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Depression

  • Reaktive und Erschöpfungsdepressionen
  • Die "wiederkehrende" depressive Störung
  • Depressionen bei schizophrenen Psychosen
  • Die alte "endogene" Depression
  • Weitere Formen von Depressionen
  • Zu den Ursachen
  • Behandlungsmöglichkeiten

Die depressive Verstimmung ist das einfühlbarste aller seelischen Leiden. Wir alle reagieren zeitweise depressiv. Wir alle sind immer wieder einmal depressiv verstimmt. Äußere Ereignisse wie Trennung oder Tod lassen uns depressiv reagieren. Aber auch banale Enttäuschungen des Alltags können uns deprimieren. Wir sind anfälliger, wenn wir in körperlich schlechter Verfassung sind oder wenn wir körperlich krank sind. Schon wenn wir unausgeschlafen sind, zeigt sich unsere Empfindlichkeit für depressive Anflüge.

Vor jeder Behandlung muss die Situation desjenigen geklärt sein, der an Depressionen leidet. Wenn sich die Verstimmung in einen situativen oder komplexen Lebenszusammenhang einordnen lässt oder wenn äußere Gründe für die Verstimmung vorliegen, ist die Situation eine andere, als wenn wir es mit einer tiefer gehenden depressiven Verstimmung zu tun haben. Sie wird nicht binnen kurzem von allein, durch Ruhe oder psychotherapeutische Bearbeitung verschwinden. Der Gedanke an eine medikamentöse Behandlung ist dann berechtigt. Die Klassifikation depressiver Störungen hat sich in den letzten Jahren wiederholt geändert. Wie zu Anfang erwähnt, stützen sich die neuen Klassifikationssysteme, z. B. DSM-IV oder ICD-10, auf Art und Ausmaß der Symptome und sind von der klassischen ursachenbezogenen Einteilung abgerückt. Für gewisse depressive Störungen ist das von Vorteil, weil sich Psychotherapie und Medikamentenbehandlung nicht gegenseitig ausschließen. Bei tiefer greifenden depressiven Störungen kann die Medikamentenbehandlung die Psychotherapie unterstützen.

Wo eine Einordnung depressiver Störungen in einen Kontext zu Teilursachen möglich ist, sind diese weiterhin hilfreich. Zum einen beeinflusst dieses Wissen das Vorgehen in der Behandlung, zum andern gibt es eine gewisse Orientierung über den Verlauf, die Betroffenen wie Behandelnden Sicherheit undeine Grundlage für Hoffnung bietet.

Reaktive und Erschöpfungsdepressionen

Weiterhin gilt, dass gesicherte reaktive depressive Verstimmungszustände als Reaktion auf Ereignisse nicht mit Psychopharmaka verschüttet werden sollen. Sie sind im Regelfall sowohl durch psychotherapeutische Maßnahmen eines Arztes wie durch stützende Zuwendung von Freunden, Verwandten, Kollegen, Vorgesetzten oder Lehrern gut abzufangen und aufzuarbeiten. Auch bei reaktiven Depressionen kann es krisenhafte Zuspitzungen oder extreme Belastungssituationen geben. Dann kann die Sicherstellung des Schlafes durch eine kleine Menge eines Tranquilizers, in Ausnahmefällen auch eine sehr kleine Menge über den Tag verteilt, helfen, die unerträglich scheinende Belastung durchzustehen. Solch ein Eingriff ist besser als die häufig empfohlene und geübte Praxis, beim Alkohol Entspannung zu suchen. Entscheidend ist, dass die medikamentöse Stütze tatsächlich eine vorübergehende (d. h. für einige Tage bis zu zwei Wochen) bleibt.

Erschöpfungsdepressionen sind tiefergehend als die reaktiven Depressionen. Sie entwickeln sich aber häufig als solche, wenn der Betroffene keine Gelegenheit zur Erholung findet. Wann immer möglich sind erste therapeutische Maßnahmen die Entfernung aus dem Konflikt- und Belastungsfeld, die Sicherstellung von ausreichend Schlaf und körperlicher Erholung. Urlaub oder Kur sind eine Möglichkeit. Häufig steht gerade diese Entscheidung Betroffenen aber nicht offen. So kann eine Mutter von zwei kleinen Kindern nicht beliebig Urlaub machen. Oder eine Arbeitsstelle, die wegen Erschöpfungsdepression nur ungenügend ausgefüllt wurde, kann verloren gehen, wenn sich an die Krankheitszeit noch eine Kur anschließt.

