"Raus aus dem Ghetto - rein ins Leben!" Ein Tagungsbericht

In der neuen Ausgabe der 'Sozialen Psychiatrie' rekapituliert Martin Osinski in seinem Artikel die DGSP-Jahrestagung, welche im November 2009 in Hamburg/Eimsbüttel stattfand.




Was die Entdeckung des Sozialraums betrifft, ist die Jugendhilfe der Psychiatrie um einige Jahre voraus. Die DGSP-Jahrestagung 2009 trug dazu bei, den Rückstand zu verkürzen.

Von Martin Osinski

Mag sich noch jemand an den November 2009 erinnern? Viel Wasser ist zwischenzeitlich die Elbe hinabgeflossen. Weihnachten überstanden, von nullneun nach zwanzigzehn silvestert, schon werden die Tage wieder länger. Gut so – trotzdem sei ein Blick zurück gestattet, in den Sozialraum der DGSP-Jahrestagung 2009.
„Raus aus dem Ghetto – rein ins Leben!“ Von diesem fetzigen Imperativ hatten sich fast vierhundert Menschen nach Hamburg-Eimsbüttel locken lassen. Das Publikum hatte einmal mehr die DGSP-typische mehrdimensionale Mischung, multiprofessionell breit aufgestellt, die bundesdeutsche Alterspyramide abbildend und so ziemlich alle Bundesländer repräsentierend.

Ankommen, Willkommen

Das Hamburg-Haus ist ein Stadtteilzentrum der angenehmeren Art, mit weitläufigem Foyer, zwei Cafés, einer Bibliothek und vor allem einem großen Saal mit Bühne und zwei Türen, der für drei Tage das Herz der Tagung bilden sollte. Nicht schlimm, dass der Saal fensterlos ist, der Hamburger Novemberhimmel war ohnehin wenig attraktiv. Die Belüftungsanlage hatte allerdings manchmal Mühe, dem geistig intensiv arbeitenden Plenum ausreichend Sauerstoff zuzufächeln. Passend zum Thema demonstrierte Eimsbüttel dem Kongress sozialräumliches Leben. Mütter mit Kinderwagen auf dem Weg zur Stillgruppe bahnten sich ihren Weg durch das Tagungspublikum, Kinder schlängelten sich durch zur Bibliothek, Menschen ohne festen Wohnsitz wärmten sich neben dem Büchertisch auf.
Für die Vorbereitungsgruppe begrüßt Wolfgang Kiel, Vorstand des DGSP-Landesverbandes Hamburg, gut gelaunt das Publikum. Vierundzwanzig Jahre sei es her, dass die DGSP eine Jahrestagung in Hamburg hatte. Die Vorbereitungsgruppe sei damals praktisch die gleiche gewesen wie zur aktuellen Tagung – vielleicht sollte man zur nächsten Tagung einen Generationswechsel vornehmen, schlägt er vor, so in zwanzig Jahren vielleicht ... Vom DGSP-Bundesvorstand grüßt Friedrich Walburg, der die (selbst-) kritische These der Tagung vorstellt: Die Reformen der vergangenen Jahrzehnte hätten oft nicht in die Gemeinde, sondern nur in die Psychiatriegemeinde integriert. Einmal mehr legt die DGSP den Finger auf die Wunde, die Tagungsgemeinde richtet sich auf bevorstehende Verstörungen ein.
Das Bezirksamt Eimsbüttel ist Mitveranstalter der Tagung; zur Begrüßung kommt Jürgen Mantell, seit fast zwölf Jahren Bezirksamtsleiter. Sozialraumorientierung hat hier Tradition, seit zehn Jahren gibt es ein eigenes Fachamt Sozialraummanagement, das die soziale Infrastruktur des Bezirks plant und steuert. Mantell bedauert, dass die Tagung im Vorfeld so wenig Presseresonanz erzeugt habe; ein kleiner Skandal, zur rechten Zeit und passend zum Thema, hätte mehr Aufmerksamkeit erzeugt. Er wirkt aber nicht unzufrieden über den Mangel an Skandalträchtigem. Nun begrüßt uns noch die grüne Senatorin für Stadtentwicklung und Umwelt Anja Hajduck. Auch sie ist bestens vorbereitet und präsentiert stolz eine Reihe von Inklusionsaktivitäten des Stadtstaates, z.B. eine gemeinsame Veranstaltung von Irre Menschlich e.V. und der Senatsverwaltung unter der Überschrift „Jede Seele braucht eine Wohnung“.
Umfassend und warmherzig begrüßt, kann der Kongress nun mit halbstündiger Verspätung die Arbeit aufnehmen. Charlotte Köttgen moderiert und fühlt sich dabei auf der exklusiven, weitgehend leeren Bühne des Saales etwas desintegriert.

