Depressionen

Wie religiöse Menschen überhaupt, so erleben auch Muslime besonders bei schweren Depressionen einen quälenden Verlust ihrer Glaubensfähigkeit. Sie beklagen, dass sie nicht mehr beten könnten, und raffen sich nur mit größter Mühe oder gar nicht zu den Ritualgebeten auf. Sie spüren Liebe und Zuneigung kaum noch, die sie sonst Gott, dem Propheten und ihren eigenen Angehörigen entgegenbringen. Religiöse Wahninhalte sind häufig, die Patienten sind abgrundtief verzweifelt, fühlen sich schuldig und von Gott verlassen.

Für diese Patientinnen und Patienten ist es wichtig, dass die Helfer ihre Nöte ansprechen und ihr Erleben als Teil der Erkrankung beschreiben, die sich irgendwann wieder bessert. Es gilt, sich an der prämorbiden Persönlichkeit des Patienten und seiner Alltagsstruktur zu orientieren und ihm zu helfen, diese beizubehalten, wenn auch in reduziertem Umfang.

Hier sollte man den Patienten unter Berücksichtigung der persönlichen Zumutbarkeitsgrenzen beispielsweise helfen, zum Gebet aufzustehen und die Waschung zu vollziehen. Hierbei ist vielleicht aktive Unterstützung nötig, wenn sie es wollen und ohne Hilfen nicht schaffen. Für jemanden, der seit vielen Jahren kein Gebet verpasst hat, bedeutet das viel.

Depressionen verändern auch religiöse Gefühle, was für die Menschen besonders quälend ist. Helfer sollten die Personen immer wieder darauf hinweisen, dass diese Veränderung ein Teil der Erkrankung ist, die mit der Gesundung wieder verschwindet.

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Malika Laabdallaoui: Dipl.-Psychologin und systemische Paar- und Familientherapeutin, ist Deutsche marokkanischer Abstammung und arbeitet in eigener Praxis in Rüsselsheim.

S. Ibrahim Rüschoff: Psychiater und Psychotherapeut und nach langjähriger oberärztlicher Tätigkeit in der Psychiatrie als Ärztlicher Psychotherapeut niedergelassen. Er leitet die Islamische Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe und ist Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Text von Malika Laabdallaoui, und S. Ibrahim Rüschoff aus: Umgang mit muslimischen Patienten. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2009