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Ein wenig scheinen sie ein Tabuthema zu sein: Psychosen, die von religiösen Vorstellungen geprägt sind. In der Fachliteratur werden zwar die entsprechenden Fälle geschildert, aber eine Auseinandersetzung mit den möglichen Hintergründen, dem Entstehen der Störung, dem Denken und Fühlen der Patienten findet so gut wie gar nicht statt, obwohl diese Erscheinungen recht häufig sind. Eine Ausnahme bei der Auseinandersetzung mit dieser Problematik bildet Pastor Dr. Ronald Mundhenk, Seelsorger in der Klinik Heiligenhafen der psychatrium GRUPPE.
Der Theologe beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik. Er begleitete und befragte unzählige Patienten mit schizoiden Störungen dieser Art. Er hat darüber Bücher veröffentlicht und stellte jetzt in der Lübecker Brücke im Rahmen eines Vortrages mit Diskussion neuere Erkenntnisse dazu vor.
Fallbeispiel
Am Anfang des Abends standen Fallbeispiele. Da wurde etwa ein junger Mann beschrieben, der mit 19 Jahren zum ersten Mal eine Psychose erleidet. Dabei spricht er von Konflikten mit Gottesvorstellungen und versucht zu beweisen, dass kein Gott existiert. Nach einem Klinikaufenthalt beginnt der junge Mann sehr erfolgreich ein technisches Studium. Dann brechen wieder schizoide Störungen auf. Diesmal hält er sich für verschiedene Reinkarnationen, die von ägyptischen Pharaonen bis zu Adam und Eva reichen. Nach der Stabilisierung in einem Krankenhaus führt er sein Studium fort, bekommt einen gut dotierten Posten in der Industrie und arbeitet an seiner Promotion. Doch unter dem Eindruck der Tsunami-Katastrophe am 26. Dezember 2004 bricht seine Psychose wieder auf. Jetzt meint er, der Retter der Welt zu sein und die Macht des Geldes brechen zu müssen. Gott, so glaubt er, nimmt Besitz von ihm – er wähnt sich als Gott. Höchste Glücksgefühle erfüllen ihn.
Er gerät in Ekstase. Die Zwangseinweisung in die Psychiatrie ist die Folge. Medikamentöse und andere Therapien bringen den Patienten wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ähnlich laufen auch die Schilderungen weiterer Patientengeschichten ab: Gott dringt körperlich in den Betroffenen ein, dann wieder der Teufel, so das Empfinden der Patienten. Immer wieder wird der Wunsch, ein gläubiges Leben zu führen, artikuliert und gleichzeitig auch die Angst geschildert, die großen Ziele, die ihnen scheinbar auferlegt wurden, nicht erfüllen zu können und zu versagen. Extreme Verhaltensweisen sind die Folge. Zum Beispiel steigt ein Betroffener auf ein Dach, um von dort zu predigen, und gefährdet sich und andere.
Gemeinsam ist den Patienten, dass sie von extremen emotionalen Empfindungen getroffen sind. In ihnen brechen schlagartig neue Welten auf. Sie glauben, Aufträge von kosmischer Bedeutung erhalten zu haben. Wobei sich dies nach Mundhenk bei psychotischen Männern weitaus stärker und deutlicher äußert als bei Frauen.
Ein radikal neues Leben
Für die Betroffenen beginnt plötzlich ein radikal neues Leben, eine Bekehrung zum Geistigen voller Hochstimmung. Alltagsfragen werden gleichgültig, spielen keine Rolle mehr. Die Welterlösung, in der Gestalt von Gott, Jesus oder Maria, die der Patient angenommen hat, ist das Ziel. Dabei drängt die Zeit für die Erkrankten, sie ist aber immer zu kurz, um die großen Aufgaben erfüllen zu können. Angstgefühle und Suizidgedanken sind die Folge.
Das eigentliche Leiden für die Betroffenen beginnt dann oft erst mit der Einweisung in ein Krankenhaus. Aus der Euphorie werden sie mit Medikamenten herausgeholt, eingeschlossen, fixiert – zum eigenen Schutz – eine harte, schmerzhafte Landung in der Realität.
Für Pastor Mundhenk beginnt hier die schwierige Auseinandersetzung mit kranken Menschen, die sich im Grunde mit genau den Fragen beschäftigen, denen sich auch Gesunde stellen: Die Welt und sich selbst zu verstehen. Der religiöse Wahn sei die Sehnsucht nach der Klammer, die alles zusammenhält, die Frage nach dem Göttli-chen, nach der Identitätssuche. Die Psychose scheint wie ein intuitives Tasten nach der Wahrheit.
