Irre irren nicht

Im Klappentext heißt es zum Buch: »Keine sklerotisch-würdige psychiatriehistorische Betrachtung, sondern eine kritische Liebeserklärung an die Psychiatrie und die von ihr Betroffenen.« Das ist ehrlich und beruht auf einer umfangreichen Analyse der Akten in der Klinik und enthält zugleich eine kritische, sehr persönliche, auch selbstkritische Sicht der psychiatrischen Versorgung in der DDR.

Der Buchtitel macht neugierig: Können sich psychisch Kranke nicht auch – wie alle anderen Menschen – irren? Natürlich, aber »Irre irren nicht«, heißt – nach Sicht der Autoren – sie haben ihre eigene Wahrnehmung und eigene Wahrheit. In dieser Auffassung steckt die »Liebeserklärung« an die, die sich – zumindest zeitweilig – krank fühlen, Hilfe suchen oder von anderen als krank angesehen werden. Es ist ein aktuelles Thema bis in die Gegenwart.

Späte und Otto haben ihre Facharztausbildung in dem Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Görden (Brandenburg) erhalten und den Prozess des Umdenkens von einer autoritären Anstalt zu einer Therapeutischen Gemeinschaft hautnah erlebt und mitgestaltet. Nach vielen Jahren verantwortlicher Arbeit in anderen Kliniken suchen sie nach Gründen, wie es zu erklären ist, dass die im Mai 1963 erarbeiteten Rodewischer Thesen und auch die im Mai 1974 in Brandenburg vereinbarten »Neun Thesen zur Therapeutischen Gemeinschaft« so schwer durchsetzbar waren. Sie belegen, es waren nicht nur ökonomische Mangelzustände, die Ursachen sind auch in den Köpfen der politisch Verantwortlichen sowie der Ärzte und Schwestern zu sehen.

Man kann das Buch von hinten lesen, mit den Rodewischer Thesen und den Thesen zur Therapeutischen Gemeinschaft beginnen, um dann zu verstehen, was »Bergsteigerarbeit« und »Mühen der Ebene« waren. Man kann sich aber ebenso von den persönlichen Vorworten in das »Dorf« Görden leiten lassen, um sich mit dem Alltag aller dort Wohnenden und Arbeitenden vertraut zu machen.

Die Idee mit dem dreitausend »Einwohner« zählenden Dorf liegt vielleicht auf der Hand, ist aber eine, auf die man kommen muss, um unverkrampft an ein so schwieriges Thema herangehen zu können. So lernen wir die oberen Spitzen, die »Bürgermeisterin« und den »Bürgermeister«, also die ärztlichen Leiter, den »Gemeinderat« usw. kennen.

Die Wege in das Dorf enthalten »Umwege«, theoretische Analysen z.B. der »totalen Institution«, aber auch die Beschreibung vom Anstaltssyndrom und was es bedeutet, wenn ein »chronischer Patient« in die Zahl der »Dauerunterbringungen« eingeordnet wird.

Vor dem Gang durch das Dorf erfahren wir, wie »die Betreuer die Kranken gesehen« haben. Genauer gesagt, wie die Pflegekräfte die Kranken gesehen haben, denn wie die Ärzte dachten und handelten, ist aus den Akten so gut wie nicht überliefert. »Abwehr verbaler oder brachialer Aggressionen«, »über die gesamte Beobachtungszeit fortbestehende Kombination von Unbotmäßigkeit und Strafe« dominieren lange Zeit. Pflegekräfte haben Schwierigkeiten, normale Reaktionen der Betroffenen zu verbalisieren, auch wenn sie in der gegebenen Situation als »abnorm« imponieren. Immerhin ist festzustellen, dass von 1954 bis 1969 die negativen Äußerungen stark zurückgegangen sind.

Die Wanderung durch das Dorf Görden wird ausgelöst durch die Frage: Gab es einen Ausweg? Wir erfahren, welche Versuche und welche Erfolge es gab. Von den Alkohol- und Medikamentenabhängigen war zu lernen, welche Impulse von einer Selbsthilfegruppe ausgehen, wenn man ihre Wirkung erkennt. Anstelle einer »sinnleeren, konventionellen Visite« erwies sich die Gruppenvisite als Zugang zu den wirklichen Problemen und aktivitätsfördernden Maßnahmen. Ein Fortbildungsprogramm für Schwestern setzte sich ebenso mühsam durch wie der Patientenrat. Bis heute dauert die Debatte über offene oder geschlossene Stationen an. Am einflussreichsten war vielleicht die Idee einer Therapeutischen Gemeinschaft, die Veränderung der menschlichen Beziehungen vom Nebeneinander oder gar Gegeneinander zum Miteinander, vom Begreifen des gesunden Anteils der Patienten, sodass sie zu Mitgestaltern der Therapie werden können.

Das Buch regt damit auch an zum Nachdenken über das, was im Trialog geleistet wurde und was vielleicht noch zu leisten ist. Es sei nicht nur den Profis, den Psychiatrieerfahrenen und Angehörigen empfohlen, sondern auch allen, die an Teilhabe und Mitmenschlichkeit interessiert sind.

Ernst Luther in Psychosoziale Umschau

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Helmut F. Späte und Klaus-Rüdiger Otto: Irre irren nicht. Verlag Ille & Riemer Leipzig – Weissenfels, 2010, In ilri Bibliothek Wissenschaft, Band 5, 2. Aufl. 2011, ISBN 3-936308-08-2, 204 Seiten, 19,90 Euro