Niedergelassene Nervenärzte

Erste Anlaufstelle und ein wichtiger Baustein für eine längerfristige psychiatrische Behandlung sind die niedergelassenen Nervenärzte. Es handelt sich dabei um Fachärzte, die im Rahmen ihrer Weiterbildung unter anderem auch Erfahrungen in psychiatrischen Kliniken gesammelt haben müssen und nun in eigener Praxis niedergelassen sind. Die Bezeichnung ist unterschiedlich: Arzt für Psychiatrie, Arzt für Psychiatrie und Neurologie, Arzt für Nervenheilkunde oder Nervenarzt sind übliche Titel.

Der Zugang zum Nervenarzt und die Finanzierung seiner Leistungen unterscheiden sich nicht von den Regelungen für andere Fachärzte. Man kann den Nervenarzt mit Krankenschein bzw. Versichertenkarte direkt aufsuchen oder aber eine Überweisung vom Hausarzt besorgen. Wie in anderen Bereichen auch herrscht das Prinzip der freien Arztwahl; ein Wechsel des Arztes ist möglich.

Da die Behandlung beim Nervenarzt in der Regel ein besonderes Vertrauensverhältnis voraussetzt, ist es sinnvoll, den »richtigen« Arzt sehr sorgfältig auszusuchen. Anschriften von Nervenärzten kann man den Branchenseiten des Telefonbuches entnehmen oder bei den Krankenkassen, oder beim Gesundheitsamt oder dem Sozialpsychiatrischen Dienst erfragen.

In einer Angehörigengruppe kann man überdies lernen, wer welche Erfahrungen mit welchem Arzt gemacht hat und daraus für sich Schlussfolgerungen ziehen. Wichtig für Patienten und Angehörige ist zum Beispiel die Frage, welche Hilfsangebote der Nervenarzt im Krisenfall anbietet. Ist der vertraute Arzt in solchen Situationen kurzfristig erreichbar, so kann dies sehr viel günstigere Auswirkungen haben als die Hinzuziehung beispielsweise des allgemeinärztlichen Notfalldienstes, der den betreffenden Patienten nicht kennt und deshalb die notwendigen raschen Entscheidungen mit zu wenig Hintergrundwissen treffen muss.

Generell sollten niedergelassene Nervenärzte bereit sein, sich erforderlichenfalls auch an der Beantragung und Durchführung von unfreiwilligen Unterbringungen zu beteiligen.

Eine tragfähige Arzt-Patient-Beziehung bedeutet eine Verpflichtung für den Arzt, die auch in schlechten Zeiten gelten muss. Neben der Beteiligung an Kriseninterventionsmaßnahmen sollten niedergelassene Nervenärzte auch danach eingeschätzt werden, ob sie ihren routinemäßigen Praxisablauf an die besonderen Bedürfnisse auch der schwerer beeinträchtigten psychisch kranken Menschen anzupassen vermögen.

Es gibt Menschen, für die das Einhalten verabredeter oder regelmäßiger Konsultationstermine in der Praxis oder das Warten im Wartezimmer eine Überforderung darstellt. Für andere Patienten ist dagegen die Vergabe fester Termine, auf die sie sich einstellen können, wichtig, um keine zusätzlichen Unregelmäßigkeiten in ihren Alltag zu bringen.

Hauptaufgabe von niedergelassenen Nervenärzten ist die Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen einschließlich der Verordnung von Medikamenten und anderen Heilmitteln wie ambulante psychiatrische Pflege oder Soziotherapie. Erforderliche körperliche Untersuchungen sowie Laboruntersuchungen kann der Nervenarzt je nach Ausstattung seiner Praxis selbst durchführen oder aber die Überweisung an einen anderen Facharzt vornehmen.

Das Verhältnis zwischen Nervenarzt und Patient wird geprägt durch das therapeutisch orientierte Gespräch. Wie viel Zeit sich der Arzt für das Gespräch nimmt, ob auch Angehörige oder andere Bezugspersonen einbezogen werden, wie viel Einfühlungsvermögen und Respekt der Arzt für die mitunter komplizierte und meist stark verletzliche Persönlichkeit des psychisch kranken Menschen aufbringt, hängt stark von der persönlichen Arbeitsweise des jeweiligen Arztes ab.

Der Zusatztitel »Psychotherapie« auf dem Praxisschild des Arztes kann ein Hinweis darauf sein, dass der betreffende Mediziner besonderen Wert auf das therapeutische Gespräch legt. Ob der betreffende Arzt jedoch im Einzelfall zu einem Patienten einen tragfähigen »Draht« findet und ob er sich Zeit nimmt, hängt sicher nicht von diesem Zusatztitel ab.

Die zeitlichen Möglichkeiten sind auch durch die Vergütungsregelungen der Krankenkassen begrenzt; ein besonderes Antragsverfahren bei der Krankenkasse ist erforderlich, um eine zeitintensive psychotherapeutische Behandlung durchzuführen.

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Klaus Obert: Dr. rer. Soc., Dipl.-Sozialpädagoge, Jg. 1953. Seit 1982 in Stuttgart tätig: Auf- und Ausbau Sozialpsychiatrischer Dienste sowie weiterer Bausteine des gemeindepsychiatrischen Verbunds und deren Koordination in der Praxis wie in der fachpolitischen Umsetzung.

Text von Klaus Obert aus BApK (Hg.): Mit psychisch Kranken leben. Rat und Hilfe für Angehörige. Balance buch + medien Verlag, 5. aktualisierte u. erweiterte Auflage 2014