Älter, bunter, ärmer

Der erste Referent, Tobias Behrens, Geschäftsführer der Stattbau Hamburg gGmbH, beschreibt die Ausmaße der Hamburger Wohnungsnot. Es gibt praktisch keinen Leerstand, die Mieten steigen schneller als die übrigen Preise. Behrens zeigt, dass aktuell in Hamburg zwei- bis dreitausend Wohnungen fehlen. Die Stadt verzeichnet leichten Bevölkerungszuwachs durch Zuwanderung junger Haushalte. Im Übrigen greift aber die Dynamik des demografischen Wandels – die Wohnungssuchenden werden immer „älter, bunter und ärmer“. Das Hamburger Konzept setzt auf die Vernetzung relevanter Organisationen. Dazu zählen unter anderen der Arbeitskreis Hamburger Wohnungsunternehmen, die Stadtentwicklungsgesellschaft Stattbau, eine AG Reha und die Antistigmainitiative Irre Menschlich e.V. Seit der Auftaktveranstaltung im Sommer 2008 gibt es bereits einige Ergebnisse. Mit öffentlichen Mitteln wurden Belegungsbindungen für einhundert Wohneinheiten gekauft. Spannend ist auch die Idee einer gemeinnützigen Genossenschaft – »Sozial vermieten« –, die gezielt besonderen Wohnraum schaffen oder als Zwischenmieter auftreten soll.

Raum, Zeit, Nichtstun

Nach dem Ausflug in die Wohnungswirtschaft kommen zwei Sozialwissenschaftler. Frank Früchtel und Wolfgang Budde bilden ein munteres Referentengespann, das später bei allen Tagungsgesprächen zu „BuddeFrüchtel“ legiert wird. Der Sozialraum habe mehr als drei Dimensionen, so ihr Thema. Neunzig raumfüllende Minuten hat man ihnen dafür zugebilligt, von denen sie genüsslich Besitz ergreifen: „Wir überziehen immer!“ Was sich zum Glück als leere Drohung erweist. Es folgt ein abwechslungsreicher Ritt durch die Praxis offener und geschlossener Sozialräume. Besonders eingeprägt hat sich der Spruch vom „gekonnten Nichtstun“ – wenn Sie so wollen, die Sozialraumvariante der altbekannten „Pflege mit den Händen in der Tasche“. Das Duo referiert so virtuos und flott, dass am Ende zwanzig Minuten abgekürzt sind, ohne dass ich etwas vermisst hätte. Das Publikum dankt für das Zeitgeschenk und stürzt sich in die Kaffeepause.

TUWAS

Die TUWAS-Aktion hat inzwischen einen festen Platz auf den Jahrestagungen (und sie entfaltet Wirkung – doch dazu später). Zunächst erklärt unser PR-Team – Monika Bachmeier und Stephan Debus – die Spielregeln: Formuliere deine TUWAS-Idee, so konkret wie möglich, umsetzbar sollte sie sein und mit dem Tagungsthema zu tun haben; bringe sie zu Papier und an die Pinnwand und setze sie dem kritischen Urteil des Fachpublikums aus ...

Déjà-vu

Dann geht der erste Tagungshalbtag in die Schlussrunde. Dorothea Buck und Klaus Dörner sind gekommen, der Psychiatriegemeinde einmal mehr die Meinung zu sagen. Das ist gut so, zumal auf einer Tagung in ihrer beider Heimatstadt. Frau Buck, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, Ehrenvorsitzende und „Jeanne d’Arc des BPE“ (Zitat Charlotte Köttgen), spricht im Rollstuhl sitzend über ihre Erfahrungen mit zwanzig Jahren Trialog, hebt die Ermutigung der EX-IN-Bewegung hervor, fordert die DGSP heraus („… hat die Aufgabe, jetzt mal einen Umbruch zu machen!“) und wirbt für eine Unterschriftensammlung gegen die Verantwortungslosigkeit des globalen Kapitals. Spätestens als das Publikum sich zu Standing Ovations erhebt, erinnern sich einige an die DGSP-Jahrestagung München 2007, als die 98-jährige Alice Ricciardi-von Platen uns berührte ...
Klaus Dörner greift die Stimmung auf – er sei gerührt, weil er noch einmal in seinem Leben neben Dorothea Buck sprechen könne. Hoffen wir für uns und die beiden, dass er das noch öfter erleben darf. Dörner lässt uns an den Erkenntnissen aus „1500 Feldforschungsreisen in meinen zehn Rentnerjahren“ teilhaben und ist uns einmal mehr das schlechte Gewissen: „Während bei uns in der Psychiatrie – mangels Sozial- und Bürgerbeteiligung – die Zahl der Heimplätze weiter steigt, ist im Altenpflegebereich die Heimquote, also die Prozentzahl der Heimaufnahmen, schon nach schlappen dreißig Jahren von 25 auf 19 Prozent gesunken.“ Und die UN-Behindertenrechtskonvention nehme uns die letzten Ausreden ...
Rund 70 DGSPlerinnen zollen anschließend dem Vereinsrecht Tribut. Mitgliederversammlung muss sein, auch wenn kein Vorstand zu wählen und keine Satzung zu ändern ist. Vorstand und Geschäftsstelle berichten über ein arbeitsreiches Geschäftsjahr und ernten den verdienten Dank. Mangels dissenswürdiger Themen kommen wir zügig durch die Tagesordnung und erreichen das Ende eines langen Tages.

