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EU-Strategie zur Förderung der psychischen Gesundheit

Psychische Störungen sind das am schnellsten zunehmende Krankheitsbild. Jeder vierte EU-Bürger ist in seinem Leben mindestens einmal von einer ernsthaften psychischen Erkrankung betroffen; jährlich leiden innerhalb der EU 18,4 Mio. Menschen zwischen 18 und 65 Jahren an starken Depressionen. Das Europäische Parlament verlangt daher verstärkte Anstrengungen u.a. in der Gesundheits- und Forschungspolitik, um die psychische Gesundheit zu fördern.

Ein heute mit großer Mehrheit angenommener Bericht nimmt Stellung zum Grünbuch der EU-Kommission "Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern - Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union". Angesichts der großen Zahl an psychischen Erkrankungen müsse diesem Phänomen innerhalb der Gesundheits- und Forschungspolitik - mit Schwerpunkt auf Vorbeugemaßnahmen - größere Priorität beigemessen werden.

Jährlich 58.000 Selbstmorde
Jährlich begehen 58.000 Bürger der EU Selbstmord. Dies übertrifft die Zahl der jährlichen Todesfälle durch Straßenverkehrsunfälle und HIV/AIDS. Die Zahl der Suizidversuche übersteigt die der begangenen Selbstmorde um das Zehnfache. Jeder vierte EU-Bürger ist in seinem Leben mindestens einmal von einer ernsthaften psychischen Erkrankung betroffen; jährlich leiden innerhalb der EU 18,4 Mio. Menschen zwischen 18 und 65 Jahren an starken Depressionen. Die durch psychische Erkrankungen verursachten wirtschaftlichen Kosten sind, so der Bericht, für die Gesellschaft beträchtlich und machen Schätzungen zufolge 3-4 % des BIP der EU-Mitgliedstaaten aus.

"Eindeutige geschlechtsspezifische Dimension"
Die Abgeordneten kritisieren, dass der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der gesamten EU nicht genügend Aufmerksamkeit und Finanzmittel zugekommen sind, obwohl psychische Erkrankungen bei Jugendlichen ständig zunehmen. Auch verweisen sie auf die "eindeutige geschlechtsspezifische Dimension" im Bereich der psychischen Gesundheit, insbesondere was Essstörungen, neurodegenerative Krankheiten, Schizophrenie, affektive Störungen, Angst, Panik, Depression, Alkoholmissbrauch und Missbrauch anderer psychoaktiver Substanzen anbelangt, sowie bei Selbstmord und Straffälligkeit. Frauen, die Hilfe suchten, würden sich in stärkerem Maße als Männer an spezialisierte Dienste wenden und ihnen würden auch doppelt so häufig Psychopharmaka verschrieben. Besorgt registrieren die Abgeordneten auch, dass gerade die neuen EU-Mitgliedstaaten sehr hohe Zahlen an Selbstmorden, Gewalt und Suchtproblemen, insbesondere Alkohol, aufweisen.

Entstigmatisierung der Kernpunkt jeder zukünftigen Strategie
Drei Ziele müssten nach Auffassung der Abgeordneten erreicht werden: Förderung der psychischen Gesundheit, Verbesserung der psychischen Gesundheit und Prävention psychischer Störungen. Nötig seien daher etwa frühzeitige Tests, Erkennung und Diagnose sowie eine gezielte integrierte Behandlung. Auch müsse der enge Zusammenhang zwischen psychischer und physischer Gesundheit mehr berücksichtigt werden.

Von großer Bedeutung sei zudem die "Entstigmatisierung" psychischer Erkrankungen, etwa durch die Einführung jährlich stattfindender Kampagnen zu Fragen der psychischen Gesundheit, um Ignoranz und Ungerechtigkeit zu bekämpfen, da das mit psychischen Erkrankungen verbundene Stigma zur Ablehnung in jedem gesellschaftlichen Bereich führt - am Arbeitsplatz, in der Familie, im öffentlichen Leben und sogar beim medizinischen Personal.

Mehr Forschung, jedoch nicht nur bei Arzneimitteln
Die Abgeordneten verlangen mehr Forschungsarbeit etwa auf den Gebieten therapeutische und psychologische Maßnahmen, Entwicklung wirksamerer Arzneimittel mit weniger Nebenwirkungen, Faktoren für psychische Störungen und Selbstmord, Evaluation von Investitionen in die Förderung der psychischen Gesundheit und Methoden für erfolgreiche Linderung und Genesung. Der Erforschung kindgerechterer Arzneimittel müsse dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Allerdings dürfe die Forschung sich nicht allein auf Arzneimittel beschränken, sondern auch auf epidemiologische, psychologische und wirtschaftliche Untersuchungen der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie auf soziale Faktoren, die Geisteskrankheiten auslösen.

Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz
Das Parlament betont darüber hinaus die Wichtigkeit guter Arbeitsbedingungen für die psychische Gesundheit. Die Arbeitgeber werden aufgefordert, "Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz als einen wichtigen Teil ihrer Verantwortung für die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zu ergreifen, um zu gewährleisten, dass Menschen mit psychischen Störungen in der für sie bestmöglichen Art und Weise beschäftigt werden und sich problemlos in die Arbeitswelt eingliedern können". Diese Maßnahmen müssten gemäß den bestehenden Rechtsvorschriften für Gesundheit und Sicherheit veröffentlicht und überwacht werden.

Hintergrund:

  • Psychische Störungen sind das am schnellsten zunehmende Krankheitsbild, wobei die unipolaren Depressionen die häufigste Störung darstellen.
  • 450 Millionen Menschen weltweit leben mit einer neurologischen oder psychischen Störung.
  • Jeder Vierte wird in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen sein.
  • 121 Millionen Menschen leiden an Depressionen - 3 von 100 Menschen in jedem Jahr.
  • Eine Million Menschen weltweit begeht Selbstmord - zehn Millionen versuchen es jedes Jahr.
  • Neuropsychiatrische Störungen sind für ein Drittel der Behinderungen, für 15 % der stationären Kosten, für knapp ein Viertel der Arzneimittelkosten, für die Hälfte der Kosten für Sozialarbeiter und im Vereinigten Königreich allein für 90 Millionen Tage Arbeitsausfall pro Jahr verantwortlich.
  • Die Menschen leben länger und insgesamt gesünder, jedoch leidet eine zunehmende Zahl im hohen Lebensalter sowohl an physischen als auch psychischen Gebrechen.
  • Betreuer von Kindern, Erwachsenen oder älteren Menschen haben bei der Anpassung an die neue Gemeinschaftspflege für Personen mit psychischen Gesundheitsproblemen keine Hilfe erfahren.
  • Drogenabhängigkeit und Kriminalität, Alkoholmissbrauch, Unfälle, Abwesenheit, Vandalismus, verhaltensauffällige Schüler, Obdachlose und viele andere soziale Probleme stehen tatsächlich in einem engen Zusammenhang mit psychischen Gesundheitsproblemen.

Quelle: www.europarl.europa.eu/news/expert/infopress_page/066-10291-247-09-36-911-20060901IPR10238-04-09-2006-2006-false/default_de.htm

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