Europa wächst zusammen

Einführung zur Online-Bibliothek
von Dr. Christa Widmaier-Berthold und Christian Zechert

Europa wächst zusammen – und damit nach und nach auch die europäischen sozial- und gesundheitspolitischen Systeme, obwohl diese weiterhin sehr verschieden sind und ein umfassender politischer Auftrag der europäischen Nachbarstaaten für ein angeglichenes europäisches Sozial- und Gesundheitssystem nicht existiert. Dass die Gesundheitssysteme dennoch nach und nach zusammenwachsen und hier und da voneinander lernen, liegt in erster Linie daran, dass viele der Menschen, die in ihnen arbeiten, neugierig darauf sind, wie z. B. die psychiatrische Versorgung in Frankreich, in England, in Italien, in Polen oder in einem der anderen 27 europäischen Mitgliedsstaaten organisiert ist. In unsere Wahrnehmung rücken damit auch ohne offizielle EU-Politik die unterschiedlichen Systeme und Strategien in der Versorgung psychisch kranker Menschen langsam zusammen.

Die europäische psychiatrische Dachorganisation Mental Health Europe (mhe-sme.org) setzt sich seit vielen Jahren und mit wachsendem Erfolg mit zahlreichen Projekten und Kampagnen dafür ein, den europäischen Gedanken in der Versorgung der 27 Staaten sicherzustellen. Von deutscher Seite haben die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e. V. (DGSP) ebenso wie der Dachverband Gemeindepsychiatrie (psychiatrie.de/dachverband) sich seit vielen Jahren zur Aufgabe gemacht, den enger werdenden fachlichen Austausch in Europa zu unterstützen. Zu diesen Initiativen gehört diese insbesondere von der DGSP initiierte Online-Publikation europäischer Texte.

Der Austausch mit den Nachbarländern
hat bereits eine Geschichte von Jahrzehnten. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs setzte er vor über 40 Jahren gegenüber England, Italien und den Niederlanden ein. 1990 gründete sich nach vielen Jahren bereits bestehender Kontakte die Deutsch-Polnische Gesellschaft für Seelische Gesundheit e. V., im Jahr 2000 bildete sich eine französisch-deutsche Arbeitsgruppe. Zahlreiche systematische Kontakte von eigens gegründeten bilateralen Vereinigungen zu Ländern wie Niederlande, Rumänien, zur Türkei und anderen Staaten zeigen, dass ein anhaltendes Interesse an einem gegenseitigen europäischen Austausch besteht.

Die inzwischen über zwanzigjährigen polnisch-deutschen Beziehungen belegen, dass noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs begonnen wurde, die von Deutschen an der polnischen Bevölkerung begangenen Verbrechen in psychiatrischen Kliniken Polens gemeinsam aufzuarbeiten. Daraus entstand eine bis heute lebendige Kultur des ständigen Austauschs zwischen beiden Ländern.
Deutschland bezog ebenfalls viele Impulse von der De-Institutionalisierung der Kliniken Englands und Italiens in den 1970er und 1980er Jahren, aber auch von der französischen Sektorpsychiatrie. So engagiert sich z. B. die französisch-deutsche Arbeitsgruppe »Psychiatrie-seelische Gesundheit« (Widmaier-Berthold, 2002) für den Aufbau eines Netzwerks von Fachleuten und Angehörigen mit regelmäßigen Treffen. Diese Zusammenarbeit wurde von der Robert Bosch Stiftung und von der DGSP unterstützt. Der Austausch geschah und geschieht über Besuche, Arbeitsgruppen, Tagungen, Fachliteratur und Hospitationen.

Die Kontakte der Fachleute sowie der europäischen Angehörigen (eufami.org) und Psychiatrie-Erfahrenen (enusp.org) haben zum Ziel, die Partner in den anderen Ländern kennen zu lernen und die verschiedenen Versorgungssysteme zu vergleichen und zu verstehen: mit ihren Schwerpunkten, Traditionen, Haltungen, um Fremdes und Vergleichbares zu entdecken, vertraute und nicht vertraute Konzepte, auch best practice Beispiele, ob in der Prävention, Therapie, Rehabilitation, Medizin, Pflege, Sozialarbeit und Selbsthilfe. Dabei geschieht es immer wieder, dass sich überraschend manches, was in den europäischen Staaten als nationales Thema erscheinen mag, wie die Debatte um Inklusion und Exklusion, als eine schon länger existierende europäische Debatte erweist (Görres/Zechert, 2010).

