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"Der Chef bin ich! Vom Versorgungsempfänger zum Auftraggeber” - Wohn- und Nutzerrechte in Europa

Mental Health Europe - Santé Mental Europe ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich für die Förderung der seelischen Gesundheit einsetzt, für die Vorbeugung bei erkennbaren psychischen Leiden, die Verbesserung von Hilfsangeboten sowie die Interessenvertretung und den Schutz der Menschenrechte aktueller und ehemaliger Psychiatriepatienten, deren Angehöriger und Helfern. Die Förderung der Nutzerrechte ist eines ihrer zentralen Themen.

Ein Überblick über die Situation im "alten Europa":

Warum ist das Thema Nutzerrechte wichtig für Mental Health Europe?

99% der psychisch Kranken leben in der alltäglichen Gemeinschaft !!! In den letzten Jahrzehnten hat sich die seelische Gesundheitsfürsorge sehr verändert. Der Fortschritt in der Behandlung und der Rehabilitation hat zu einer europaweiten Reduzierung von Betten in psychiatrischen Krankenhäusern geführt.

Als Alternative sind Unterstützungsmaßnahmen wie z.B. betreutes Wohnen, Selbsthilfegruppen, gemeindepsychiatrische Einrichtungen gegründet worden. Aber ein Aspekt, der vielleicht noch wichtiger ist, ist die veränderte Einstellung in diesem Bereich. "Rehabilitation" wurde 1989 von D. Bennet wie folgt beschrieben: "das Handeln von Menschen mit seelischen Gesundheitsproblemen in einer Umgebung ihrer Wahl ermöglichen. Psychiatrie-Erfahrenen wurden als Personen definiert, die im Stande sind, eine eigene Wahl und Entscheidungen zu treffen".
Diese Definition in die Tat umzusetzen, war jedoch nicht einfach.
Es mussten noch 10 Jahre vergehen, bevor man zu der Erkenntnis kam, dass die Mitbestimmung von Psychiatrie-Erfahrenen Vorbedingung einer guten Integrierung in die Gemeinschaft ist.

Wie sind die Wohnungsstrukturen für psychisch erkrankte Menschen in Europa zur Zeit organisiert?

Im Jahre 2002 haben wir in Europa eine große Anzahl an verschiedenen Wohnformen: Wohnungen, Heime, unabhängige Wohnformen, betreutes Wohnen, Durchgangsheime usw.Die Wohnversorgung ist von Land zu Land verschieden, und dies nicht nur in ihrer Anzahl, sondern auch in ihrer Form und Organisation. Ebenso exisitieren ein Vielzahl von Projekten die sich zum Ziel gesetzt haben, die Nutzer noch aktiver als bislang bei der Hilfeplanung und Gestaltung zu beteiligen. Nachfolgend einige Beispiele:

Das "Adrian-Projekt" - ein 1997 in vier Ländern durchgeführtes EU-Projekt (Belgien, Niederlande, Finnland, Deutschland) über das Mitbestimmungsrecht von Psychiatrie-Erfahrenen in betreuten Wohneinrichtungen in der seelischen Gesundheitsfürsorge setzt den Schwerpunkt auf die Entwicklung von einer effektiveren Partnerschaft zwischen Psychiatrie-Erfahrenen und Personal. Der besondere Akzent, der auf die Mitwirkung der Patienten gelegt wurde, war ein Meilenstein in der Entwicklung der psychiatrischen Gesundheitsdienste. Die Notwendigkeit, eine neue Art von Beziehung mit den Patienten einzugehen, die auf Gerechtigkeit, Respekt und Gegenseitigkeit beruht, stellte sowohl das Personal als auch die Psychiatrie-Erfahrenen vor große Schwierigkeiten.

G. Shepherd sagt im Vorwort dieses Projekts "Auf der Suche nach einer neuen Art von Beziehung zwischen dem Personal und Psychiatrie-Erfahrenen", es sei entscheidend, dass diese auf Zusammenarbeit und nicht auf Hierarchie beruhe und neuen Respekt vor der Würde und Individualität des Patienten erfordere.
Heute benötigt die Entwicklung von Gemeinschaftseinrichtungen die Partnerschaft mit psychisch kranken Menschen sowohl aus praktischen als auch aus ethischen Gründen.

Partnerschaft und Mitbestimmungsrecht von psychisch Kranken

Der Schwerpunkt dieser Konferenz sind die Rechte und Partnerschaften zwischen Nutzern und Personal im Bereich gemeindenah geführter Wohneinrichtungen. Ich möchte dieses Thema auf verschiedenen Ebenen und aus der Perspektive mehrerer unterschiedlicher Länder ansprechen.

Laut einem Handbuch der Vereinten Nationen (3) kann "Mitbestimmung " Folgendes bedeuten:

  • ein aktiver Prozess, bei dem Gruppen von Psychiatrie-Erfahrenen die Entwicklung eines Projekts beeinflussen können, um ihren sozialen Stand zu verbessern
  • der Prozess der Mündigkeit ausgegrenzter und benachteiligter Gruppen in der Gesellschaft partnerschaftlicher Dialog zwischen allen Teilnehmern von der Planung zur Ausführung bis hin zum Follow-up von Aktivitäten.

