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Die krude Mischung aus Psychiatrie-Geschichte und Horror-Effekten macht den ganzen Film schwer erträglich; man mag oder muss sich für das eine oder andere entscheiden. Die Mondscheinsonate, mit der Brenner das Auditorium unterhält, gibt diesem Gesamtkunstwerk den Rest.
Am 29. Oktober 2009 lud das Collegium Hungaricum Berlin zur Deutschland-Kinopremiere von „Opium: Tagebuch einer Verrückten“. Gezeigt wurde die bereits seit 2007 im Handel erhältliche gleichnamige DVD. Ein Gag? Offensichtlich bleibt es bei dieser einmaligen Aufführung, womöglich existiert gar keine deutsche Kinofassung? Nur wenige Zuschauer hatten sich in die Vorstellung verirrt, von denen auch ca. die Hälfte den Raum schon bald wieder verliess.
Eine erste Recherche im Internet schreckte mich ab: Ein drogen- und sexsüchtiger Psychiater stößt in einer Anstalt auf eine schreibsüchtige Patientin. Das roch nach Trash und sprach für einen Platz am Ausgang. Neugierig machten dann doch die einführenden Worte des Custors: Schon lange sei in Ungarn klar, dass das Leben des Géza Csáth verfilmt werde, verfilmt werden müsse. Dies sei ein erster Versuch. Der Film sei hart, er wünsche aber trotzdem gute Unterhaltung.
Im Jahr 1913 trifft der Psychiater Dr. Brenner in einer abgelegenen Anstalt ein. In den alten Gemäuern, in denen der Putz von den Wänden fällt, werden ausschließlich weibliche Patientinnen von Nonnen und ein paar Ärzten versorgt. Brenner als Anhänger der Psychoanalyse wird vom Direktor gespannt erwartet. Der demonstriert gerade vor der gesamten Ärzteschaft einen lobotomischen Eingriff: Der Dorn wird im inneren Augenwinkel angesetzt...die ersten Zuschauer verlassen den Saal. Brenner ist nicht nur Psychiater, sondern auch Autor und Pianist und leidet gerade unter einer Schreibblockade. Er ist ein unsympathischer Mensch, abhängig von Morphium und Sex; akribisch führt er Buch über seinen Konsum.
Unter den Patientinnen befindet sich die schöne und junge Gizella, die von einem ungeheuren Schreibtrieb befallen ist. Unentwegt notiert sie in riesigen Büchern, dass der Teufel in sie gefahren ist, und sie daran gehindert hat, ihre Mutter zu pflegen. Alle Symptome weiblicher Geisteskrankheit werden an ihrem Beispiel demonstriert: Sie schreit, onaniert, erstarrt und verweigert die Nahrung; sie zuckt und krümmt sich in Charcots hysterischem Bogen. Nach und nach werden auch alle Heilverfahren des 19. Jahrhunderts demonstriert: Gizella wird fixiert, geschockt, zwangsernährt, quer an Stricken aufgehängt und in ein riesiges Wasserbecken getaucht; andere Patientinnen sitzen vor sich drehenden Spiralen oder Kaleidoskopen und geraten in Trance, oder liegen in Dauerbädern. Sie werden vermessen und fotografiert und erhalten sedierende Substanzen. Gipsabdrücke unterschiedlichster Physiognomien füllen die Regale.
Brenner beschäftigt sich fast obsessiv mit Gizella, zunächst aus psychiatrischem, später sexuellem Interesse. Ihr manisches Schreiben blockiert ihn erst recht; er holt sich die Tagebücher in sein Zimmer und schreibt ganze Sequenzen ab. Nach einer fast quälend langen Kopulationsszene im Keller sucht Gizella vergeblich ein Zeichen, wenigstens einen Blick. Er schaut weg. Am nächsten Morgen, an der gemeinsamen Tafel kommt sie auf Brenner zu und fragt, ob er denn den neben ihm sitzenden Direktor informiert habe? „Wovon?“ „Dass wir jetzt Mann und Frau sind.“ „Ach so“, meint Brenner beschwichtigend, wie zu einer Irren, „natürlich, der Direktor ist darüber informiert, dass wir jetzt Mann und Frau sind.“
Sie gerät in Raserei, wird weggebracht und ein weiteres Mal in einer inquisitorischen Hängevorrichtung fixiert. Sie bittet Brenner, sie von ihrem Verstand zu befreien. „Töte ihn, sonst sterbe ich“. In einer letzten gemeinsamen Szene injiziert er ihr Opium und führt eine Lobotomie durch. Er wird entlassen, Gizellas Tagebücher werden verbrannt, man sieht sie an einem Fenster stehen mit leerem Gesicht.
Alle Szenen des Films sind konsequent in milchigen, weiß-gelben Tönen gestaltet. Sie wirken gemalt, inszeniert, jedes noch so kleine Detail scheint aus einem historischen Wälzer kopiert zu sein. Die beiden dänisch-norwegischen Hauptdarsteller beeindrucken, taugen aber in keiner Weise zur Identifikation. Die krude Mischung aus Psychiatrie-Geschichte und Horror-Effekten macht den ganzen Film schwer erträglich; man mag oder muss sich für das eine oder andere entscheiden. Die Mondscheinsonate, mit der Brenner das Auditorium unterhält, gibt diesem Gesamtkunstwerk den Rest.
Géza Csáth, geboren unter dem Namen Brenner, erregte schon früh als Multitalent Aufsehen. Er schrieb Theaterstücke, studierte Neurologie und veröffentliche mit 25 Jahren das Werk „Über den psychischen Mechanismus der Geisteskrankheiten“. Er schrieb Novellen und Tagebücher, die post mortem veröffentlicht wurden. Er war süchtig nach Morphium, Sex und Ruhm, und führte Buch über jedes Detail. Schließlich kam er selbst als Patient in eine Anstalt, entwich und erschoss seine Frau, kam erneut in die Psychiatrie und floh. Bei seiner Flucht führte er Drogen mit sich, die er bei seiner Ergreifung schluckte und daran verstarb.
„Tagebuch 1912 – 1913“, soeben neu aufgelegt, diente als Anregung für das Drehbuch. Sicher finden sich im Werk von Géza Csàth (und in der DVD) interessante Vignetten und Reflexionen zu den Irrwegen der Psychiatrie und ihrer Protagonisten. Kauf, Lektüre und Betrachtung erfolgen jedoch auf eigenes Risiko; die Rezensentin übernimmt keine Haftung!
Opium. Tagebuch einer Verrückten Ungarn/Deutschland 2007 110 Minuten Regie: Jánosz Szász Darsteller: Ulrich Thomsen, Kirsti Stubö
Ilse Eichenbrenner
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