Jahrestagung 2010 in Königswinter


"Vom Gelingen und vom Scheitern - Psychiatrische Hilfen annehmbar gestalten"

Tagungsbericht

von Beate Lisofsky

Warum ist es für psychisch kranke Menschen oft so schwer, Hilfen in welcher Form auch immer anzunehmen? Was macht eine Behandlung dann manchmal doch akzeptabel? Und wer übernimmt die Verantwortung im Spannungsfeld zwischen unterlassener Hilfeleistung und persönlichen Freiheitsrechten, wenn scheinbar gar nichts mehr geht?

Diese Fragen sind so alt wie die Geschichte der Psychiatrie als medizinischer Disziplin und sie bewegen natürlich ganz besonders die Familien mit psychisch Kranken, die sich damit auch heute noch oftmals allein gelassen fühlen. Daran hat sich auch im 25. Jahr des Bestehens des BApK nichts geändert. Aktualität gewinnt die Problematik auch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um die UN-Behindertenrechtskonvention und das vom Bundestag in der vergangenen Legislaturperiode verabschiedete Patientenverfügungsgesetz.

Nachdem am Vorabend das 25jährige Jubiläum des Bundesverbandes willkommener Anlass zum Rückblick und zum Feiern war, machten sich die "Jubilare" und Gratulanten gemeinsam mit den Tagungsteilnehmern schon am nächsten Tag wieder "an die Arbeit", um gemeinsam Antworten auf solche schwierigen Fragen zu finden. Dabei wurde die Problematik, wie das guter Brauch ist, aus verschiedenen Perspektiven gedreht, beleuchtet und nach gordischen Knoten bzw. vielleicht auch Ariadnefäden gesucht. Durch die Veranstaltung führte Gudrun Schliebener, die Vorsitzende des BApK.

Prof. Dr. Asmus Finzen
Über Behandlung verhandeln.
Wege zu einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung

Vortrag herunterladen

 

Prof. Asmus Finzen konnte bei seinen Überlegungen zwischen Behandeln und Verhandeln auf über 40 Jahre Psychiatrie-Erfahrung, vor allem im stationären Bereich, zurückblicken. Das Entscheidende dabei ist eine vertrauensvolle Beziehung, wenn auch der Weg dorthin weit, mitunter steinig und auch nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Das lässt sich auf die Geschichte der Psychiatrie insgesamt wie auch auf jeden einzelnen individuellen Lebens- und manchmal Leidensweg übertragen. So eint die Geschichte vom Gelingen und vom Scheitern uns alle.

Burkhardt Rother
Im ambulanten (N)irgendwo?
Von Verlässlichkeit und Verlassen sein nach, vor und außerhalb der Klinik

Vortrag herunterladen

 

Um die ambulante Versorgung vor und nach der Klinik ging es im folgenden Vortrag von Burkhardt Rother. Mit dem Titel: "Im ambulanten (N)irgendwo – verlässlich oder verlassen" vertrat der Psychologe, der viele Jahre beim Sozialpsychiatrischen Dienst in Herford gearbeitet und den Krisendienst vor Ort maßgeblich mit voran gebracht hat, die These, dass das zergliederte Versorgungssystem mit den unterschiedlichsten Interessen und Logiken der Anbieter und Kostenträger eine verlässliche und an den Interessen der Menschen orientierte ambulante Versorgung unmöglich macht.

Karl Heinz Möhrmann
Annehmbarkeit von Hilfen
Die Perspektive der Familien

Vortrag herunterladen

 

Karl-Heinz Möhrmann, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes und Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes, erläuterte im Anschluss die Perspektive der Familien auf "annehmbare Hilfen". Ausgehend von der Ambivalenz des Begriffs "annehmbar", der ja nicht nur in einem Sinn zu verstehen ist, ging er auf die vielfältigen Schwierigkeiten ein, die Hilfen für psychisch kranke Menschen in ein nicht unerhebliches Spannungsfeld unterschiedlicher (objektiver und auch subjektiver) Interessenlagen stellen. Nicht alles, was für den einen durchaus als annehmbar erscheint, ist das für andere am Geschehen Beteiligte. Das kommt nicht nur in den besten Familien vor, sondern ist auch mit dem Unterstützungssystem stets aufs neue – und hier kam Asmus Finzen erneut ins Spiel - "zu verhandeln".

Sibylle Prins
Annehmbarkeit von Hilfen
Die Perspektive der Betroffenen

Vortrag herunterladen

 

Was kann für psychisch kranke Menschen, ob mit einer oder ohne eine Diagnose, eine Hilfe sein, die als solche erlebt und damit annehmbar wird? Der Frage nahm sich die Bielefelder Autorin Sibylle Prins an. Sie spricht mit ihren kritischen und humorvollen Wortmeldungen (nicht nur) zahlreichen Psychiatrie-Erfahrenen aus der Seele und hat sich in den letzten Jahren eine echte Fangemeinde "erschrieben". Auch diesmal gelang es ihr sehr eindrücklich, Einsichten mit Aussichten zu verbinden und die Thematik so differenziert wie humorvoll und mit einer großen Gelassenheit zu beleuchten.

Die abschließende Podiumsdiskussion wurde von Eva Straub geleitet und gab Gelegenheit, mit den Referenten des Tages noch einmal ins Gespräch zu kommen.

Anfangs entspann sich eine Diskussion um die Gewinner und Verlierer der Entwicklung in der Versorgung psychisch kranker Menschen in den letzten 25 Jahren, wobei die Bilanz vorsichtig positiv war, aus der Sicht jeder der beteiligten Gruppen. Burkhardt Rother machte die Gewinner jedenfalls im Bereich der professionellen Mitarbeiter aus, die auf einem bunter werdenden Markt zumindest eine ganze Reihe an neuen Beschäftigungsmöglichkeiten aufgetan haben. Sibylle Prins sah auch die Psychiatrieerfahrenen auf der Gewinnerseite, wobei einzelne Menschen von den Entwicklungen durchaus nicht profitiert hätten und machte dafür die mangelnde Verbindlichkeit von Hilfen verantwortlich für Menschen, die an die Grenze ihrer Selbstbestimmung kommen. Laut Karl Heinz Möhrmann haben auch die Angehörigen von der Entwicklung der letzten 25 Jahre profitiert, zumindest, wenn es um die organisierte Selbsthilfe der Angehörigen auf den unterschiedlichen Ebenen geht.

v.l.: Eva Straub, Gudrun Schliebener, Asmus Finzen, Burkhardt Rother
v.l.: Asmus Finzen, Burkhardt Rother, Sibylle Prins, Karl Heinz Möhrmann

Bei alldem Positiven goss Prof. Finzen Wasser in den Wein, in dem er daran erinnerte, dass Suizide nicht weniger geworden seien. In diesem Zusammenhang gibt es nur Verlierer; Gelingen oder Scheitern ist eben nicht nur eine Frage der Versorgungsbedingungen.

Gudrun Schliebener merkte ebenfalls positiv die Anerkennung und Akzeptanz der Angehörigen auf den unterschiedlichen Ebenen an und sah auch die Rechte der Familien gestärkt. Allerdings bemerken die organisierten Angehörigen in den letzten Jahren wieder zunehmend eine Verlagerung der Lasten auf die Familien.

In der abschließenden Diskussion begrüßten sowohl das Podium wie auch die Teilnehmer der Tagung einen Wandel der Einstellung hin zur Befähigung zum Selberhandeln und fanden einen Konsens in der Mut machenden Feststellung: "Man kann nicht nur für die Vermeidung von Rückfällen leben!"

Suche