"Mündigkeit", im Englischen "Empowerment", ist ein Begriff, der oft im Zusammenhang mit dem Konzept der Mitbestimmung verwendet wird . Das englische Wort ist schwierig zu übersetzen, doch der Begriff "power" ist jedem bekannt. "Empowerment von psychisch Kranken setzt deren Mitbestimmungsrecht in organisatorischen Entscheidungen und in der Entwicklung und Evaluierung von Programmen, dem Zugang zur Gesundheitsfürsorge, der Möglichkeit für psychisch Kranke, ihre eigenen Gesundheitsdienste mit zu entwickeln, zu leiten und im ursprünglichen Sinne weiterzuführen voraus.Die vier wichtigsten Aspekte des Empowerment-Konzepts sind Macht, Informationen, Rechte und Kompetenzen.

Für alle Autoren ist "Empowerment" ein Prozess und kein Ziel. Das Mitbestimmungsrecht von Nutzern in der seelischen Gesundheitsfürsorge setzt die Möglichkeit voraus,

  • dass sie auswählen können, was Zugang zu Informationen, Alternativen usw. betrifft
  • dass sie Entscheidungen treffen und diese in die Tat umsetzen können
  • dass sie die Folgen ihrer Entscheidungen tragen, seien sie nun positiv oder negativ

Wie kann das Mitbestimmungsrecht der Betroffenen im Bereich der seelischen Gesundheitsfürsorge gefördert werden?

Paul Carling nennt uns einige Strategien. Er sagt:

  • Werden Sie Mitglied einer Selbsthilfegruppe oder einer Gruppe für Psychiatrie-Erfahrene
  • Verstehen Sie die "Macht" der Institutionen
  • Fördern Sie die Rolle der Betroffenen in der seelischen Gesundheitsfürsorge
  • Fördern Sie die Rolle des Psychiatrie-Erfahrenen in der Politik
  • Fördern Sie die Rolle des Psychiatrie-Erfahrenen in der Aus- und Weiterbildung
  • Fördern Sie Programme, die von Psychiatrie-Erfahrenen durchgeführt werden.

Abschlussbemerkung
Nach meinen Erfahrungen in mehreren europäischen Ländern, dem Besuch zahlreicher Institutionen, Häuser und Clubs, nach unzähligen Gesprächen mit Heimbewohnern und psychisch Kranken sowie deren Freunden, kann ich abschließend Sie alle nur bitten, diesen Menschen - die in ihrem Leben schon so oft von so vielen diskriminiert worden sind - ihre Rechte und Würde zuzugestehen. Gestatten wir ihnen, ein unabhängiges und erfülltes Leben zu führen frei von Belästigung und Diskriminierung, von ihrer Umgebung geschätzt und als Gleiche behandelt.

- Auszug aus dem gelichnamigen Referat auf der Tagung "Der Chef bin ich ! Vom Versorgungsempfänger zum Auftraggeber", Berlin, 2002 -

Joseé van Remoortel, Mental Health Europe

Referenzen (Literatur)

(1) Lissens G. Van Audenhove CH, 1997. Client Participation in Community residential facilities in mental health care. Garant, Leuven (B).

(2) Stevens R (2000). Patientenparticipatie in de geestelijke gezondheidszorg. Studiencentrum Gezondheidszorg. Stevens vzw. Leuven.

(3) United Nations Development Programme. UNDP Guidebook on participation. www 1999 (Generic). Ref. Type: Electronic Citation.

(4) Chamberlin J. (1997). "A Working definition of Empowerment". Psychiatric Rehabilitation Journal 20, S. 43-46.

(5) Salzer, M.S (1997). Consumer Empowerment in Mental Health Organisations: Concepts, Benefits and Impediments. Adm. Policy Mental Health 24 (p. 425-434).

(6) Consumer Involvement in Mental Health and rehabilitation services (1989). Geneva, WHO Division of Mental Health.

(7) Carling, P.J. (1996). Return to Community. Building Support Systems For People with Psychiatric Disabilities. New York: The Guildford Press.

(8) M.H.E. Glanville B & Banker I. (1991). Consumer Participation in Community Mental Health Services. A Multi-Site Action Project.

(9) De Gier A., et al. (1998). Participeren doe je samen. Innovatieve methodieken clientenparticipatie geestelijke gezondheidszorg. Utrecht: Verwey. Jonker Instituut.

(10) National care standards. Care Homes for People with Mental Health Problems (2002). Edinburgh. Scottish Executive.

(11) Van Rooigen S. (1995). Gewoon goed. Kwaliteitszorg in de sector beschermd wonen. N.V.B.W. Utrecht (NL).

(12) Bewonersparticipatie in Beschut wonen (2002). Verslyppe Co. Federatie Beschut Wonen. Gent (B)

(13) Psychiatry & Patients Rights (2002). HCLU (Hungarian Civil Liberties Union). Budapest, Ungarn.

(14) "Wie Heimbewohner wohnen wollen". Psychosoziale Umschau 1/2002 (p. 4-7).

(15) Carta delle Residenze per la Salute Mentale (1996). Associazione Italiana Residenze per la salute mentale.

(16) Personsgebouden Budget. Psy 2001, n° 13, p.4 (Nl.).

(17) Rechten van Patienten (2000). Verbond der Verzorgingsinstellingen Brussel (B).

(18) Proefproject Bemiddelingsfunctie in de GGZ (2001). Visietekst. Bestuur der Gezondheidszorgen cel psychiatrische Zorgverlening Brussels (B).

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