Prima Klima

Gute Atmosphäre, gelöste Stimmung – das sind sehr wohltuende Merkmale dieser Tagung. Herzlichen Dank an die Vorbereitungsgruppe spricht schon die Mitgliederversammlung aus, und auch der Schlussapplaus des Tagungspublikums am Sonnabendmittag ist überzeugend. Dem Vernehmen nach war im Vorfeld engagiert und ausgiebig um Inhalt und Form der Tagung diskutiert worden. Das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand – Stadt und Land, die DGSP-Landesverbände Schleswig-Holstein und Hamburg, nicht zuletzt Protagonisten aus Jugendhilfe und Psychiatrie haben sich erfolgreich zusammengerauft. Unter sozialräumlichen Gesichtspunkten ist das Hamburg-Haus ein Glücksgriff der Veranstalter.
Das Foyer lädt zu Begegnungen und Beobachtungen ein, die Wege sind kurz. Das Cateringteam um Frau Kleist von den Winterhuder Werkstätten macht einen fantastischen Job. Essen und Trinken wird in bester Qualität, in praktisch unbegrenzter Menge und scheinbar überall in den Pausenräumen angeboten. Getränke heute frei, sozusagen – doch dazu später. Das Winterhude-Personal ist freundlich und souverän, was die beste Stressprophylaxe zu sein scheint.
Gute Laune verbreiten auch die Schauspieler des Improvisationstheaters „Crazy Artists“, die die traditionelle Freitagabend-Tagungsfestveranstaltung einleiten. Der DJ hat Musik für fast jeden Geschmack, auch Platz zum Tanzen ist reichlich da. Leider gehen frühzeitig die Getränke aus und pünktlich um Mitternacht die Lichter an. Ersteres liegt am schon bedenklich zu nennenden Alkoholverbrauch des sozialpsychiatrischen Fachpersonals, auf den hier niemand gefasst war. Letzteres wird einem Kleinkind in die Schuhe geschoben, das angeblich ein Stockwerk höher nicht schlafen kann. Wie auch immer, es war ein rauschendes Fest, bis es vorbei war.

(Zu) viel des Guten

Wollen wir uns (Sie mir, vor allem) die Nacherzählung der Vorträge erlassen? Die meisten sind in diesem Heft nachzulesen. Es hätten zwei weniger sein dürfen, das Programm war arg gedrängt. Aber ich hätte nicht entscheiden mögen, auf wen oder was zu verzichten gewesen wäre. Michael Löher vom #Deutschen Verein« und Klaus Lachwitz von der Bundesvereinigung Lebenshilfe sind Vollprofis, sowohl inhaltlich als auch im Vortrag, nicht zu erschüttern durch gewollt provokante Fragen des Publikums. Holger Requart, Leiter des Jugendamtes Eimsbüttel, steht für den Anspruch der Veranstalter, die Brücke von der Psychiatrie zur Jugendhilfe zu schlagen. Doortje Kal präsentiert „Kwartiermaken“, was durch das Tagungsthema unmittelbar legitimiert ist. Ich hatte mit Sprachbarrieren zu kämpfen, obwohl die Niederländerin und der Amtsleiter deutsch sprachen.

„Getränke heute frei!“

Umso vertrauter war mir dann wieder Bernd Meißnest mit einem putzmunteren Streifzug durch das postdörnersche Gütersloh. Nach den spektakulären Auflösungserfolgen der Neunzigerjahre hat er es jetzt mit den Mühen der (gerontopsychiatrischen) Ebene zu tun, trägt Verantwortung nicht nur als Chefarzt, sondern auch als kommissarischer Klinikleiter und ehrenamtlicher Vereinsvorstand des Daheim e.V. Unermüdlich und humorvoll trotzt er den Widrigkeiten des entfesselten Marktes. Während Daheim e.V. nach Klaus Dörner „leben und sterben, wo ich hingehöre“ kultiviert, bauen private Investoren 120 Altenheimplätze an den Gütersloher Stadtrand und vertrauen auf die Macht des Faktischen. Sozialplanung war gestern – ist doch egal, wo die Heimbewohner herkommen …
Was „Getränke heute frei!“ bedeutet? Ganz einfach, der schlichte Hinweis am Getränkebüfett hat extrem hohen Aufforderungscharakter, gerade für sparsame Menschen höheren Alters, die immer zu wenig trinken. Die Demenz tut dann ein Übriges, der einladende Satz wirkt immer wieder neu …

