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Der Schweizer Regisseur Edgar Hagen hat sich, angeregt durch Dorothea Buck, in einigen Ländern auf die Suche gemacht nach dem alternativen Umgang mit Menschen in psychotischen Krisen. Er hat nach Therapeuten gesucht, oder besser gesagt nach Begleitern. Herausgekommen ist ein stiller, langsamer, schwieriger Film.
Das 1994 auf Deutsch erschienene (und vergriffene) Buch „Verlockungen des Wahnsinns“ von Edward M. Podvoll ist seit vielen Jahren der alternative Reiseführer jener Szene. Podvoll, Psychiater, Psychoanalytiker und buddhistischer Lama, beschrieb darin die „Inseln der Klarheit“, und den Aufbau der Windhorse-Projekte. Logischerweise ist eines der Ziele Boulder in Colorado, wo Podvoll 2003 sein letztes Jahr verbrachte. Doch zunächst sucht er im eigenen Land: Da fahren zwei Männer in einem Camping-Bus, der eine ist Psychose-erfahren, und wird begleitet vom anderen namens Jakob Litschig, der ein Arzt ist, aber wegen einer psychischen Erkrankung nicht mehr praktizieren darf. Litschig bleibt beharrlich an der Seite seines Quasi-Patienten, schreit auch mal rum und staucht zusammen.
Es dauert eine Weile, bis man kapiert, wer der Arzt ist, und wer der Patient. Und das ist bereits eines der entscheidenden Kennzeichen: Begleitet wird auf Augenhöhe, ohne das übliche hierarchische Gefälle unseres Medizinbetriebs. Wer die Materie kennt, der ahnt, dass es enorm langwierig ist, die Momente der Krise zu erwischen und auch noch zu filmen: Das Verrücktsein, ohne Spektakuläres zu suchen, und das Begleiten und Halten erst recht. Am ehesten gelingt es einer jungen, anonym bleibenden jungen Schweizerin, ihr psychotisches Erleben so zu schildern, dass der Zuschauer eine Ahnung davon bekommt wie es ist, wenn sich alles bedeutungsvoll auflädt, wenn die ganze Welt vernichtet ist, und man ganz alleine über all den Leichenbergen überlebt. Litschig läuft ziemlich gelassen mit ihr im finsteren Wald herum.
Der nächste Besuch gilt einem Mann in Genua, der sich derart konkret verfolgt fühlte, dass er mit einem Gewehr zur örtlichen Polizeistation fuhr. Seine Schwester registrierte die Veränderung und warnte die Caribinieri rechtzeitig; ihr Bruder wurde zwangseingewiesen. Hagen macht deutlich, dass der Wahnsinn nicht immer harmlos bleibt, sondern auch heftig und tödlich gefährlich werden kann.
Er reist in die USA und mit Karen aus Colorado zu der inzwischen geschlossenen Privatklinik, der Menninger-Foundation, in der sie wegen einer Psychose drei Jahre lang behandelt wurde, wo sie weglief, und sich aus dem 10. Stock eines Hotels stürzte. Einer der eindringlichsten Momente des Films ist der gemeinsame Blick aus jenem Fenster, von dem sie auf ein anderes Gebäude fiel, und überlebte. Dank ihres offensichtlich hervorragenden finanziellen Backgrounds konnte damals das erste Windhorse-Projekt von Podvoll aufgebaut werden, und sie kehrte ins Leben zurück. Hagen reist sogar in die Auvergne, wo Podvoll 12 Jahre lang bis 2002 in einem buddhistischen Kloster in Klausur gelebt hatte, und spricht mit dem Leiter. Dessen Versuch, die spirituelle Dimension einer psychotischen Krise und ihrer Heilung zu erklären scheint mir allerdings, mit Verlaub, etwas schlicht geraten zu sein. Podvoll ist 2003 bereits schwer an Krebs erkrankt, als Hagen ihn besucht. Später gedrehte Szenen beobachten den Psychiater und Nachfolger Podvolls, Eric Chapin, beim Alltag in seinem Wohnwagen zwischen den vielen Buddhas, je einer aufgestellt für einen Patienten, der „von uns gegangen“ ist.
Wer in „Someone beside you“ sehen oder gar lernen will, wie Psychosekranke konkret begleitet werden, der wird enttäuscht. Es ist wohl eher die innere Haltung, die der Film zu vermitteln versucht. Von Podvoll ist zu erfahren, dass es vor allem anderen Mut und Freundschaft brauche. Einige Auszubildende fragen Eric Chapin, stellvertretend für den Zuschauer: Und was dann, wenn z.B. bei einer gemeinsamen Mahlzeit solch eine Insel der Klarheit auftaucht, was dann? Nichts weiter. Hagen springt, teilweise recht unvermittelt, zwischen den Schauplätzen hin und her, ohne zu erklären. Ein Roadmovie also, das auf der Spur bleibt. Manches wird stillschweigend vorausgesetzt, vieles weggelassen, manches muss erahnt werden. So irritiert der Film, verwirrt formal und inhaltlich, läßt dem Zuschauer aber so viel Zeit, dass sich in seinem Hirn die Fäden immer wieder ordnen können. Vieles klärt sich übrigens durch einen Blick auf die äußerst hilfreichen Webseiten: www.someonebesideyou.com www.windhorse.de
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