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Psychische Störungen in Deutschland und der EU

Wie häufig treten psychische Störungen auf? Wie hoch ist das Risiko, irgendwann im Leben an einer psychischen Störung zu leiden? Wie viele Menschen leiden in einem Jahr unter Depression, Panikstörung, Alkohol- und anderen Substanzstörungen oder Demenz? Wie viele der Betroffenen werden behandelt? Wie hoch sind Belastung und Kosten im Zusammenhang mit psychischen Störungen?

Psychische Störungen sind keine seltenen Erkrankungen

Im Laufe eines jeden Jahres erleiden 27% der EU-Bevölkerung oder 83 Millionen Menschen
mindestens eine psychische Störung wie z.B. eine Depression, bipolare Störung, Schizophrenie,
Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, Sozialphobie, Panikstörung, Generalisierte Angst,
Zwangsstörungen, somatoforme Störungen oder Demenz. Das Lebenszeitrisiko, an einer
psychischen Störung zu erkranken liegt allerdings mit über 50% der Bevölkerung wesentlich höher!
Ausmaß und Folgen sind dabei höchst variable: Einige erkranken nur episodisch kurzzeitig über
Wochen und Monate, andere längerfristiger. Ca. 40% sind chronisch, dass heißt über Jahre oder
gar von der Adoleszenz bis an ihr Lebensende, betroffen.

  1. So wie Bluthochdruck und Diabetes häufig in eine Herzerkrankung einmünden, so finden wir
    auch bei jedem zweiten Fall einer psychischen Störung weitere psychische Erkrankungen. Eine
    „reine Depression“ oder eine „reine Panikstörung“ tritt verhältnismäßig selten auf. Die häufigsten Muster sind früh auftretende Angststörungen, die dann im weiteren Verlauf von somatoformen-, Sucht- und depressiven Erkrankungen gefolgt werden.
  2. Die Mehrheit der psychischen Störungen manifestiert sich im entscheidendsten Zeitabschnitt für
    eine erfolgreiche gesundheitliche Entwicklung und Sozialisation – nämlich in der Kindheit und
    Adoleszenz. Die Befunde zeigen deutlich, dass frühe psychische Störungen vielfältige negative
    Effekte auf viele Bereiche des Lebens haben (z.B. akademische Erfolge, berufliche Karriere,
    Partnerschaft und Familienleben). Bleibt eine adäquate Behandlung einer psychischen Störung im frühen Verlaufsprozess aus, ist das Risiko für eine lebens-lange Leidengeschichte und
    Beeinträchtigung stark erhöht.
  3. Frauen haben ein höheres Risiko, an psychischen Störungen wie Angst, Depression und somatoforme Störungen zu erkranken als Männer. Ausnahmen sind Substanzabhängigkeit,
    Psychosen und Bipolare (manisch-depressive) Störungen. Frauen haben zudem ein erhöhtes
    Risiko, komplexe komorbide Störungsmuster zu entwickeln. Da die meisten psychischen Störungen bei Frauen überwiegend in den gebärfähigen Jahren ihres Lebens auftreten, haben diese wiederum negative Auswirkungen auf ihre Neugeborenen und deren weitere Kindesentwicklung.

Psychische Störungen werden selten früh erkannt und nur adäquat behandelt

Mit geringen Unterschieden zwischen den EU-Ländern erhalten nur 26% aller Betroffenen mit
psychischen Störungen irgendeine und noch weniger eine adäquate Behandlung. Oft vergehen
viele Jahre und manchmal Jahrzehnte, bevor eine erste Behandlung eingeleitet wird; Ausnahmen
sind Psychosen, schwere Depressionen und komplexe komorbide Muster. Unbehandelt verlaufen
viele psychische Störungen häufig chronisch mit zunehmenden Komplikationen. Die Besorgnis
erregend niedrige Behandlungsrate von psychischen Störungen, die in keinem anderen Bereich der
Medizin in diesem Ausmaß bisher beobachtet werden konnte, kann nicht allein mit der immer noch
den psychischen Störungen anhaftenden Stigmatisierung erklärt werden.

Familiäre, gesellschaftliche und ökonomische Folgen und Belastungen

Es ist ein Schlüsselkriterium der Diagnostik aller psychischen Störungen, dass sie mit Leiden des
Betroffenen und gravierenden Belastungen und negativen Folgen im beruflichen, familiären und
sozialen Rahmen einhergehen. Es ist angesichts der Häufigkeit und Schwere psychischer
Störungen nicht überraschend, dass die Studie aufzeigt, dass von allen Arbeitsunfähigkeitstagen
pro Jahr die Mehrzahl auf psychische Störungen, und nicht etwa auf somatische Erkrankungen
zurückgeführt werden kann.

Die Hauptmasse der gesamten gesundheitsökonomischen Kosten von psychischen Störungen sind
deshalb keine direkten, sondern indirekte Kosten des Gesundheitssystems. So haben die
gemeinsamen Analysen des European Brain Council und der ECNP-Arbeitsgruppe ergeben, dass
psychische Störungen jedes Jahr fast 300 Milliarden Euro Gesamtkosten ausmachen, von denen
allein 132 Milliarden Euro mit indirekten Kosten (krankheitsbedingte Ausfalltage, früherer Eintritt in
den Ruhestand, vorzeitige Sterblichkeit und verringerte Arbeitsproduktivität wegen psychischen
Problemen) zusammenhängen. Nur 110 Milliarden Euro werden demgegenüber für direkte Kosten
(Hospitalisierung und Hausbesuche von Patienten) ausgegeben. Die Kosten für die medikamentöse
Therapie – als die am häufigsten eingesetzte Behandlungsart – beansprucht dagegen nur 4% der
Gesamtkosten von psychischen Störungen; die für psychotherapeutische Leistungen liegen weit
unter 1%!

Quelle: www.tu-dresden.de/presse/psyche.pdf