Diese grenzüberschreitenden Kontakte und Begegnungen gewinnen an Stabilität, es bilden sich Gruppen von Menschen, die sich gerne treffen, die sich als ein selbst entwickelter, neuer Bezugsrahmen sehen. Es kristallisieren sich thematische Schwerpunkte heraus, die als lohnend oder bereichernd erfahren werden. Dabei spielen auch Texte eine wichtige Rolle, solche, auf die man zurückgreift, weil sie sich für die gegenseitige Verständigung eignen und weil sie beiden Seiten etwas sagen.

Unser Anliegen
ist es, in dieser Online-Broschüre für die europäische Verständigung interessante Texte zu-sammen zu stellen, die sich mit Sozial- und Gemeindepsychiatrie und ihren verschiedenen Schwerpunkten in Europa und seinen Mitgliedsländern beschäftigen.

Die Themen:

  • Gemeindepsychiatrie und ihre Arbeitsfelder und Schwerpunkte, 
  • Prävention, Therapie, Rehabilitation, Medizin, Pflege, Sozialarbeit
  • Selbsthilfe-Aktivitäten
  • Selbstorganisation der Psychiatrie-Erfahrenen und der Angehörigen
  • Im Europäischen Jahr der BürgerInnen 2013 »on Active Ageing and Intergenerational Solidarity« soll das Thema »Gerontopsychiatrie« im Vordergrund stehen!

Diese Texte sollen einem möglichst breiten Kreis von Nutzern und Fachleuten zugänglich gemacht werden.

Bei den Texten soll es sich um interessante Konzepte und best-practice-Beispiele der Nachbarn handeln, um Bestandsaufnahmen, programmatische Texte, Tagungsberichte, Vorträge, Erfahrungsberichte. Die Texte werden in ihrer Originalsprache veröffentlicht: in Französisch, Englisch, Deutsch, einige auch in zweisprachigen Versionen.

Die Form einer Online-Publikation
wurde gewählt, um:

  • kontinuierlich aktuelle Texte aufnehmen zu können
  • immer wieder Nutzer und Fachleute einladen zu können, weitere Texte bereitzustellen,
  • den Sammelband im Themenspektrum und im Aufbau immer wieder verändern zu können
  • um allen einen leichten Zugang zu den Texten zu ermöglichen

Zunächst wurde für den Start der Schwerpunkt auf das Thema »Rehabilitation« gelegt, weil er einen großen Entwicklungsbedarf darstellt, und weil in einigen Nachbarländern dazu wichtige und kontroverse Diskussionen stattfinden. »Rehabilitation« kann uns als Nachbarn besonders verbinden: wir setzen uns gleichzeitig und an verschiedenen Orten für Rehabilitation auch im Sinn der sozialpolitischen und gesundheitspolitischen Rehabilitierung ein, weil die Diskriminierung von Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen ein europäisches Problem ist. Zugleich erkannten wir, dass auch andere psychiatrische Schwerpunkthemen in den europäischen Überblick gehören und aufgenommen werden sollten.

Unterschiede und Zusammenwachsen
Noch unterscheiden sich die Strukturen und Begriffe der psychiatrischen Versorgung von Land zu Land sehr stark. Das Beispiel Frankreich: Was in Deutschland mit »ambulanter Arbeit« oder mit einem »ambulanten Dienst« in der gemeindepsychiatrischen Versorgung bezeichnet wird, ist in Frankreich so gar nicht greifbar – dort ist die ambulante Arbeit selbstverständlicher Teil eines integriert tätigen ambulant-teilstationär-stationär arbeitenden Sektorteams. Wenn dort im Alltag überhaupt Unterscheidungen gemacht werden, dann nach »intra« und »extra«, d. h. etwas findet im klinischen oder im außerklinischen Rahmen wie  z. B. in einer Tagesklinik statt. Wir sind es auch gewohnt, die psychiatrische Rehabilitation in die medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation aufzugliedern, in Frankreich wird unsere gesamte Diskussion als eine um psychosoziale Rehabilitation, um »réhabilitation psychosociale« verstanden – da das, was es in Frankreich an Rehabilitation gibt, nicht in der medizinisch und psychotherapeutisch geprägten Sektorpsychiatrie aufgebaut wird, sondern als einen eigenen Schwerpunkt neben ihr, im »psychosozialen« Bereich. Interessant ist aber, dass trotz der großen strukturellen Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland die Rehabilitation auf beiden Seiten einen eigenen Bereich – hier und dort steht die Rehabilitation neben der Regelversorgung – darstellt und der konzeptionelle Kern der Rehabilitation große Übereinstimmungen aufweist.

