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Die neue CD der Gruppe hART TIMES »snapshot insanity«

Ohrwürmer, Ohrwürmer, die Melodien bleiben im Kopf, die Platte ist also gelungen! Aber eine Frage drängt sich auf: wieso eigentlich englisch? Vielleicht hören wir hARTE ZEITEN ja bald auch mit eigenen deutschen Texten zu solch supertoll eingespielten bekannten Popmusikstücken.

Warum macht sich eine Band heutzutage die Mühe und steckt ganz viel Arbeit in eine CD mit nachgespielten (gecoverten) Rock- und Pop-Songs? Coverbands gibt es doch wie Sand am Meer, und eine ist meist genauso perfekt wie die andere, manche sind beim Hören mit geschlossenen Augen nicht zu unterscheiden vom Original. Also wozu dann noch viel Geld ausgeben und eine Cover-CD produzieren? – Das fragte ich mich zuerst, als Peter Weber mich um eine Rezension bat. Mach ich nur, wenn die Platte gut ist, sagte ich ihm, einen Verriss hat harte Arbeit nicht verdient. Dann wirst du es machen, sagte er.

Ein erster Blick auf die Stückliste zeigt bekannte, sehr bekannte Stücke. Schwere Stücke. Warum covern die meisten Bands bloß so schwere Stücke, da geht doch die Leichtigkeit flöten, dachte ich noch ...

Gute Musik erreicht den Hörer nebenbei, schleichend, und so war es auch mit dieser CD – beim Autofahren trotz quäkender Lautsprecher. Hey, das ist zwar gecovert, aber es fängt dich ein. So hätte Carlos Santana bestimmt gern Oye Como Va eingespielt. An die 40 Jahre liegen zwischen Original und Cover, aber hART TIMES gelingt es, das Original zu schätzen und seinen Klangcharakter respektvoll beizubehalten, z.B. das knurrende Keyboard, die gleichen Gitarrenläufe, aber alles zeitgemäß im Klang angeschärft – so wie Carlos heute das Stück spielen würde ... Und da kommen Funk- und die Reggaenummern, ja so möchte man die heute hören, zwar bekannt, aber mit überraschenden Beigaben, mit feinsten Bläser- und Hintergrundchorsätzen und mit Spaßfaktor.

Derselbe Gitarrenklang wie bei der Santana-Nummer schwingt gleichsam aus einem Guss auch bei den drei Pink-Floyd-Stücken dieser CD herrlich an die Sinne. Getragen von einem unglaublich präzisen Schlagwerk mit gar artistischen Abfolgen. Wer versucht, bei Money den Takt auf 2 und 4 mit der kleinen Trommel mit zu schlagen wird geradezu an der Nase herum geführt – genial wechselt der Schlagwerker in den Strophen die Trommel, von 2 und 4 im ersten Takt auf 1 und 3 im zweiten Takt, und dann wieder zurück, und immer wieder, und er gibt damit dem Stück eine unglaubliche Spannung. Haben Pink Floyd das wirklich auch schon so gespielt? Damals hab ich es jedenfalls nicht gemerkt und es ist auch egal. Das macht diese CD eben aus: Man entdeckt die Stücke neu und ist begeistert. Dazu ein treibender Bass für den guten Groove und schärfstens arrangierte Bläsersätze an Stellen, wo sie damals nicht waren.

