Psychiatrische Bürgerhilfe im Wandel – Neue Chancen für ein traditionsreiches Konzept

18.4.07 Reinoldium in Dortmund

 

Christian Zechert

Im Fokus der gut besuchten Veranstaltung stand die Diskussion um die Zukunft psychiatrischer Bürgerhilfe. Christian Zechert begrüßte im Namen des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie und des Mitveranstalters Diakonisches Werk Dortmund, Kontaktclub die Anwesenden.
Psychiatrische Bürgerhilfe ist keineswegs Geschichte: ohne Vereine und Netzwerke, ohne die darin engagierten Bürger kann Gemeindepsychiatrie nicht realisiert werden.

Brunhilde Schäfer

Brunhilde Schäfer vom Kontaktclub Dortmund dem Arbeitskreis Bürgerhilfe im Dachverband stellte sehr eindrücklich die Einbindung freiwillig engagierter Menschen in die Organisation eines Kontaktclubs und den Wert langjährig gewachsener persönlicher mitmenschlicher Beziehungen vor und äußerte die Hoffnung, dass bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe künftig noch stärker miteinander kooperieren können. Die Stützung der Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener ist aus Sicht von Brunhilde Schäfer ein wichtiger Aspekt bei der Weiterentwicklung bürgerschaftlichem Engagements in „gleicher Augenhöhe“ mit den Betroffenen.

Achim Dochat

„Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist ohne Gesellschaft nicht möglich!“
Aufgabe der Gemeindepsychiatrie ist die Verknüpfung mit der Gesellschaft. Professionalisierung in der Gemeindepsychiatrie bedeutet auch die Förderung von Selbst- und Bürgerhilfe.
Achim Dochat von der Arbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrie Rheinland e.V. warf aus Sicht eines Professionellen in seinem Vortrag „Über die Notwendigkeit der Bürgerhilfe in einer Psychiatrie des Jahres 2020“ einen Blick in die Zukunft. Aus seiner Einschätzung wird sich die Verpflechtung der Gemeindepsychiatrie mit bürgerschaftlichem Engagement in den nächsten Jahren kaum wandeln. Dabei ist das Verhältnis zwischen Professionellen und freiwillig Engagierten in Hinblick auf die Weiterentwicklung fachlicher Standards notwendigerweise weiter zu entwickeln. Achim Dochat betonte den eigenen Wert von Bürgerhilfe und Selbsthilfe. Heute sind beide Formen freiwilligen Engagements in der Psychiatrie eine sinnvolle und fördernswerte Ergänzung zu professionellem handeln in der Gemeindepsychiatrie.“

Raus aus der Gemeindepsychiatrie – rein in die Gemeinde ! In der lebhaften Diskussion forderten sowohl Trägervertreter als auch Psychiatrie-Erfahrene eine höhere Einbindung von Psychiatrie-Erfahrenen = Profis in eigener Sache in die Arbeit der Vereine. Eine Teilnehmerin aus Berlin stellte den Aktionsstammtisch Pinel vor.

Matthias Seibt

„Hilfe ist was freiwillig gegeben wird und auch freiwillig genommen wird“, definierte Matthias Seibt vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. sein Verständnis von Bürgerhilfe. Neben einer Wertschätzung kritischer Bürger- und Laienhilfe die sehr viel dazu beigetragen habe das direkt sichtbare Härten verschwunden sind forderte er die Anwesenden auf, kritisch den Bereich, in dem sie tätig werden zu prüfen. Als Beispiel nannte Matthias Seibt den Umgang mit Neuroleptika, die die Lebenserwartung von psychisch erkrankten Menschen, die über lange Jahre starke Neuroleptika nehmen müssen nachweislich verkürzen können.
In seinem Vortrag „Wollen Psychiatrie-Erfahrene überhaupt Bürger- und Laienhilfe – wenn ja, welche ?“ formulierte Matthias Seibt als Wunsch an die Bürgerhilfe „Bürgerhelfer sollen uns helfen unseren eigenen Weg zu finden – außerhalb von Psychiatrie und Gemeindepsychiatrie“.