Ein ähnliches Bild mag sich in manchen anderen europäischen Ländern zeigen – oder auch ein gegenteiliges Bild, wenn die psychiatrische Rehabilitation in die gemeindepsychiatrische Basisversorgung integriert ist, infolgedessen keinen eigenen Bereich darstellt und dann möglicherweise in ihrem Konzept weniger greifbar ist.

Die verschiedenen Ausgestaltungen der Rehabilitation verstehen zu lernen, und das unterschiedliche Maß an erreichbarer Unterstützung und Lebensqualität für die betroffenen Menschen kennen zu lernen, erscheint uns sehr wichtig. Welche Kräfte setzen sich in einem Land für die psychiatrische Rehabilitation und ihre Weiterentwicklung ein? Was wird gegenwärtig wo diskutiert? In Deutschland sind es in erster Linie die Verbände der freien Wohlfahrtspflege, die verschiedenen Einrichtungen der Rehabilitation selbst wie die Rehabilitationseinrichtungen für psychisch kranke Menschen, kurz RPK und deren Fachleute sowie die Zusammenschlüsse der verschiedenen Arbeitsbereiche auf der Bundesebene (die Bundesarbeitsgemeinschaft RPK). In Ländern, in denen Einrichtungen in freier Trägerschaft weniger im Vordergrund stehen, können es auch der Staat oder Betroffenen- und Angehörigenverbände wie in Frankreich sein. In Frankreich steht die landesweite Rehabilitations-Initiative (wenige Kliniken, viele Trägervereine, die von Angehörigen und Nutzern gegründet wurden, sowie die nationalen Nutzerverbände) gegenwärtig in einer heftigen Kontroverse um neue Rehabilitationsansätze mit den Vertretern der Sektorpsychiatrie. In Deutschland werden interessante neue Ansätze zur Weiterentwicklung der Rehabilitation gegenwärtig in Fachgesellschaften und Arbeitsgruppen diskutiert. Notwendig wären eine Öffnung in die breite Fachdiskussion, und tatkräftige Bemühungen der Leistungsträger und Leistungserbringer, die psychiatrische Rehabilitation nicht vorwiegend im stationären und teilstationären Bereich weiter auszubauen, sondern sie den Betroffenen zunehmend als ambulante Rehabilitation und als Teil des Gemeindepsychiatrischen Verbunds zugänglich zu machen.

Zu vermitteln, dass - wie bei der Rehabilitation – in jedem Land die Arbeitsfelder, die Hilfeformen, äußeren Strukturen, Aktivitäten, Konzepte oft sehr unterschiedlich entwickelt oder definiert sein können, und dass sich dabei die Suche nach und Verständigung über die gemeinsamen Ziele und Werte lohnt, das ist Teil des Vorhabens.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Christa Widmaier-Berthold und Christian Zechert

Kontakt:

Christian Zechert                               Christa Widmaier-Berthold
Maraweg 17-21                                  Dehmelweg 3
33617 Bielefeld                                  70619 Stuttgart
Epilepsie-Zentrum Bethel                   Tel.: 0711 - 2 53 85 58
Tel.: 0521 - 77 27 88 48                     und 0173 - 3 03 58 05                                christian.zechert@evkb.de                 mcberthold@t-online.de 

In unserem Downloadbereich finden Sie einige Texte zu diesem Thema für Sie bereitgestellt.


Downloadbereich

[Zum Lesen und Herunterladen von PDF Dateien benötigen Sie das Programm Adobe Reader. Der Download und die Nutzung ist für Sie kostenlosLink]

Downloads:

Suche

Derzeit befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Aufbau der Online-Bibliothek

Hier finden Sie den vorläufigen Aufbau bzw. das Inhaltsverzeichnis der Online-Bibliothek »Europa! - Texte zur europäischen Sozial- und Gemeindepsychiatrie«.
[zur PDF]

Online-Bibliothek Europa! - Beteiligung erwünscht!

Ein Aufruf an alle europäischen MitbürgerInnen sich mit Texten an der Online-Bibliothek zu beteiligen. [lesen Sie mehr]

Mental Health Europe

Erfahren Sie mehr über Mental Health Europe auf der organisationseigenen Website [Link]. Finden Sie hier auch den monatlichen Newsletter der Organisation [Link].