Neue Welten und Ziele
Und findet sich das, was an Aufbruch, dem Entdecken neuer Welten und Ziele bei schizoiden Menschen geschildert wurde, nicht wieder im alten und neuen Testament? Beispielsweise der Wandel von Saulus zu Paulus. Ist diese Suche und Hin-wendung zum Göttlichen nicht die Basis für religiöses Empfinden vieler gesunder Menschen, denen mit Sicherheit keine Psychose nachgesagt werden kann? Gewaltige emotionale Ausbrüche und Erlebnisse hat sicher auch so mancher Gesunde erlebt, der sich zu einem Glauben an Göttliches bekennt. „Was unterscheidet ihn also von dem Kranken?“, fragt Mundhenk.
Der Seelsorger verhehlt nicht, dass er bei dieser Frage buchstäblich ins „Schleudern“ gerät und spricht damit die irrationale Ebene des Glaubens an. Die Parallele zwischen dem Verhalten und Erleben von Psychose-Kranken und Gesunden ist kaum von der Hand zu weisen. Vielleicht ist dies auch eine Möglichkeit zu verstehen, was in Kranken vor sich geht. Lange Zeit galt in der Psychiatrie die Lehrmeinung, dass ein Gesunder die Empfindungen eines Kranken mit einem psychotischen Schub nicht nachfühlen kann. Doch dies sei durch den Vergleich zu hoch emotionalen Glaubenserlebnissen in Frage gestellt worden, meint Mundhenk.
Dennoch würden sich aber doch deutliche Unterschiede zwischen psychotischen Menschen mit religiösen Wahnvorstellungen und normalen religiös ausgerichteten Menschen finden. Mundhenk listet auf: Der Kranke ist einsam, hat keine Kontakte, ist nicht zugänglich, nicht kritikfähig, kann sein eigenes Handeln nicht reflektieren oder korrigieren, wird von Versagensängsten geplagt. Es findet keine Auseinandersetzung mit anderen Menschen statt. Er lebt in seiner eigenen abgeschirmten Welt. All dies steht im Gegensatz zum normalen Gläubigen.
Kommunikation mit dem psychisch Kranken
Erst wenn es gelingt, wieder eine Kommunikation zum psychisch Kranken herzustellen, kann nach den Ursachen und Hintergründen der Psychose geforscht werden. Verblüffend, so Mundhenk, sei für ihn dabei, dass die Kranken ihre ekstatischen und hoch emotionalen Erlebnisse keinesfalls missen oder verleugnen wollten, sondern als wichtige Erfahrungen für ihre eigene Glaubenshaltung betrachteten. Also auch nach Abklingen der Psychose wurde das Erleben während des Schubs als wichtig für das eigene Leben eingeordnet.
Dr. Mundhenk plädiert deshalb dafür, diesen Menschen in den Kliniken oder Einrichtungen Räume zu schaffen, in denen sie ihre mystischen Erlebnisse ausleben können. Meditationsstätten oder ähnliches seien notwendig, gebe es jedoch bisher kaum. Und weit schlägt der Seelsorger in diesem Zusammenhang den Bogen zu einer fernen Vergangenheit. Er verweist darauf, dass einst im Mittelalter Menschen, die nach unseren Begriffen psychisch auffällig waren, in der gesicherten und streng geregelten Welt der Klöster ein Heim fanden und geachtet waren. Dies war vermutlich einst ein Weg, der möglicherweise auch heute wieder hilfreich wäre, um ekstatischen religiösen Gefühlen einen Rahmen und Halt zu schaffen.
Im Paranus Verlag (Postfach 1264, 24502 Neumünster, Telefon 04321-2004-500, Fax 04321-2004-411) sind weiterführende Arbeiten zu der Thematik „Religion und Psychose“ erhältlich. Zum Beispiel von Ronald Mundhenk: „Sein wie Gott. Aspekte des Religiösen im schizophrenen Erleben und Denken“, 243 Seiten, 24,80 Euro. Oder die Zeitschrift „Brückenschlag“, Band 7: „Religiosität und psychische Krise. Was wissen wir vom Wechsel der Welten?“, 242 Seiten, 5 Euro. Dort kommen Betroffene zu Wort, die religiöse Inhalte psychotischen Erlebens beschreiben.
Hans-Dieter Hellmann in Der Eppendorfer 4/2005
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