»Kiosk am Kanal«

Ein geglücktes Projekt – und dazu noch in einem professionellen Video gekonnt präsentiert – stellt der »Kiosk am Kanal« dar. Während in Gütersloh Heime gebaut werden, die kein Mensch braucht, brutzelt besagter Kiosk am Hamburger Osterbekkanal die Bulette to go für geschäftige Menschen aus den umliegenden Büros. »Kiosk am Kanal« ist ein Arbeitsprojekt des Stiftungsbereichs Sozialpsychiatrie des Rauhen Hauses. Seit Juni 2007 leisten hier fünfzehn Menschen Arbeit mit Assistenz, die dem Sozialraum nützt. Was will man mehr?

Gekonnt nichts tun

Gekonntes Nichtstun steht, nach BuddeFrüchtel, für die elegante sozialräumliche Alternative zum herkömmlichen Personen-Zentrieren. Gekonnt nichts tun ist selbstverständlich etwas völlig anderes als überhaupt nichts tun. Deshalb hat TUWAS nach wie vor seine Berechtigung. Die TUWAS-Aktion 2009 gebar achtunddreißig neue Ideen, die demnächst auf www.psychiatrie.de/dgsp zu begutachten sein werden.
Vorerst interessanter ist aber das Schicksal des letzten TUWAS-Preisträgers. Sie erinnern sich, es war Anno 2008 in Leipzig, als Thomas Meinhart leichtfertig propagierte, wir sollten mal für einen Tag mit unseren Patienten/Besuchern/Heimbewohnern die Rolle tauschen. Die Idee war verführerisch, Thomas trug den TUWAS-Preis davon – und fortan die schwere Bürde, mit gutem Beispiel vorangehen zu müssen.
Im Oktober 2009 war es schließlich so weit, seine Idee wurde in die Tat umgesetzt. Für eine Arbeitswoche räumten die Besucher der psychiatrischen Tagesstätte Neuhausen (München) ihre tagessatzfinanzierten teilstationären Plätze zugunsten der Mitarbeiter, die ihnen sonst immer den Tag zu strukturieren pflegen. Trotz heftiger Bauchschmerzen („Was ist, wenn die nicht wieder zurückwollen?“) nahmen bis hin zur Geschäftsführerin alle ihr Schicksal auf sich.
Die ganze Aktion war anschließend in Interviews ausgewertet worden, die per Video dokumentiert wurden. Der Film, in professioneller Bild- und Tonqualität, gehörte zu den Höhepunkten der Hamburger Tagung. Der Saal jubelte ob der Er- und Bekenntnisse der Protagonisten. Probleme mit dem „gekonnten Nichtstun“ schienen auf beiden Seiten zu bestehen: Die einen sahen sich durch die Rollentausch-Dramaturgie unversehens zu zwei Stunden ununterbrochenen Büroaufenthalts verurteilt – aus dem Munde eines erfahrenen Tagesstättengastes klingt das fast wie Höchststrafe. Die entmachteten Profis genossen die befristete Freiheit, auch mal den distanzlosen Maniker geben zu dürfen, haderten andererseits mit der Aussicht auf endlose Runden »Mensch ärgere dich nicht«.

Sozial Raum Zeit

Auch die trialogische Tagungsbeobachtungscrew um Thomas Bock hat Gefallen an BuddeFrüchtels Sozialraumvisionen gefunden. „Gelegenheiten provozieren“, „gekonnt nichts tun“, das scheint hochattraktiv als Lebens- oder Arbeitsmodell zu sein. Sozialraum wurde denn auch so interpretiert, dass es gut sei, für andere Menschen da zu sein. Das liefere sogar prima Entschuldigungen fürs Zu-spät-Kommen – „Sorry, ich war noch im Café, kommunizieren“. Thomas Bock stellte fest, dass wer im Sozialraum tätig werde, zwangsläufig politisch tätig werde. Es sei eine völlig neue Sicht erforderlich, da könne Psychiatrie von Jugend- und Altenhilfe lernen. Vieles sei vorstellbar, bis hin zur Umwandlung psychiatrischer Kliniken in „Goethe-Institute für Verschiedenheit“. Es war halt eine visionäre Tagung …
Nach dem Kongress ist vor dem Kongress. Die DGSP wird dieses Jahr 40 – die Tagung zum runden Geburtstag findet in Frankfurt am Main statt, in der hessischen Landessportschule. Das passt und hält jung – Psychiatrie in Bewegung! Wir sehen uns!?