Die "wiederkehrende depressive Störung"

Neben der reaktiven Depression steht die "depressive Neurose" oder neuerdings "rezidivierende (= wiederkehrende) depressive Störung", "Dysthymia" und "dysthyme Störung". Die neueren Bezeichnungen bemühen sich darum, die Ursache wiederkehrender oder andauernder depressiver Stimmung geringeren bis mittleren Ausmaßes nicht vorschnell einer bestimmten Ursache, z. B. einer Neurose, zuzuordnen. Eine Neurose ist eine psychisch bedingte Gesundheitsstörung, deren Symptome unmittelbare Folge und symbolischer Ausdruck eines krank machenden seelischen Konfliktes sind. Diese Form der Depression ist im Gegensatz zur reaktiven keine vorübergehende Erscheinung. Sie ist nicht durch ein genau zu ortendes äußeres Ereignis ausgelöst. Die Depressivität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das je nach Lebenssituation stärker oder geringgradiger ausgeprägt, aber latent immer vorhanden ist. Psychotherapeutische Hilfe ist möglich, aber nicht jede depressive Persönlichkeit ist behandlungsbedürftig. Auch hier kann in Krisen eine Behandlung mit Tranquilizern besser sein als Zuflucht zum Alkohol oder beliebige Selbstmedikation. Ein Medikament in der Handtasche ist häufig fast so wirksam wie im Blut.

Die medikamentöse Behandlung ist nur als Überbrückung einer unerträglichen Phase zu betrachten. Eine Suchtgefahr ist vorhanden, zumal die depressiven Verstimmungszustände in der Regel nicht dauerhaft verschwinden. Die Behandlung mit einem niedrig dosierten Antidepressivum kann eine gute Alternative zu einem Tranquilizer sein. Gelegentlich verbirgt sich hinter einem scheinbar neurotisch-depressiven Bild die schwach ausgeprägte Phase einer endogenen Depression, die gut und rasch auf Antidepressiva anspricht. Diese Möglichkeit muss immer in Betracht gezogen werden.

Die dysthyme Störung oder Dysthymia bezeichnet einen chronisch depressiven Verstimmungszustand, der die meiste Zeit des Tages und mehr als die Hälfte aller Tage besteht und mindestens zwei Jahre andauert. Sie wird begleitet von Appetitlosigkeit oder übermäßigem Essen, Schlaflosigkeit oder übermäßigem Schlafbedürfnis, wenig Energie oder Erschöpfung, geringem Selbstwertgefühl, geringer Konzentrationsfähigkeit oder Entscheidungsschwierigkeiten und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Da solche Symptome in vielfältiger Weise auch in anderen Zusammenhängen auftreten, ist die Diagnose mit Vorsicht zu stellen. Sie darf kein Sammeltopf für unklare Situationen werden. Eine Behandlung mit Antidepressiva kann sinnvoll sein. Häufig sind dysthyme Störungen begleitet von anderen Störungen wie Anorexia nervosa, Abhängigkeit von psychotropen Substanzen, Angst oder chronisch körperlichen Erkrankungen. Hier gilt es im Einzelnen fachkompetent abzuwägen, welches die geeignete Behandlung ist.

Depressionen bei schizophrenen Psychosen

Nicht selten treten nach Abklingen der akuten psychotischen Symptome einer schizophrenen Erkrankung depressive Phasen auf, die leicht, aber auch schwer ausgeprägt sein können. Bis zu einem gewissen Grad kann eine solche depressive Verstimmung eine einfühlbare Reaktion auf die Auseinandersetzung mit der Krankheit sein. Die depressive Verstimmung kann aber auch so schwer wiegend werden und mit vielen körperlichen Symptomen begleitet sein, dass sie eine gesonderte Behandlung erfordert. Hier bedarf es erfahrener Spezialisten, um zu klären, wie die geeignete Behandlung aussieht – sei es eine intensivere Unterstützung bei der Rehabilitation und Reintegration in den Alltag, sei es die Änderung der neuroleptischen Medikation, sei es eine Verlangsamung der weiteren Pläne oder sei es eine gesonderte antidepressive Behandlung. In manchen Fällen ist die depressive Episode so ausgeprägt, dass wir von einer schizoaffektiven Psychose sprechen, d. h. dass in gleichem Maße schizophrene Symptome wie depressive oder auch manische Symptome vorhanden sind.

