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Dieser japanische Dokumentarfilm führte uns in ein ambulantes psychiatrisches Zentrum, aufgebaut und geleitet von dem alten Psychiater Dr. Yamamoto. Die Kamera begleitet zu einem Bungalow, wo die Patientin von den freundlichen Damen der Anmeldung begrüßt wird.
Der Blick streift durch den Aufenthaltsbereich, in dem einige Gestalten auf dem Boden liegen und sitzen, dösen, rauchen, oder einfach vor sich hin starren. Die Krankenakte wird herausgesucht, und im Sprechzimmer berichtet die Patientin dem wortkargen Dr. Yamamoto, dass sie schon wieder von zwei Freunde verlassen worden sei. Er fragt kurz nach, lässt reden und jammern, - viel mehr passiert nicht. So wenig spektakulär geht es weiter; eine Frau wird zu einer Krisenunterkunft begleitet, weil ihre Stimmen ihr den Aufenthalt in der eigenen Wohnung verweigern. Deutlich neuroleptisch eingebunden berichtet sie, dass sie einst ihr einjähriges Kind erwürgt habe, und nun nicht mehr zur Ruhe komme. Es folgen weitere Berichte; fast alle Klienten kämpfen mit latenter Suizidalität, alle verehren Dr. Yamamoto, dem nicht wenige ihr Leben verdanken.
Die Bausteine unseres gemeindepsychiatrischen Systems wirken, auch von außen betrachtet, reichlich selbstverständlich und belanglos. In Japan sind offene, ambulante Angebote neu. Die finanzielle Lage der chronisch psychisch Kranken ist – wen wundert es – desolat; auch darüber wird viel in diesem wahrlich sozial -psychiatrischen Film geredet. Ein kleines Restaurant wurde aufgebaut, um Arbeitsplätze, ein günstiges Mittagessen und Kontakt miteinander zu verbinden; auch einen kleinen Lieferservice für Frischmilch gibt es, beides durch Finanznot ständig gefährdet. Ohne Zuschüsse, vor allem wohl von Dr. Yamamto selbst, läuft gar nichts. Sogar ein aufsuchender Dienst wurde aufgebaut; er ermöglicht einen Blick in die vollgesammelten winzigen Wohnungen der Klienten. Beherzt üben die Hauspflegerinnen mit ihnen das Kochen preisgünstiger Mahlzeiten, das Aufräumen und Putzen ganz im Sinne personenbezogener Unterstützung im Alltag.
Später beobachtet die Kamera im Zentrum die kleinen Interaktionen zwischen den Besuchern; da gibt es den witzigen Poeten, der am lautesten über sich selbst lacht, und der einem so vertraut scheint, dass man im Gedächtnis nach dem Namen kramt. Und den ewig noch etwas suchenden und telefonierenden und herumkramenden Knacki, der den Feierabend des geduldig wartenden Sozialarbeiters immer weiter hinauszögert. Endlich sind alle weg, es wird geputzt und aufgeräumt für den nächsten Tag.
„Mental“ wurde mehrfach ausgezeichnet und wird wohl die japanische, vielleicht sogar asiatische Gemeindepsychiatrie empowern. Dass eine Pharmareferentin Herrn Dr. Yamamoto die langjährige Vergabe des atypischen Neuroleptikums „Zyprexa“ ans Herz legt scheint (noch) eher ein Zeichen der Wertschätzung dieses alternativen Projekts zu sein, auch wenn Holger und ich ein wenig den Kopf schütteln. (Vertrieb: www.filmsboutique.com)
Mental (Seishin) Japan 2008 Regie: Soda Kazuhiro Dokumentarfilm
Ilse Eichenbrenner
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