Demenz

Der Koran fordert von den Gläubigen, den betagten Eltern großherzig und gütig zu begegnen, und verbietet, sie zurückzuweisen, zu kritisieren oder zu schelten (Sure 31:14, 15). Daher sind in patriarchalisch strukturierten orientalischen Gesellschaften, in denen alten Menschen sehr viel Respekt entgegengebracht wird, diese in keiner Weise gewohnt, dass ihnen in der Familie (auch in Alltagsfragen) jemand widerspricht oder sie anleitet oder gar kritisiert.

Personen mit einer beginnenden Demenz geraten daher in eine schwierige Situation: Sie erfahren durch ihren Hilfebedarf plötzlich Abhängigkeiten, die in fortgeschrittenen Demenzstadien bis in die Intimpflege hineinreichen. Da ihnen eine kognitive Einsicht in die Notwendigkeit pflegerischer Maßnahmen nur in geringem Maße oder überhaupt nicht möglich ist, spielt der emotionale Zugang eine besonders große Rolle.

Daher sollten Helfer viel über ihre Patienten wissen, deren Wege und Umwege, Höhen und Tiefen, Leistungen und Werte. Sie sollten Konflikte möglichst vermeiden und besonders in der Pflege auf gleichgeschlechtliche Versorgung und respektvollen Umgang achten, um Schamgrenzen zu wahren, auf deren Verletzung Demente häufig mit Unruhe, Aggression oder depressivem Rückzug reagieren.

Ältere Menschen aus dem orientalischen Kulturkreis sind in der Familie zumeist keine Einschränkungen, Kritik oder offenen Widerspruch gewöhnt und erfordern im Falle einer Demenzerkrankung in der Pflege ein besonders sensibles Vorgehen.

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Malika Laabdallaoui: Dipl.-Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin, ist Deutsche marokkanischer Abstammung und arbeitet in eigener Praxis in Rüsselsheim.

S. Ibrahim Rüschoff: Psychiater und Psychotherapeut und nach langjähriger oberärztlicher Tätigkeit in der Psychiatrie als Ärztlicher Psychotherapeut niedergelassen. Er leitet die Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe und ist Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Text von Malika Laabdallaoui, und S. Ibrahim Rüschoff aus: Umgang mit muslimischen Patienten. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2009