Zukünftige Arbeitsfelder bürgerschaftlichen Engagements in der Psychiatrie

Auch heute ist es unter dem Aspekt "Bürgerbeteiligung und -engagement" notwendig sich für eine verbesserte Lebenssituation psychisch erkrankter Menschen einzusetzen. Es ist wichtig, dass wir Bürger uns einbringen, uns kümmern, wie es unserem Nachbarn, Kollegen, Freund geht, der psychisch erkrankt ist. Nicht nur die Fachleute sowie die Psychiatrie-Erfahrenen und ihre Angehörigen sind gefragt, wenn es um die Verbesserung der Situation psychisch erkrankter Menschen geht.

Felder bürgerschaftlichen Engagements in der Gemeindepsychiatrie

Erfahrungen und Perspektiven
Was zur Zeit der Psychiatrie-Enquète vor 25 Jahren richtig und wichtig war, um die Psychiatrie-Reform in Schwung zu bringen, ist heute unter dem Aspekt "Bürgerbeteiligung und -engagement" erst recht notwendig. Es ist wichtig, dass wir Bürger uns einbringen, uns kümmern, wie es unserem Nachbarn, Kollegen, Freund geht, der psychisch erkrankt ist. Nicht nur die Fachleute sowie die Psychiatrie-Erfahrenen und ihre Angehörigen sind gefragt, wenn es um die Verbesserung der Situation psychisch erkrankter Menschen geht.

Lebensqualität vermitteln
Lebensqualität vermitteln durch gemeinsam verbrachte und gestaltete Zeit, der mit der Erkrankung oft einhergehenden Isolierung und Vereinsamung entgegenzuwirken, zuwenden statt abwenden sind Werte und Fähigkeiten, die engagierte Bürger als spezifische Qualität einbringen können. Kontakt finden, sich auf eine Begegnung einlassen, mehr voneinander erfahren und verstehen, den Anderen ein Stück Weg im Alltag begleiten sind zum Beispiel in einem Kontaktclub möglich.

Darüber hinaus ist es ebenfalls von großem Wert, wenn wir uns als Bürger mit in der Verantwortung sehen und uns in fachlichen und gesundheitspolitischen Gremien einbringen. Unsere Perspektive, unsere lebensweltliche Kompetenz, unsere Erfahrung aus dem Kontakt mit dem psychisch erkrankten Mitbürger sind zum Mitdenken bei der Planung und Ausführung von Hilfen, beim Abbau immer noch vorhandener Vorurteile und Stigmatisierung und als politische Lobby gefragt.

Daraus kann ganz konkretes politisches Handeln erwachsen.

Sozialpolitisches Engagement
Auf Gemeinde- beziehungsweise Landkreisebene beginnt das sozialpolitische Engagement bei der Zusammenarbeit mit Vertretern der Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen, Fachleuten der verschiedenen psychosozialen und psychiatrischen Einrichtungen und Dienste - zum Beispiel in den Psychosozialen Arbeitsgemeinschaften, die im kommunalen Bereich in der ganzen Bundesrepublik vorhanden sind. In Baden-Württemberg haben alle bürgerschaftlich in der Psychiatrie Engagierten gemeinsam eine feste Mitgliedschaft für die Bürgerhelfer, die Psychiatrie-Erfahrenen und die Angehörigen in den Psychiatrie-Arbeitskreisen. Es sind gemeinde- beziehungsweise kreiskommunalen Planungsgremien zur Beratung der Gemeinde- beziehungsweise Kreisräte und Verwaltungen.

Auf Landesebene gibt es in Baden-Württemberg seit vielen Jahren den Landesarbeitskreis Psychiatrie als beratendes Gremium des Sozialministeriums. Auch hier wirken die drei nichtprofessionellen Gruppierungen - Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Bürgerhelfer - mit.

Weiterentwicklung in der Psychiatrie
Der Nutzen ist doppelt: Zum einen ist man umfassender und aktueller über die Weiterentwicklung in der Psychiatrie informiert, zum anderen ist es von Bedeutung, den eigenen Blickwinkel einbringen zu können, um ins Gespräche mit anderen Vertretern von Einrichtungen und Verwaltungen zu kommen, im Gespräch zu bleiben, Kontakte zu knüpfen und wissen, wo der Andere steht. So war es u.a. möglich, einen guten Zeitpunkt zu nutzen und landesweit die Einrichtung von Beschwerdeinstanzen für psychisch erkrankte Menschen anzustoßen, anzuregen und die "Konzeption für Patientenfürsprecher als Interessenvertretung psychisch erkrankter Menschen" mitzugestalten, die 1994 vom Landesarbeitskreis verabschiedet wurde.

Wichtig ist uns selbstverständlich darüber hinaus die Mitarbeit in Fachausschüssen und -gremien vor Ort.

Lobbyarbeit
Zu den grundlegenden Formen der Lobbyarbeit gehört die Mitarbeit in einem Verein oder Verband. Sich so zu organisieren ist in Deutschland eine unerlässliche Voraussetzung, um bei bestimmten Anliegen als Gesprächs- und Verhandlungspartner akzeptiert beziehungsweise ernst genommen zu werden. Der formale Zusammenschluss zu einem Verein oder Verband erleichtert und vergrößert aber auch den Aktionsraum für die jeweiligen Anliegen. Man hat eine Organisation im Hintergrund, die Argumente gehen über eine Einzelmeinung hinaus, werden "offizieller" und öffentlicher. Und last but not least: ein als gemeinnützig anerkannter Verein verschafft finanzielle Spielräume, weil er Mittel einwerben und für Geld- und Sachspenden entsprechende Bescheinigungen ausstellen kann.

Erfahrungsaustausch
Im Zeichen des weiteren Zusammenrückens in Europa ist es sehr inspirierend, ja direkt spannend zu erfahren, wie und was in anderen europäischen Ländern vorhanden ist und im Bereich der Psychiatrie und des bürgerschaftlichen Engagements an guten Ideen für psychisch erkrankte Menschen verwirklicht wird. Hier ist ein höchst anregender Erfahrungsaustausch und eine gute Begegnung möglich - durch die Mitarbeit in einem europäischen Verband, z. B. der Mental Health Europe - Santé Mentale Europe (www.mhe-sme.org/mhe-sme) oder durch die Teilnahme an Tagungen.

Es ist ein reiches und vielfältiges Betätigungsfeld bürgerschaftlichen Engagements, auf das einzulassen sich lohnt. Eigene, bisher nicht erkannte oder zum Tragen gekommene Fähigkeiten können entdeckt werden, Fortbildungsmöglichkeiten stützen das Engagement.

Sich als Bürger in die Diskussionen um personenorientierte Versorgung psychisch erkrankter Mitbürger einzubringen hat eine positive Wirkung. Die Expertenstimme der bürgerschaftlich Engagierten wird von Professionellen und Politikern als belebendes und förderliches Element geschätzt. Die breit geführte Diskussion dazu belegt dies. Als unabhängiges und kritisches Element ist unser Engagement für eine lebendige und verantwortungsbewusste Gesellschaft unverzichtbar. Die noch notwendigen weiteren Reformschritte der Psychiatrie sind ohne die Einbeziehung von engagierten Bürgern nicht denkbar. Gemeindeintegration fängt nun mal in der Gemeinde, bei den Bürgern an.

Unser Wunsch: möglichst Viele sollten sich sozialpsychiatrisch und politisch engagieren, denn "gemeinsam sind wir stark".

Dr. Inge Schöck, Stuttgart

Dr. Inge Schöck

Nach oben

Suche