einmal der Regisseur, weiß wie die Geschichte ausgeht. Sie drehen „auf gut Glück“. Der Zuschauer geht mit, arglos und ebenfalls neugierig, und steht plötzlich vor Massengräbern, vor der Vernichtung psychisch Kranker, mitten im eigenen Leben. Rosa von Praunheim hat einen ungemein aufwühlenden Dokumentarfilm gemacht, ohne Sperenzchen, konventionell strukturiert, klar geschnitten und montiert. Anders könnte man die aufregende Geschichte um die Suche nach seiner leiblichen Mutter auch gar nicht ertragen.

Im letzten Jahr wurde „Raum 4075“, der Film über das Psychose-Seminar von Jana Kalms und Torsten Striegnitz im Kino Babylon in Berlin aufgeführt. Rosa von Praunheim war anwesend, sicher vor allem, weil die beiden Filmemacher seine Schüler sind. Er meldete sich zu Wort, und zeigte sich sichtlich bewegt. Jetzt weiß ich, warum.

Meine Mütter – Spurensuche in Riga
Deutschland 2006/2007
Regie: Rosa von Praunheim

Ilse Eichenbrenner