Workshop 1
Psychiatrische Bürgerhilfe praktisch – Modelle und Handwerkszeug
Niko Schirmers, Stefanie Rapp

Workshop 2
Psychiatrische Bürgerhilfe und europäische Perspektive : Was können wir von unseren Nachbarn lernen ?
Dr. Inge Schöck, Achim Dochat

Workshop 3
Psychiatrische Bürgerhilfe. Was kann sie von anderen Bürgerhelfern lernen?
Christian Zechert

Workshop 4
Bürgerhilfe und Selbsthilfe – Konkurrenz oder Kooperation ?
Brunhilde Schäfer, Matthias Seibt

Herr Profazi

Herr Profazi, Landschaftsverband Westfalen-Lippe
„Wir wollen uns als Krankenhausträger wieder mehr in diesem Thema engagieren“. Dabei sieht sich der LWL auch als Nutznießer der verschiedenen Formen von Bürgerhilfe. Die Zukunft kommunaler Krankenhausträger wie des LWL liegt seiner Ansicht bei einer weiteren Verbesserung der Zusammenarbeit mit den Kommunen. Dabei wird die Zusammenarbeit mit den Bürgern zunehmend wichtiger. Dem trug der LWL in diesem Jahr mit einer Haushaltsaufstockung der Mittel zur Förderung des freiwilligen Engagements in der Psychiatrie auf 10.000 € Rechnung.
Herr Profazi wies auf das aktuelle Projekt „Zeitspenden“ des LWL hin.
Ebenso stellte er den Landesnachweis NRW "Engagiert im sozialen Ehrenamt" vor und rief dazu auf, bürgerschaftliches Engagement stärker zu dokumentieren. [mehr]

Christan Zechert, Geschäftsführer des Dachverbandes, stellte aufgrund der Kürze der Zeit 10 Thesen zur Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements aus seinem Vortrag vor: 

  1. Keine oder nur intransparente finanzielle Förderung der psychiatrischen Bürgerhilfe
  2. Ungelöster Generations- und Legitimationswechsel
  3. Fehlende Abgrenzung zur allgemeinen Bürgerhilfe, aber auch fehlende Definition der Gemeinsamkeiten mit der allgemeinen Bürgerhilfe
  4. Fehlende formulierte Erwartungen der Professionellen aber auch der Angehörigen und Betroffenen an die Bürger
  5. Geringe oder fehlende organisatorische Einbindung in die Arbeit gemeindepsychiatrischer Träger
  6. Dominanz des trialogischen Prinzips über dem quadrologischen
  7. Zu wenig strategisches Wissen Psychiatrische Bürgerhilfe umzusetzen
  8. Zu wenig Informationsmaterial als Hilfen für Bürgerhelfer
  9. Die Zukunft - Überfrachtung und Idealisierung psychiatrischer Bürgerhilfe?
  10. Das ständige Lob ist der Bürgerhilfe Tod. Was wir brauchen ist eine Streitkultur zur psychiatrischen Bürgerhilfe

Den Vortrag "Der dritte Sozialraum - ein neuer Ansatz für die psychiatrische Bürgerhilfe?" können Sie hier herunterladen.

Ulrike Sundermann

Ulrike Sundermann, Psychiatriekoordinatorin der Stadt Dortmund schilderte zum Abschluß des Tages ihre Beobachtungen als Kongressbeobachterin. Ihr Vortrag „Abschied von Illusionen - Chancen für die Zukunft?" wird in Kürze eingestellt.
In den Arbeitsgruppen fanden sehr engagierte und lebhafte Diskussionen auf "gleicher Augenhöhe" statt. Auffällig war die große Zahl von Psychiatrie-Erfahrenen, die betonten, daß sie sich freiwillig engagieren und aus ihrer Arbeit ein hohes Maß an Zufriedenheit schöpfen. Die Tagung sei ein Auftakt dazu, mehr Öffentlichkeit für das Thema "Bürgerschaftliches Engagement" in der Gemeindepsychiatrie herzustellen. „Jeder Mensch will wichtig sein, eine Bedeutung für andere haben.“ Zusätzliche, weitere Wege der psychiatrischen Bürgerhilfe – auch für neue Zielgruppen müssen entwickelt werden, eine befristete Tätigkeit macht freiwilliges Engagement attraktiv, eine inhaltliche und strukturelle Unterstützung durch Professionelle und Träger muß künftig stärker als bislang gewährleistet werden.

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