Und dann: Der Gesang, von Frauen oft zweistimmig dort, wo bei den Originalvorlagen Männer als Solisten zu hören waren. Anfangs unbekümmert, fast NDW-mäßig geradeaus gesungen (wieso dachte ich Doraus und Marinas?), in anderen Stücken umwerfend röhrend und gleichzeitig zerbrechlich interpretierend, bestens bei Wish You Were Here. Für die Stimmen hätte der Toningenieur noch beherzter Regelung hereingeben können. Gegenüber dem perfekt abgemischten Instrumentalblock kommen die Stimmen zeitweise etwas verhalten daher. Fast als sollten sie nicht alles geben, bleiben sie etwas hinter dem satten Sound der Musiker zurück. Es bleibt das Gefühl, die Stimmen könnten noch viel besser kommen, aber sollen es aus irgendeinem Grund nicht. Manches Mal wiederum wagen die Sängerinnen auch nicht, das Letzte zu geben – vielleicht wurde die verhaltene Abmischung deshalb hier auch bewusst eingesetzt. Wie dem auch sei, die stimmlichen Qualitäten und die gefühlvollen Interpretationen dieser Sängerinnen erfordern mit Sicherheit keine Dämpfung, die können mehr.

Ohrwürmer, Ohrwürmer, die Melodien bleiben im Kopf, die Platte ist also gelungen! Aber eine Frage drängt sich auf: wieso eigentlich englisch? Ich meine, die Aussagen der englischen Texte haben wir doch, wenn wir ehrlich sind, nie wirklich richtig verstanden. Gefühlt haben wir sie, o. k., und meistens lagen wir richtig, weil mit den Liedern auch ein Lebensgefühl ausgedrückt wurde. Aber wenn deutsche Künstler die englischen Originaltexte singen, merkt man eben auch oft, dass die Worte nicht das widerspiegeln (können), was die Textdichter ausdrücken wollten. Und als wenn die Macher dieser CD genau das sagen wollten, kommt der Solist dann mit dem Max-Raabe-Stück vom Gorilla und verstärkt diesen Gedanken: augenblicklich sind Sprache und Gefühl eins und die Gedanken des Zuhörers sind gefangen, auch wenn keine hervorragende Band spielt. In diesem Fall ist die musikalische Begleitung wie konterkariert lediglich ein Klavier, aber trotzdem ist man augenblicklich zum Gorilla in den Zoo entführt.

Vielleicht hören wir hARTE ZEITEN ja bald auch mit eigenen deutschen Texten zu solch supertoll eingespielten bekannten Popmusikstücken. Dann wäre die Eingangsfrage auch beantwortet, oder sie würde sich gar nicht mehr stellen.

Was noch bemerkenswert ist: Fördernde Institutionen haben hier – so wie das Ergebnis klingt – offenbar auskömmliche Mittel für eine hochwertige Produktion eingesetzt, für ein richtungweisendes Projekt. Nicht allein ist wesentlich, dass dadurch eine technisch und klanglich hervorragende CD entstanden ist, sondern dass die Künstler ihre Arbeit jetzt in einer qualitativ angemessenen Weise präsentieren und vermarkten können. Weil so etwas eben in der Regel viel Geld kostet, bleibt den meisten jungen Künstlern und Talenten ohne Förderung nur die Möglichkeit, sich mit unzureichend produziertem Tonmaterial zu präsentieren. Damit sind die Aussichten auf einen auskömmlichen Lebensunterhalt im umkämpften Kulturbetrieb allerdings gering. Deshalb ist der Fördermitteleinsatz für derartige Projekte unbedingt zu begrüßen und viele Wiederholungen sind wünschenswert. Solche Förderungen eröffnen Chancen für selbstbestimmte künstlerisch-kreative Lebenswege. Von harten Zeiten zu besseren Zeiten.

Norbert Tietz in Sozialpsychiatrische Informationen 2/2008

Die hART TIMES Band ist ein Musikprojekt der Kontaktstelle Gruppe Soziale Selbsthilfe. Ursprünglich ist sie der musikalische Arm der Theater Gruppe hART TIMES. Mittlerweile hat sich daraus eine 16-köpfige starke Band entwickelt, die bald Big Band Charakter hat. Kontaktstelle – Gruppe Soziale Selbsthilfe e. V. Große Düwelstr. 48, 30171 Hannover, Tel: 0511/81 39 93, www.h-art-times.de