Die alte "endogene" Depression oder mittel- bis schwergradige depressive Episoden

Depressive Episoden können – ähnlich wie schizophrene Episoden – einmal bis viele Male im Leben eines Erkrankten auftreten. Im Unterschied zu schizophrenen Episoden dauern die einzelnen akuten Phasen in der Regel länger. Aber auch hier gibt es Phasen von wenigen Wochen bis zu mehr als einem Jahr. Je nach Ausprägung der Verstimmung können Minderwertigkeitsgefühle bis schwerste Selbstzweifel und Suizidgedanken oder -impulse auftreten, Schlafstörungen, Appetitverlust und vielfältige körperliche Beschwerden in Form von Unwohlsein, Schmerzen und vielem anderen mehr. Die neueren Diagnosesysteme unterscheiden zwischen Episoden mit und ohne somatische Symptome sowie mit und ohne psychotische Symptome. Damit ist gemeint, dass zu den Merkmalen, die wir einer Depression zuordnen, auch Wahngedanken, gelegentlich sogar Halluzinationen hinzutreten können. Diese kreisen häufig um Verarmung, vermeintliche oder reale Schuld, die ein unermessliches Ausmaß im Erleben des Erkrankten annimmt, um Versündigung und anderes mehr.

Weitere Formen von Depressionen

Darüber hinaus treten als Sonderform Depressionen bei älteren Menschen auf. Hier sind die äußerlich mitbedingten psychosozialen Probleme besonders schwierig zu lösen. Es gibt so genannte symptomatische und organische Depressionen. Das bedeutet, dass ein depressiver Verstimmungszustand eine andere Ursache hat, z. B. eine schwere körperliche Erkrankung. Dies können Operationen sein, aber auch schwere Infekte, Erkrankungen des Gehirns und anderes mehr. Außer der Behandlung der Grundkrankheit kann es vorübergehend wichtig sein, die depressiven Symptome mit Antidepressiva oder Tranquilizern zu behandeln.

Weitere Behandlungsmöglichkeiten sind der therapeutische Schlafentzug oder die Ergänzung der medikamentösen Behandlung mit Lithium oder Carbamazepin (vgl. das Kapitel "Was leisten Psychopharmaka?").

Zu den Ursachen

Ähnlich wie bei den Schizophrenien liegt bei den schweren depressiven Psychosen eine Störung des Neurotransmitterstoffwechsels vor. Botenstoffe im Gehirn sind für die elektrische und chemische Reizwirkung zuständig (vgl. im Medikamentenkapitel die Erläuterungen zu Neuroleptika). Bei den Depressionen scheint das Dopamin eine geringere Rolle zu spielen. In erster Linie scheint eine Störung der Serotoninverfügbarkeit vorzuliegen. Möglicherweise gleichzeitig oder in unterschiedlicher Gewichtung bei verschiedenen Kranken liegt ein Noradrenalinmangel vor.

Behandlungsmöglichkeiten

Bei länger anhaltenden, schweren Depressionen bedarf es eindeutig einer Behandlung mit Antidepressiva, gelegentlich am Anfang zusätzlich mit Tranquilizern oder anderen sedierenden Medikamenten, bis die Antidepressiva greifen. In schweren Krisen kann eine stationäre Behandlung unerlässlich sein. Zu Anfang sind depressive Symptome die "salonfähigsten" unter den psychischen Erkrankungen. Wenn sie jedoch anhaltend fortbestehen, wenn Klagen und Jammern und große Unruhe hinzutritt, wenn einem Kranken und einer Kranken ständig versichert werden muss, dass sie noch gemocht werden, dass sie den anderen noch etwas bedeuten, dass sie noch vernünftig denken und dass die depressive Episode ein Ende hat, kann der Umgang und die Behandlung mühsam bis qualvoll werden. Für Behandelnde wie Angehörige ist es entscheidend, die Geduld nicht zu verlieren und sich in der Bemühung um den Kranken auf eine längere Phase dieses Zustandes einzustellen. Im Zweifelsfalle ist es nötig, sich immer wieder abzugrenzen, um die Schwere der Depression mit dem Betroffenen durchzustehen.

Text: Ulrike Hoffmann-Richter und Asmus Finzen

Quelle:
Neue Auflage im BALANCE buch + medien verlag: BApK (Bonn 2007): Mit psychisch Kranken leben - Rat und Hilfe für Angehörige, 320 Seiten